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Samstag, 18. Oktober 2014
Von abgewandten Gesichtern und ausgestreckten Händen
Gestern habe ich ihn kennen gelernt. Er kam ins Büro, um sich eine Entschuldigung für seinen Sprachkurs abzuholen. Dann erzählte er mir, dass er an einem Fotoprojekt teilgenommen hatte. Flüchtlinge sollten Fotos von ihrem Alltag machen. Das Resultat sollte dann in einer Ausstellung zu sehen sein. Er lud mich höflich dazu ein, am selben Abend zur Ausstellungseröffnung zu kommen. "Sie sind mein Gast. Ich möchte Sie einladen." Ich sagte zu. Klang doch interessant. Am Abend hatte ich Schwierigkeiten, den kleinen Laden zu finden. Er war in einer Seitenstraße versteckt. Das Schaufenster leuchtete hell, ein paar Hipster standen vor der Tür und verabschiedeten sich mit Handschlag. Ich war nur 20 Minuten zu spät. Die Ausstellung füllte aber "nur" einen Raum. Da ich ihn auf Anhieb nicht fand, schaute ich mir die Fotos erst einmal alleine an. Viele Aufnahmen zeigten bekannte Gesichter aus der Gemeinschaftsunterkunft, in der ich bis dato gearbeitet hatte. Ich freute mich, sie hier auf Papier wiederzufinden, auch wenn sie leider nicht persönlich anwesend waren. Zwei großformatige Fotografien fielen mir auf. Das eine zeigte eine Frau auf der Theodor-Heuss-Brücke, die das Gesicht von der Linse abgewandt hatte und die Hand des Fotografen hielt. Da hat sich einer eine Freundin angelacht, dachte ich und ging weiter. Ein ähnliches Bild, jetzt in völliger schwarzer Dunkelheit. Eine andere Frau, aber dieselbe Haltung. Ich fragte mich, ob es sich um denselben Fotografen handelte. Zwei Frauen? Nicht schlecht. Ich ging weiter, an einem großen bunten Blumenstrauß vorbei. Farben verschwommen vor meinen Augen. Dann tippte mich jemand an. Das war er. Er freute sich augenscheinlich sehr, dass ich doch noch gekommen war. Ein bisschen vorwurfsvoll wanderten Blicke auf seine Armbanduhr. Ich entschuldigte mich für die Verspätung. Welche Bilder gefallen dir am besten? Ich sah mich um, alle hatten was. Ich deutete auf eins, das viele mir bekannte Gesichter hinter einem Lagerfeuer zeigte. Er schaute mich irritiert an, wirklich? Augenbrauen zogen sich zusammen. Ich war verlegen, deutete auf zwei andere. Offensichtlich nicht seine. Welche hast du gemacht? Er deutete auf die beiden großformatigen Fotografien der zwei Frauen. Ich war überrascht. Was zeigen sie? Sind das Freundinnen von dir?
Er schüttelte den Kopf. Es soll heißen, ich fühle mich immer abhängig. Mir verschlägt es den Atem. Eine solche Antwort habe ich nicht erwartet. Ich sehe die Fotos erneut an. Jetzt ist es offensichtlich. Keine schaut dich an, beide ziehen dich hinter sich her. Du folgst wie ein Hund. Bist angekettet, um nicht abzustürzen. Die Brücke, eine Brücke wohin? In ein neues Leben? Die Dunkelheit, Ungewissheit. Keine Orientierung. Sie helfen dir, aber sehen dich nicht an. Unwürdig. Du hast deine Würde verloren.
"Tolle Idee", murmele ich. Dann fasse ich mir innerlich an den Kopf. "Also, natürlich ist es schlecht, aber - eine tolle Idee, es umzusetzen." Ich könnte mich hauen. Mal wieder zu viel geredet. Er sieht mich ernst an. Wirst du wieder zu uns kommen? Ich habe diese Frage so viele Male gehört die letzten Wochen. Bedauernd schüttele ich den Kopf. Ich muss mich auf die Uni konzentrieren. Nächstes Semester vielleicht wieder. Dann aber in AB. Bei uns ist es besser, lenkt er ein. Komm zu uns zurück. Mal sehen, sage ich. Wir verabschieden uns. Er wirkt enttäuscht. Gerade kennen gelernt und wieder verloren. Wie betäubt verlasse ich den Raum. Zurück ins Menschengetümmel.
Donnerstag, 16. Oktober 2014
Sich nicht ablenken lassen...
...von dem, was WESENTLICH ist! Das ist gar nicht so einfach. Überall verfolgt mich die Werbung, im Fernsehen, an Litfaßsäulen, auf großen Leinwänden. Alle wollen mir zeigen, wie frau sich am schönsten anzieht. Wie ich mich benehmen soll, damit die Männer auf mich stehen oder mir hinterher sehen. Und sie lenkt mich ab davon, was wirklich wichtig ist.
In der U-Bahnstation gibt es riesige Leinwände, auf denen ununterbrochen Werbung läuft oder Nachrichten komprimiert wiedergegeben werden. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich in leere Augen, fixiert von diesem ständigen Wechsel der Bildung.
Ihr giert doch nach Unterhaltung. Nach Ablenkung. Warten haltet ihr nicht aus. Ihr seid so schnell gelangweilt. Atmet doch mal durch. Besinnt euch. Schaut euch mal um, wer da noch so steht. Von diesen leeren Blicken wird mir ganz schlecht.
Wenn ich in der Bahn sitze, lächele ich manchmal mein Gegenüber an. Es ist schön, wenn dann ein Lächeln zurückkommt, oder wenn der andere zumindest den Blick hält. Dann ist noch nicht alles verloren. Andere senken den Kopf, und ich bin traurig. Tut dir dieser Blick weh? Ein Kontakt mit einer Fremden, ohne Forderungen?
Deutschland ist ein so soziales Land, so offen für alle! Da klingt doch pure Ironie raus. Wir haben das Zusammensein verlernt. "Wir können auch Freunde sein", eine Überschrift über einen gemeinsamen Kochabend zwischen "den Deutschen" und "Flüchtlingen". Ätzend! Natürlich können wir das. Müssen wir das extra noch betonen? Lebt es einfach!
