In kaum einem anderen Berufsfeld, so glaube ich, kann man so intensiv erleben, dass einem die Hände gebunden sind, wie in diesem hier. Und das schon nach nur zwei Wochen Arbeit. Es ist teilweise schon frustrierend.
Wie schnell habe ich mich daran gewöhnt, eine Tür zu öffnen, hinter der 2, 3 oder 4 Menschen in einem Zimmer leben, schlafen und essen! Das ist der Alltag hier: Fünfzig oder mehr Menschen teilen sich vier Toiletten, sechs Duschen, eine Küche mit zehn Herdplatten und drei Spülen. Öffnet man die Tür zur Damentoilette, muss man darauf achten, dass durch den Luftzug nicht der Duschvorhang beiseite geweht wird, der die Duschenden vor neugierigen Blicken von außen schützt. Dass in den Zimmern gebrauchte Sofas, Betten, Tische und Stühle stehen, dass sich die Bewohner auf jeden neuen Kleidersack, den jemand gespendet hat, stürzen, das alles ist mir viel zu schnell zum Alltag geworden. Das ist Abhängigkeit von Hilfe in seiner erniedrigendsten Form.
Ganz zu schweigen von der desillusionierenden Wohnungssuche, die sich in Mainz wirklich schwierig gestaltet. Schwierig? Nein, unmöglich! Zu viele Menschen, zu wenig Raum, das bedeutet, sie wollen fort von hier, und wer kann das nicht verstehen? Bei diesen Umständen wollte doch jeder seine eigenen vier Wände haben?!
Mir sind die Hände gebunden, das Telefon liegt kalt und schwer in meiner Hand, nach jedem weiteren enttäuschenden Versuch, telefonisch einen Vermieter von einem Besichtigungstermin zu überzeugen. Neben mir sitzen heute zwei junge Männer, die mich hoffnungsvoll beobachten und auf die erlösende Nachricht warten, endlich hier rauszukommen. Sie sind vielleicht Mitte zwanzig, haben das ganze Leben vor sich. Im Moment aber ist ihnen "Leben" verwehrt.
Allein das gemeinsame Warten verbindet hier die Kulturen: Afghanistan, Pakistan, Somalia, Armenien, und so viele mehr.
"Eine Wohnung", sagen sie, wenn ich sie nach ihrem größten Wunsch frage. Und dann: "Arbeit".
Ich verfluche diese Stadt, die so viele leerstehende Räume hat, die nicht vermietet werden, weil sie zu teuer sind. Firmen bleiben auf ihrem Geld lieber sitzen, als sich andere Konzepte zu überlegen. Und hier werden die Menschen unruhig, zeigen ihre Enttäuschung gegenüber uns, die wir uns in diesen Momenten wie hilflos dem Staat gegenüber sehen, denn was können wir denn tun? Wo sind die Ressourcen?
Dies ist das Ufer, an dem die Menschen stranden. Wie Treibgut. Und keiner will sie haben. Klar, bekommen sie Sozialhilfe, und darüber können wir schon froh sein. Ermöglicht es doch ein kleines Maß an Freiheit, denn sie können sich landestypisches Essen kochen, telefonieren, in die Stadt fahren, aber. Das war's dann.
Kein Recht auf Arbeit, und wenn dann doch, dann will sie kaum einer. Viele hier sind gebildet, sind Laborant, haben BWL studiert... Sie wollen was in die Hand nehmen, aber man lässt sie nicht. Sie wollen nicht länger hier ergrauen, wollen eine Wohnung, doch wenn wir mit Vermietern telefonieren, kann man fast schon mit ausländerfeindlichen Einstellungen rechnen. Gerade heute habe ich mich 9 Minuten in ein Gespräch mit einer Vermieterin verkrallt, die aus den Lügen und Vorwänden kaum noch herauskam. Ich wollte nicht gleich aufgeben. Mein Kollege sagt mir später: "Respekt, dass du so lange durchgehalten hast. Ich hätte mich schon viel früher abgewandt."
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