Ich reiße mich immer wieder zusammen und versuche, die Hoffnung nicht zu verlieren. Ich will nicht jemand sein, der die ganze Zeit nur am Meckern ist. Wir müssen auch was ändern. Das kann jeder auf eigene Art. Den Kopf heben, Augenkontakt suchen, lächeln, oder einfach den Blick halten.
Wenn im nächsten Augenblick ein Unglück passieren sollte, bin ich wenigstens nicht mehr allein in der fremden Masse.
Donnerstag, 9. Oktober 2014
Unerwartet gesegnet
"Ich bete für dich", sagst du in gebrochenem Deutsch und mit vertrauter Stimme am Telefon zu mir, und die Welt steht für einen Moment still, was hast du da gerade gesagt, einfach, so. Ich fühle mich gehalten und bin zugleich erstaunt über diesen Satz, den ich hier noch nie so gehört habe, und da sieht man es, dein Glaube lebt, was tut meiner? Er lebt so im Untergrund, er ist da, aber nicht bewusst, er taucht nur in Bruchteilen von Sekunden auf, wenn ich an einem Bettler vorbeigehe und mir denke, Jesus in jedem ärmsten deiner Nächsten, und dennoch gibst du nichts, warum eigentlich. Ja solche Momente sind es, in denen eine Ahnung meines Glaubens zurückkehrt zu mir, weil mich die Geschichte dann nicht loslässt, von wegen, so viel wie du gibst, wird dir im Himmelreich auch gegeben sein. Aber dieser einfache Satz aus deinem Mund, und so ernst gemeint, ist für mich befremdlich und schön, ich freue mich und frage mich zugleich, womit ich das verdient habe, beten ist so was großes, für Leute, denen es wirklich nicht gut geht, nicht für mich. Oder?
Dein Glaube in Gott ist tief. Immer wieder, wenn es mir schlecht geht, sagst du mir, mach dir keine Sorgen, alles wird gut, du musst nur zu Gott beten, er wird uns alles geben, und ziehst jeden Morgen dein kleines Kreuz an, golden leuchtet es auf deiner Haut, und ich betrachte das kleine Holzkreuz über deinem Bett, den Rosenkranz daran, den du manchmal auch mit nimmst - um ihn zu beten, als Glücksbringer, ich habe dich nie gefragt - und ich bewundere diesen Glauben, fühle mich aber auch befremdet davon, ist es wirklich die Lösung aller Probleme, einfach zu beten und zu warten? Kann ich mich so sehr auf diesen Gott verlassen? Mir fehlt dann die Konversation darüber, wie ist es zu dieser Situation gekommen, wie fühlst du dich, was denkst du, wie es weitergehen kann? Das kommt gar nicht zur Sprache, nein, ich soll nur zu Gott beten, du willst mich trösten, es tut gut, aber irgendwie bricht es auch alles ab, dein Vertrauen ist so groß in diese Macht, meines ist glaube ich nicht groß genug. Vielleicht wehre ich mich auch nur gegen das Abwarten und Tee Trinken. So wirkt es auf mich, auch wenn ich weiß, dass es dem Sinn von Beten nicht gerecht wird...
Mittwoch, 8. Oktober 2014
Angefüllt bis oben...
...mit Begegnungen aus den letzten zwei Tagen. Ich liebe dieses Leben, wo ich in den Tag hinein lebe, Menschen anrufe, um zu sehen, ob sie Zeit haben, und auf einen Sprung vorbeikommen darf. Freude auf beiden Seiten, wir trinken Tee, umarmen uns, tauschen Neuigkeiten aus, laufen im strömenden Regen zum nächsten Tabakladen, ihr stellt mir eure neuen Mitbewohner vor, ich darf euer Essen probieren, ich soll, um ehrlich zu sein, eigentlich nur essen, essen, essen, weigere mich müde lachend dagegen, da ich das Gefühl habe zu platzen. Merke in solchen Momenten der Zwei-, der Mehrsamkeit, dass ich nie nie nie darauf verzichten mag, auf diese Momente des Glücks. Auch wenn es nicht von Dauer ist, so genieße ich eure Anwesenheit für diesen Moment, und wir sitzen und wir reden und dann müsst ihr euch verabschieden, ich darf noch bleiben, lese, eine kommt herein, bügelt, ich rede mit dir, dann verabschiedest du dich, machs gut, komm bitte bald wieder, melde dich. Ciao. Und danke.
Und dann diese Begegnung, die weitere Begegnungen beenden soll, festhalten, trauern, dass es nicht gereicht hat, für mehr, zweifeln, ob das wirklich die richtige Entscheidung ist, aber es ist besser als es weiter mit sich herum zu schleppen und den Kontakt zu meiden. Auch hier der Regen um uns, alles grau, wie im Film, sehr ironisch, aber manchmal stimmts auch in echt; die Kapuzen verbergen dennoch die Blicke kaum. Gemeinsames Frühstück, alles wie immer, das Lächeln kehrt vorsichtig zurück, der Kuss bleibt aus. Etwas ist anders. Ist es besser? Ich glaube. Ich weiß nicht. Die Zeit wird es zeigen. Ob sie alles heilen kann oder ob es doch anders ist. Keine halben Sachen mehr, nehme ich mir vor. Und nicht mehr zu suchen. Darüber reden ist ja auch einfach.
Sonntag, 5. Oktober 2014
Funkstille brechen
Ein Lachen erfüllt das Herz. Ich habe seit langem was. Von dir gelesen und freu. Mich einfach über dein Lebenszeichen. Es tut so gut, fast. Als ob ich deine Stimme. Höre, lieber Freund, und so. Vertraut, als ob es gestern. Gewesen wäre, dass wir uns. Das letzte Mal gesehen haben.
Schön von dir zu hören.
Freitag, 3. Oktober 2014
Stille
Ist schon seltsam, wie schwer
ich vollkommene Stille
aushalten kann.
Ich suche Betäubung für die
Ohren in Musik
und Filmen,
Im Lärm der vorbeirasenden Autos
und dem Ticken
der Uhr,
Will mich ablenken von dem
Gefühl allein zuhause
zu sein.
Stattdessen das Verlangen nach Aussprache
mit den Menschen
neben mir.
Um mich vielleicht abzulenken von
dem Nachdenken über
den Tag.
Zu langwierig, ich möchte leben
und nicht immer
nur denken.
Laut denken, ja das schon.
Dann kommste auch
zum Ziel.
Stattdessen denke ich hier auf
dem Papier, das
geduldig ist.
Hermann Hesse: Stufen. Ausschnitt.
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend /
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,/
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend/
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.//
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe/
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,/
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern/
in andre, neue Bindungen zu geben.//
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,/
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.//
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,/
An keinem wie an einer Heimat hängen,/
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,/
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.//
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise/
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,/
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,/
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.//
(...)
Sonntag, 28. September 2014
Über das Ausreißen.
Es braucht Mut, alte Gefilde zu verlassen und irgendwo neu anzufangen. Das erste Mal ist mir das nach der Schule gelungen, da war aber auch eine ordentliche Portion Naivität und die Lust, alles einzureißen und neu aufzubauen, mit dabei. Ohne viel nachzudenken habe ich den Sprung ins kalte Wasser gewagt und bin für ein Jahr in ein völlig fremdes Umfeld auf einem fremden Kontinent gegangen. Bereut habe ich es bisher nie, auch wenn es immer Dinge gibt, die man im Nachhinein wahrscheinlich anders gemacht oder einfach gelassen hätte. Aber was kann ich daran noch ändern? Ich habe gelebt.
Auch jetzt lebe ich neu auf, in einer neuen Umgebung. Verrückt, dieses Gefühl, das ich fast vergessen hatte: sich nicht auszukennen, gestrandet in einer Stadt mit beinahe nur fremden Menschen. Das Gefühl ist ein anderes, als es die vergangenen vier Jahre in Mainz war. Ich finde es aufregend und spannend, aber es beängstigt auch zuweilen ein bisschen. Dennoch bereue ich den Schritt bisher nicht. Neu anzufangen irgendwo, birgt unheimliche Chancen, sich selbst ein Stück näher zu kommen. Welche Stadt liegt mir mehr? Mit wem verstehe ich mich gut? Welchen neuen Eindruck hinterlasse ich bei anderen, die mich bislang nicht kannten? Es fühlt sich an wie eine Feuerprobe, es ist aber auf eine gute Art und Weise wichtig. Ein neues Leben beginnt, ohne dass ich mein altes abschütteln könnte oder möchte. Aber ich bin doch gespannt, was da noch kommt.
Dienstag, 16. September 2014
Ein kurzer Satz und Gänsehaut.
Wir laufen die Straße entlang. Es nieselt ein bisschen, Leute rennen blind an uns vorbei. Wir reden, ich weiß nicht mehr worüber. Da dreht er seinen Kopf zu mir und sagt: "You know, we have a..." Er sucht nach Worten. "A saying?", frage ich. "Yes... that, ..." Er stockt, sucht nach Worten, um vom Arabischen ins Englische zu übertragen, was gar nicht so einfach ist.
"... that somebody who washes his bloody hands with blood will never be able to clean them." Er sieht mich an, will wissen, ob ich ihn verstanden habe. Ich nicke nur.
Er setzt noch einmal an. "Somebody who has blood on his hands, can use water to wash, and they will be clean. But if he uses blood, he will never be able to..." Ich nicke, verstehe. Und frage mich einmal mehr, welche Bilder aus seiner Heimat, die ihm zum Exil geworden ist, damit verbindet.
"... that somebody who washes his bloody hands with blood will never be able to clean them." Er sieht mich an, will wissen, ob ich ihn verstanden habe. Ich nicke nur.
Er setzt noch einmal an. "Somebody who has blood on his hands, can use water to wash, and they will be clean. But if he uses blood, he will never be able to..." Ich nicke, verstehe. Und frage mich einmal mehr, welche Bilder aus seiner Heimat, die ihm zum Exil geworden ist, damit verbindet.
Donnerstag, 28. August 2014
Wenn du fällst.
"Das ist das Ende", sagte er und schaute sie an. Kein Blinzeln in den Augen, nur dunkle Pupillen, die sie anstarren. Nach Halt suchend, testend vielleicht auch: Kann sie sein Leid mittragen? Das, was er nun erzählen wird? "Ich glaube, das ist unser Ende." Wo hört Liebe auf, wo ist der Grad überschritten, an dem Streit zu viel wird und eine Trennung der bessere Weg ist.
Sie nimmt seine Hand, hält sie fest, kühl wie sie ist. Hofft auf mehr Worte, die dann auch zu sprudeln beginnen. Wie alles angefangen hat, wie es jetzt ist, wie er sich fühlt. Er ist befremdet von diesen neuen Gefühlen. Warum er nicht bei ihr sein will, bei dem Menschen, den er mal geliebt hast. "Wenn sie morgen nach S. geht, ist mir das egal. Ich muss das akzeptieren", sagt er und schaut sie an. "Ist das normal?" fragt er. "Dass wir einander so gleichgültig geworden sind, so viel Hass empfinden", denn ja, Hass nennt er es. Er will weglaufen, sich von ihr entfernen.
"Ich frage mich, wie wir zu diesem Ort gekommen sind" tönt es ihr in den Ohren, als sie bewegt nach Hause fährt. Und weiß doch keinen Rat.
Manchmal verstehen die Menschen die Welt nicht mehr, und alles liegt in Scherben, die ganze Welt ist kaputt, zerfallen in Staub, das Konstrukt, das man aufrechtzuerhalten versucht hat, ist gescheitert, und man steht plötzlich allein da, einsam in Zweisamkeit, die plötzlich beängstigend und bedrückend wirkt. Der Ausweg ist die Flucht auf ein herrenloses Sofa weit weg von zuhause, doch wie geht es weiter? Was tun, wenn die Orientierungslosigkeit den Menschen umhüllt, er nach Lebenszeichen des anderen hechtet, die aber nicht kommen, wenn das Schweigen tiefe Wunden schneidet.
Manchmal gibt das Leben harte Prüfungen auf, die einen überfordern und ratlos dasitzen lassen. Man verliert alles. Wo ist dann Halt? Was hält die Hoffnung aufrecht, wenn man nicht an Gott glaubt, sondern an den Menschen, und der Mensch, den man vielleicht am meisten liebt, plötzlich nicht mehr da ist? Wenn es einen Gott gibt, möge er diese suchenden Menschen segnen und tragen, wo sie in Not sind.
Sie nimmt seine Hand, hält sie fest, kühl wie sie ist. Hofft auf mehr Worte, die dann auch zu sprudeln beginnen. Wie alles angefangen hat, wie es jetzt ist, wie er sich fühlt. Er ist befremdet von diesen neuen Gefühlen. Warum er nicht bei ihr sein will, bei dem Menschen, den er mal geliebt hast. "Wenn sie morgen nach S. geht, ist mir das egal. Ich muss das akzeptieren", sagt er und schaut sie an. "Ist das normal?" fragt er. "Dass wir einander so gleichgültig geworden sind, so viel Hass empfinden", denn ja, Hass nennt er es. Er will weglaufen, sich von ihr entfernen.
"Ich frage mich, wie wir zu diesem Ort gekommen sind" tönt es ihr in den Ohren, als sie bewegt nach Hause fährt. Und weiß doch keinen Rat.
Manchmal verstehen die Menschen die Welt nicht mehr, und alles liegt in Scherben, die ganze Welt ist kaputt, zerfallen in Staub, das Konstrukt, das man aufrechtzuerhalten versucht hat, ist gescheitert, und man steht plötzlich allein da, einsam in Zweisamkeit, die plötzlich beängstigend und bedrückend wirkt. Der Ausweg ist die Flucht auf ein herrenloses Sofa weit weg von zuhause, doch wie geht es weiter? Was tun, wenn die Orientierungslosigkeit den Menschen umhüllt, er nach Lebenszeichen des anderen hechtet, die aber nicht kommen, wenn das Schweigen tiefe Wunden schneidet.
Manchmal gibt das Leben harte Prüfungen auf, die einen überfordern und ratlos dasitzen lassen. Man verliert alles. Wo ist dann Halt? Was hält die Hoffnung aufrecht, wenn man nicht an Gott glaubt, sondern an den Menschen, und der Mensch, den man vielleicht am meisten liebt, plötzlich nicht mehr da ist? Wenn es einen Gott gibt, möge er diese suchenden Menschen segnen und tragen, wo sie in Not sind.
Samstag, 16. August 2014
Wenn die Nacht kommt.
Die Nacht legt sich wie ein Schleier um mich, tröstet mich, beruhigt mich. Die Straßen sind leer, und nur vom künstlichen warmen Licht der Straßenlaternen erleuchtet. Eine Mischung aus Rosen- und Pfefferminzduft erfüllt die Luft in meinem kleinen Zimmer. Die Aufregung legt sich zu leisen Gesängen und Gitarrenklängen. Ich streiche mit meinen nackten Füßen über die raue Wand, spüre der Berührung nach. Meine Augen beginnen zu jucken, es ist Zeit, sie zu schließen. Noch will ich nicht. Spüre den Geräuschen nach.
Mittwoch, 6. August 2014
Aus Müdigkeit entstanden.
Manchmal überfällt sie mich, diese Müdigkeit. Besonders, wenn ich lese. Ich spüre, wie alle Kraft aus meinen Gliedern weicht, wie mein Kopf plötzlich für eine Schrecksekunde nach unten fällt, wie ich rasch wieder wach werde, bloß um erneut gegen die Schwere anzukämpfen, die meinen Körper erfüllt. Wie menschlich ist es doch, dass wir rasten müssen. Und wie unnatürlich ist es doch angesichts dessen, dass wir versuchen, durchzuarbeiten, uns keine Pausen gönnen können und die Arbeitszeit sich unerträglich langsam ihrem Ende zu bewegt. Gefesselt an die institutionellen Vorgaben verkomme ich zuweilen am Schreibtisch, weil ich alles in meiner Macht stehende getan und meine Aufgaben so gut es geht vollendet habe. Welchen Sinn ergibt es also, mich weiterhin hier aufzuhalten? Müde sehe ich den Telefonapparat an und denke innerlich: Wüsste ich doch, dass kein Anruf mehr kommt, ich könnte mich wenigstens nach draußen zu den anderen Flüchtlingen setzen und mich mit ihnen unterhalten. Aber nein, die Pflicht hält mich hier. Ich kapituliere.
Betrachte das Buch in meinen Händen, ein Buch über Ethnologie. Hoffe, bange, ein weiteres Mal, dass es das richtige für mich ist, dieses Studium gewählt zu haben. Ich wehre mich gegen den Gedanken von "Urvölkern", sondern spreche von Menschen anderer Herkunft. Betrachte Menschen, die an meinem Fenster vorbeilaufen. Einen kleinen Jungen in einem leuchtend orangenen T-Shirt, einen Mann mit einer Plastiktüte voller Einkäufe. Sie sprechen ihre eigene Sprache, aber sie sind nicht "zivilisationsfremd" oder "naturvölklich". Die Hände gebunden.
In kaum einem anderen Berufsfeld, so glaube ich, kann man so intensiv erleben, dass einem die Hände gebunden sind, wie in diesem hier. Und das schon nach nur zwei Wochen Arbeit. Es ist teilweise schon frustrierend.
Wie schnell habe ich mich daran gewöhnt, eine Tür zu öffnen, hinter der 2, 3 oder 4 Menschen in einem Zimmer leben, schlafen und essen! Das ist der Alltag hier: Fünfzig oder mehr Menschen teilen sich vier Toiletten, sechs Duschen, eine Küche mit zehn Herdplatten und drei Spülen. Öffnet man die Tür zur Damentoilette, muss man darauf achten, dass durch den Luftzug nicht der Duschvorhang beiseite geweht wird, der die Duschenden vor neugierigen Blicken von außen schützt. Dass in den Zimmern gebrauchte Sofas, Betten, Tische und Stühle stehen, dass sich die Bewohner auf jeden neuen Kleidersack, den jemand gespendet hat, stürzen, das alles ist mir viel zu schnell zum Alltag geworden. Das ist Abhängigkeit von Hilfe in seiner erniedrigendsten Form. Sonntag, 3. August 2014
Was angerührt haben.
Es gehört zu den schönsten Worten, die ein Freund einem anderen Freund sagen oder schreiben kann:
Ich musste an dich denken, als ich...
Du hast bei mir was ins Rollen gebracht...
Ich hab durch dich jetzt eine neue Perspektive entwickelt...
Danke, dass du mir das gesagt hast...
Viel zu selten drücken wir unsere Dankbarkeit für die Quellen unseres Umdenkens aus, obgleich diese viel zu oft gerade unsere Nächsten sind. Im Austausch mit einer Freundin, einem Freund, mit den eigenen Eltern oder dem Bruder wachse ich innerlich, es treiben neue Äste und Verbindungen in mir aus. Ich erlebe manchmal gar einen "Frühling", wenn mir durch ein Gespräch plötzlich eine neue Idee, ein neuer Lebensplan in den Sinn kommt.
Die Ugander haben eine Art, die auch ich mir zu eigen gemacht habe. Sie danken viel. Vielleicht sollten wir das auch noch mal neu lernen. Ich kann schon gar nicht mehr ohne, auch wenn ich dadurch oftmals auf Verwirrung stoße, wenn ich beispielsweise gefragt werde: Warum dankst du mir fürs Kochen? Ist doch selbstverständlich. Oder: Kein Ding.
Wir Menschen geben einander viel. Und danken es manchmal zu wenig. Lasst uns dies neu lernen, denn es ist ein Tribut für das, was sie aus uns machen, in uns - angerührt haben.
Ich musste an dich denken, als ich...
Du hast bei mir was ins Rollen gebracht...
Ich hab durch dich jetzt eine neue Perspektive entwickelt...
Danke, dass du mir das gesagt hast...
Viel zu selten drücken wir unsere Dankbarkeit für die Quellen unseres Umdenkens aus, obgleich diese viel zu oft gerade unsere Nächsten sind. Im Austausch mit einer Freundin, einem Freund, mit den eigenen Eltern oder dem Bruder wachse ich innerlich, es treiben neue Äste und Verbindungen in mir aus. Ich erlebe manchmal gar einen "Frühling", wenn mir durch ein Gespräch plötzlich eine neue Idee, ein neuer Lebensplan in den Sinn kommt.
Die Ugander haben eine Art, die auch ich mir zu eigen gemacht habe. Sie danken viel. Vielleicht sollten wir das auch noch mal neu lernen. Ich kann schon gar nicht mehr ohne, auch wenn ich dadurch oftmals auf Verwirrung stoße, wenn ich beispielsweise gefragt werde: Warum dankst du mir fürs Kochen? Ist doch selbstverständlich. Oder: Kein Ding.
Wir Menschen geben einander viel. Und danken es manchmal zu wenig. Lasst uns dies neu lernen, denn es ist ein Tribut für das, was sie aus uns machen, in uns - angerührt haben.
Mittwoch, 23. Juli 2014
Hier wird Geschichte geschrieben: Lebensgeschichte.
Auf dem Tisch im Büro liegt eine Einkaufstüte, gefüllt mit Pralinen. Wir wundern uns über dieses stumme Zeichen der Anerkennung. Auf einem beiliegenden Zettel steht der Name eines Bewohners. Schließlich hören wir: er ist als Flüchtling anerkannt worden und darf nun bleiben. Das Bangen, das Warten hat ein Ende für ihn.
Hier wird Geschichte geschrieben: Lebensgeschichte. Das Schwanken zwischen Hoffnung und Angst ist Alltag für die Flüchtlinge, die noch auf den Bescheid warten. Manche haben versucht, sich umzubringen. Andere schaffen es, ihren Alltag zu beleben. So wie die ältere Dame, die mit abwesendem Blick hinter der Unterkunft in ihrem Gehwagen sitzt. Ihr runzeliges Gesicht heitert sich auf, als ich sie grüße. Die Sonne lässt es leuchten. Als ich weitergehe, folgt sie mir. Als sie bemerkt, dass ich kein Arabisch spreche, holt sie ihren Sohn dazu und lässt ihn übersetzen. So kommen wir in Kontakt. Eine ganze Familie lebt hier. Was haben sie erlebt? Ich kann sie nicht fragen, noch kennen sie mich nicht.
Hier wird Geschichte geschrieben: Lebensgeschichte. Das Schwanken zwischen Hoffnung und Angst ist Alltag für die Flüchtlinge, die noch auf den Bescheid warten. Manche haben versucht, sich umzubringen. Andere schaffen es, ihren Alltag zu beleben. So wie die ältere Dame, die mit abwesendem Blick hinter der Unterkunft in ihrem Gehwagen sitzt. Ihr runzeliges Gesicht heitert sich auf, als ich sie grüße. Die Sonne lässt es leuchten. Als ich weitergehe, folgt sie mir. Als sie bemerkt, dass ich kein Arabisch spreche, holt sie ihren Sohn dazu und lässt ihn übersetzen. So kommen wir in Kontakt. Eine ganze Familie lebt hier. Was haben sie erlebt? Ich kann sie nicht fragen, noch kennen sie mich nicht.
Dienstag, 22. Juli 2014
Die Frau an der Tür. Oder: Erste Begegnung mit zwei Geflohenen.
Ich klopfe an die Tür, einmal, zweimal. Erst dann regt sich etwas dahinter. Ich betrachte ein paar Sandalen, die auf der schmutzigen Türschwelle liegen. Dann öffnet sie.
Ich sehe eine Frau an, die in weite dunkelblaue Gewänder gehüllt ist. Ihre dunkle Haut schimmert in dem bisschen Tageslicht, das sie vom Flur her trifft. Sie ist wunderschön, aber ihre Augen strahlen Unsicherheit und ein wenig Angst aus. Still schaut sie mich an. Ich versuche zu lächeln und fühle mich unsicher. In dem Zimmer ist es dunkel, man erkennt mit Mühe ein größeres Bett. Die Luft ist stickig.
Ich frage sie etwas, bis ich merke, dass sie mich nur bruchstückhaft verstehen kann. Ich zeige auf den Namen an der Tür, lese ihn laut. Sie nickt und zeigt auf ihre Brust, wiederholt den Namen. Ich verstehe sie und lächele. Dann zeige ich auf mich und sage "Ricarda". Sie wiederholt ihn, wie alle, die ihn zum ersten Mal hören, hat sie Schwierigkeiten, ihn auszusprechen. Mir ist das gleich. Ich freue mich über diese Begegnung. Zwei Frauen haben sich in diesem Moment kennen gelernt.
Diese Frau hat Zuflucht gesucht. Wie ich später von ihrem Mann erfahre, stammen beide aus Somalia und haben mehrere Länder durchreist und -fahren, bis sie an der Küste Libyens ein kleines Boot bestiegen und sich auf die dreitägige Überfahrt nach Lampedusa eingelassen haben.
Wie Maria und Josef, schießt es mir durch den Kopf, als er mir erzählt, wie sie durch die Wüste Sahara fuhren und immer wieder hielten, um fünf Tage zu verweilen.
Er zeigt mir ein Foto auf seinem IPhone. Zu sehen ist ein Zelt, bestehend aus drei oder vier Stangen, die von einer Zeltplane überdeckt werden. Menschen versuchen sich darunter im Schatten einzukauern. Einer, der keinen Platz bekommen hat, hat sich in der gleißenden Sonne, mitten in der Wüste, in den glühend heißen Sand gelegt. "Five days", sagt er und sieht mich an. Dann mussten sie weiter, weil es kein Wasser mehr gab. "And again you stayed five days somewhere else?" Er nickt. "Five days". Ein weiteres Foto ist ebenfalls in der Wüste aufgenommen und zeigt zwei Trucks, vollbeladen mit Möbeln auf dem einen und Menschen auf dem anderen Dach. "Many things", flüstere ich. Er nickt und lächelt müde. "Many things."
Warum sie aus Somalia geflohen seien, frage ich. Sie haben auf uns geschossen, Raketen gezündet, sagt er. Es ist Krieg. Wir konnten nicht länger bleiben.
Ich sehe eine Frau an, die in weite dunkelblaue Gewänder gehüllt ist. Ihre dunkle Haut schimmert in dem bisschen Tageslicht, das sie vom Flur her trifft. Sie ist wunderschön, aber ihre Augen strahlen Unsicherheit und ein wenig Angst aus. Still schaut sie mich an. Ich versuche zu lächeln und fühle mich unsicher. In dem Zimmer ist es dunkel, man erkennt mit Mühe ein größeres Bett. Die Luft ist stickig.
Ich frage sie etwas, bis ich merke, dass sie mich nur bruchstückhaft verstehen kann. Ich zeige auf den Namen an der Tür, lese ihn laut. Sie nickt und zeigt auf ihre Brust, wiederholt den Namen. Ich verstehe sie und lächele. Dann zeige ich auf mich und sage "Ricarda". Sie wiederholt ihn, wie alle, die ihn zum ersten Mal hören, hat sie Schwierigkeiten, ihn auszusprechen. Mir ist das gleich. Ich freue mich über diese Begegnung. Zwei Frauen haben sich in diesem Moment kennen gelernt.
Diese Frau hat Zuflucht gesucht. Wie ich später von ihrem Mann erfahre, stammen beide aus Somalia und haben mehrere Länder durchreist und -fahren, bis sie an der Küste Libyens ein kleines Boot bestiegen und sich auf die dreitägige Überfahrt nach Lampedusa eingelassen haben.
Wie Maria und Josef, schießt es mir durch den Kopf, als er mir erzählt, wie sie durch die Wüste Sahara fuhren und immer wieder hielten, um fünf Tage zu verweilen.
Er zeigt mir ein Foto auf seinem IPhone. Zu sehen ist ein Zelt, bestehend aus drei oder vier Stangen, die von einer Zeltplane überdeckt werden. Menschen versuchen sich darunter im Schatten einzukauern. Einer, der keinen Platz bekommen hat, hat sich in der gleißenden Sonne, mitten in der Wüste, in den glühend heißen Sand gelegt. "Five days", sagt er und sieht mich an. Dann mussten sie weiter, weil es kein Wasser mehr gab. "And again you stayed five days somewhere else?" Er nickt. "Five days". Ein weiteres Foto ist ebenfalls in der Wüste aufgenommen und zeigt zwei Trucks, vollbeladen mit Möbeln auf dem einen und Menschen auf dem anderen Dach. "Many things", flüstere ich. Er nickt und lächelt müde. "Many things."
Warum sie aus Somalia geflohen seien, frage ich. Sie haben auf uns geschossen, Raketen gezündet, sagt er. Es ist Krieg. Wir konnten nicht länger bleiben.
Donnerstag, 17. Juli 2014
Zwischenräume
Sich einen Zwischenraum schaffen, der von Menschenhand festgelegte geographische Grenzen überschreitet, nennt sich seit einiger Zeit Transnationalität. Ich glaube, auch ich versuche mir hier diese Räume zu erschaffen, die die afrikanische mit der deutschen beziehungsweise westlichen Welt verbinden. Und dabei bin ich erst am Anfang.
Psychoanalytiker nennen es emotionales Auftanken beziehungsweise Aufladen der inneren Batterien. Es fühlt sich auch wirklich so an. Heute Abend bin ich mit einer Freundin spontan auf eine Party unter freiem Himmel gegangen, die von der Fachschaft für Ethnologie veranstaltet wurde. Wow! Unter unseren teils nackten Füßen das feuchte Gras, über uns kleine Laternen in den uns umgebenden Bäumen. Zwar sind die Sterne hier vom Smog verdeckt und niemals so schön wie im, dem Äquator nahe gelegenen, Uganda. Dennoch lebe ich auf zu den Klängen vertrauter Musik, bewege mich wie von selbst zu den Trommeln und dem dumpfen Bass. Mein Herz lacht. Mein Körper tanzt. Meine Seele kommt zur Ruhe.
Ebenso der Kontakt zu anderen Afrikanern, die für mich eine Brücke darstellen zwischen meiner und ihrer Kultur. Auch wenn wir alle uns anpassen müssen, so verlieren wir doch nicht alle unsere Erfahrungen im Rausch der Zeit. Nein, wir halten uns fest an der Gelassenheit und dem Essen, an dem Draußen-Sein und der Musik.
Es ist möglich, sich ein eigenes kleines "Land" zu schaffen.
Psychoanalytiker nennen es emotionales Auftanken beziehungsweise Aufladen der inneren Batterien. Es fühlt sich auch wirklich so an. Heute Abend bin ich mit einer Freundin spontan auf eine Party unter freiem Himmel gegangen, die von der Fachschaft für Ethnologie veranstaltet wurde. Wow! Unter unseren teils nackten Füßen das feuchte Gras, über uns kleine Laternen in den uns umgebenden Bäumen. Zwar sind die Sterne hier vom Smog verdeckt und niemals so schön wie im, dem Äquator nahe gelegenen, Uganda. Dennoch lebe ich auf zu den Klängen vertrauter Musik, bewege mich wie von selbst zu den Trommeln und dem dumpfen Bass. Mein Herz lacht. Mein Körper tanzt. Meine Seele kommt zur Ruhe.
Ebenso der Kontakt zu anderen Afrikanern, die für mich eine Brücke darstellen zwischen meiner und ihrer Kultur. Auch wenn wir alle uns anpassen müssen, so verlieren wir doch nicht alle unsere Erfahrungen im Rausch der Zeit. Nein, wir halten uns fest an der Gelassenheit und dem Essen, an dem Draußen-Sein und der Musik.
Es ist möglich, sich ein eigenes kleines "Land" zu schaffen.
Dienstag, 15. Juli 2014
(Glücks)trunken
Ist es nicht seltsam, wie durch ein zweites Bier plötzlich alles ganz anders erscheint? Nein, ich sage nicht, dass es besser wird. Es wird anders. Und bitte glaubt nicht, ich verherrliche hier den Alkoholkonsum. Das tue ich nicht, weil ich ein Freund davon bin, Dinge bewusst mitzubekommen und aktiv handelnd einzugreifen, wenn ich es will. Dennoch bin ich immer wieder von neuem überrascht, wie schnell ein gutes Lied vorbei ist. Wie schnell ich in einem tiefsinnigen Gespräch mit einer anderen Person lande, das ich oft genug gemieden habe.
Am Ende bin ich eine der letzten, die geht, und fühle mich gut. Das ist das Leben: das mit guten Freunden zu teilen, was einen bewegt, und dabei die Sorgen für einen Moment zu vergessen, die einen belasten. Aber auch das geht ohne den alkoholischen Zusatz. Nur - warum sich verteidigen, wenn man einen Abend in der Woche auf diese Weise genießt?
Am Ende bin ich eine der letzten, die geht, und fühle mich gut. Das ist das Leben: das mit guten Freunden zu teilen, was einen bewegt, und dabei die Sorgen für einen Moment zu vergessen, die einen belasten. Aber auch das geht ohne den alkoholischen Zusatz. Nur - warum sich verteidigen, wenn man einen Abend in der Woche auf diese Weise genießt?
Montag, 14. Juli 2014
Überrannt
Manchmal überfällt einen das Leben. Dinge, die man sich lange ersehnt hat, werden auf einen Schlag Realität. Woher also kommt dieser Fluchtreflex, wenn ein Wunsch plötzlich in Erfüllung geht? Sind wir enttäuscht, weil der Wunsch als solcher nicht länger existiert? Haben wir Angst, dass wir uns die Dinge falsch ausgemalt haben? Wir sollten uns glücklich fühlen und sind es doch nicht ganz. Vielmehr plagen uns Zweifel, ob uns dieses Glück jetzt gerade zusteht oder ob wir nicht eine falsche Entscheidung getroffen haben. Können wir Verantwortung für diese wirklich gewordenen Sehnsucht übernehmen oder scheitern wir?
Es ist eine Kunst, die Nähe eines anderen zuzulassen, ohne dabei um die eigene Freiheit zu fürchten. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Es ist eine Kunst, die Nähe eines anderen zuzulassen, ohne dabei um die eigene Freiheit zu fürchten. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Samstag, 12. Juli 2014
Wenn Heimat zur Fremde wird.
Ich kehre zurück in meine gewohnte Umgebung, nach einem Monat Verbleiben in Uganda. Und ich greife nach der Normalität, doch sie entgleitet mir zugunsten eines so vorher nie empfundenen Befremdens. Gehe ich durch die Stadt, rennen alle Menschen an mir vorbei und rempeln mich an, ohne sich zu entschuldigen oder mir auch nur in die Augen zu blicken. Warten fällt ihnen schwer, obwohl sie nichts zu verlieren haben, wenn sie es tun. Jeder kommt an die Reihe: im Supermarkt, an der offenen Bustür, im Bürgerservicebüro. Es bedarf eben einer gewissen Zeit. Vor dem Haus keine Menschen. Jeder läuft an mir vorbei, mit einem Ziel vor Augen, das ich nicht kenne. Ich wäre etwas, das ihn davon abhielte, dieses Ziel zu erreichen, ich bin eher unangenehm, wenn ich denn versuche, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, denn ich halte ihn ja auf. Im Garten: niemand. Wenn sie dann doch da sind, werde ich gebeten, den Mund zu halten, da man sich auf das Lernen konzentrieren müsse. Ich bin irritiert, schweige aber.
Abends lausche ich den Klängen des Basses unter mir, der mir zeigt, dass gerade eine Party im Gange ist. Die Lieder sind immer dieselben, auf jeder einzelnen solchen Veranstaltung. Ein Mitbewohner fordert mich auf, mitzukommen. Entgegen meiner Stimmung willige ich ein, folge ihm. Um mich herum fremde Menschen, wenige bekannte Gesichter, und immer dieselben ausgelutschten, Tanzsicherheit und Beliebtheit vorgaukelnden Lieder. Ein Bekannter, der aus einem südamerikanischen Land stammt, beschwert sich über die immer gleiche Musik. Er hat recht, aber erst jetzt merke ich, was er meint. Alles ist auf Sicherheit getrimmt. Bloß keine fremdartige Musik. Die Menschen könnten ja irritiert sein und aufhören zu tanzen. Was mir fremd ist, ist mir nicht geheuer, nach diesem Motto gehen sie und wünschen sich die tanzbaren Sachen, bei denen jeder mittanzen kann.
Die Männer stürzen sich auf die anwesenden Bräute, deren Hosen und Röcke kaum den Hintern bedecken können. Wieder distanziere ich mich von dem, was ich sehe. Mit meinem knielangen Rock muss ich hier wie eine Nonne wirken, fühle mich aber nicht so. Ich hebe mich ab, ja. Aber nicht gewollt. Sondern weil es meinem Wohlempfinden entspricht.
Ich sitze alleine auf dem Sofa und beobachte das Geschehen. Nein, ich passe hier nicht hinein. Ich entscheide mich dazu, meinem Gefühl zu folgen und verschwinde ungesehen von der Party. Es schmerzt, aber ich fühle mich hier nicht mehr zuhause. Ich suche nach Gesprächspartnern, aber traue mich nicht, den ersten Schritt zu machen. Genauer gesagt, glaube ich, dass tiefsinnigere Gespräche für die meisten Leute, die auf diese Parties gehen, nicht von Interesse sind. Also versuche ich, meine Gedanken abzukürzen und in wenige Sätze zu stecken, aus Sorge, der andere könnte sich abwenden.
Ich vermisse die Abende in Afrika, als ich mit einem Freund bei einer huka vor dem Haus saß und den Grillen zuhörte, während wir abwechselnd den würzigen Rauch in die Abendluft bliesen. Nur das leise Blubbern des Wassers durchbrach die Stille, die sich um uns gelegt hatte.
In diesen Momenten fühle ich mich wohl, obgleich es so weit weg von Heimat und Sicherheit ist. Ich mag es idealisieren, weil ich jetzt nicht mehr dort bin und der Mensch die Tendenz hat, das Vergangene, gerade wenn es weit weg ist, besser zu machen als es manchmal war, aber in der Tat kann ich nur mit guten Gefühlen zurückdenken. Dort drehte sich die Zeit langsamer, man erlebte alles klarer, direkter, näher.
Diese Gefühle in die Welt von Terminen, Schnelligkeit und rauschenden Alkoholexzessen zurückzuholen, wo Menschen nicht spontan sind, sondern sich von Terminen leiten lassen, das fällt schwer.
Abends lausche ich den Klängen des Basses unter mir, der mir zeigt, dass gerade eine Party im Gange ist. Die Lieder sind immer dieselben, auf jeder einzelnen solchen Veranstaltung. Ein Mitbewohner fordert mich auf, mitzukommen. Entgegen meiner Stimmung willige ich ein, folge ihm. Um mich herum fremde Menschen, wenige bekannte Gesichter, und immer dieselben ausgelutschten, Tanzsicherheit und Beliebtheit vorgaukelnden Lieder. Ein Bekannter, der aus einem südamerikanischen Land stammt, beschwert sich über die immer gleiche Musik. Er hat recht, aber erst jetzt merke ich, was er meint. Alles ist auf Sicherheit getrimmt. Bloß keine fremdartige Musik. Die Menschen könnten ja irritiert sein und aufhören zu tanzen. Was mir fremd ist, ist mir nicht geheuer, nach diesem Motto gehen sie und wünschen sich die tanzbaren Sachen, bei denen jeder mittanzen kann.
Die Männer stürzen sich auf die anwesenden Bräute, deren Hosen und Röcke kaum den Hintern bedecken können. Wieder distanziere ich mich von dem, was ich sehe. Mit meinem knielangen Rock muss ich hier wie eine Nonne wirken, fühle mich aber nicht so. Ich hebe mich ab, ja. Aber nicht gewollt. Sondern weil es meinem Wohlempfinden entspricht.
Ich sitze alleine auf dem Sofa und beobachte das Geschehen. Nein, ich passe hier nicht hinein. Ich entscheide mich dazu, meinem Gefühl zu folgen und verschwinde ungesehen von der Party. Es schmerzt, aber ich fühle mich hier nicht mehr zuhause. Ich suche nach Gesprächspartnern, aber traue mich nicht, den ersten Schritt zu machen. Genauer gesagt, glaube ich, dass tiefsinnigere Gespräche für die meisten Leute, die auf diese Parties gehen, nicht von Interesse sind. Also versuche ich, meine Gedanken abzukürzen und in wenige Sätze zu stecken, aus Sorge, der andere könnte sich abwenden.
Ich vermisse die Abende in Afrika, als ich mit einem Freund bei einer huka vor dem Haus saß und den Grillen zuhörte, während wir abwechselnd den würzigen Rauch in die Abendluft bliesen. Nur das leise Blubbern des Wassers durchbrach die Stille, die sich um uns gelegt hatte.
In diesen Momenten fühle ich mich wohl, obgleich es so weit weg von Heimat und Sicherheit ist. Ich mag es idealisieren, weil ich jetzt nicht mehr dort bin und der Mensch die Tendenz hat, das Vergangene, gerade wenn es weit weg ist, besser zu machen als es manchmal war, aber in der Tat kann ich nur mit guten Gefühlen zurückdenken. Dort drehte sich die Zeit langsamer, man erlebte alles klarer, direkter, näher.
Diese Gefühle in die Welt von Terminen, Schnelligkeit und rauschenden Alkoholexzessen zurückzuholen, wo Menschen nicht spontan sind, sondern sich von Terminen leiten lassen, das fällt schwer.
Donnerstag, 20. Februar 2014
Die Stimme erheben. Jetzt leben.
Es ist alles irgendwie sinnhaft. Obwohl wir nichts sind, weil wir angesichts der Begrenztheit des eigenen Daseins verschwindend gering erscheinen, so denken wir doch in weiten Horizonten, wollen uns die Welt aneignen, unsere kleine Welt, sie ausweiten, uns verwirklichen, unserem Hier-Sein Sinn verleihen mit jeder Tat, mit jedem Wort, mit jedem Lächeln das wir aussenden. Wir schenken uns anderen, wir beschenken uns selbst, wir teilen, wir hoffen, wir glauben, wir lieben, wir schreien, wir kämpfen, wir lieben, wir lassen, wir suchen gierig Halt an jedem neuen Tag, wir leben um uns zu verändern, um aus jedem Tag unseres Lebens etwas Gutes zu machen, ja wir wollen lernen, wir wollen wissen, wir wollen unseren Horizont erweitern, wir wollen unsere Stimme erheben, unseren Gefühlen Luft machen, wir wollen zeigen wer wir sind, was wir meinen, woran wir glauben, wofür wir leben, wollen heute und nicht morgen alles nutzen was geht, um dieses Leben zu einem besseren zu machen. Wir sind Botschafter des Leids anderer, wir richten uns auf, wir klagen an, wir setzen uns ein, wir helfen, wir suchen nach Halt, suchen nach Rückhalt in eigenen noch unerschlossenen Reihen, die sich mit jedem Tag weiter öffnen, wir kämpfen für unsere Ideen, unsere Ideale von einer besseren Welt, wir wollen TUN, wir wollen ÄNDERN, wir wollen NEU MACHEN, wir wollen - sein. Ganz da sein. Ganz hier sein. In diesem Moment, in diesem Leben, in diesem Traum den wir uns erfüllen wollen, von etwas besserem, größerem, faireren, glücklicheren, wohlhabenderen, reichhaltigerem, erfüllenderen, ermutigenden, kraftvolleren, krassen Leben.
Schnapp dir diesen Tag und feiere ihn!
Schnapp dir diesen Tag und feiere ihn!
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