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Samstag, 18. Dezember 2021

Über Hängebrücken und Tränen und Licht

Du, ya abu, mein Vater, greifst meine Hand. Dein Druck ist ungewöhnlich kräftig und ich schaue dich überrascht an. Du strahlst mich an, bist kräftiger als sonst. Äschi, komm, sagst du, ich will auf die Toilette. Ich bin überfordert, rufe instinktiv nach muema, Mutter, deiner Frau. Sie ist nicht da, sagst du. Sie ist rausgegangen. Ich nicke, ist gut, ich rufe nach A., deinem Sohn, meinem Mann. Er reckt den Kopf über die Menge an Köpfen der Menschen hinweg, die sich in eurem Hausflur tummeln. Er ist zu weit weg, schüttelt den Kopf. Du sagst, alles gut, M., mach Dir keine Sorgen. Komm, wir gehen. Wir besteigen die hölzerne Hängebrücke. Die Planken knarren unter unseren Füßen und wiegen sich unter unseren Schritten, als wir darauf den Flur durchqueren. In unserem Rücken deine Brüder und Schwestern mit ihren Familien. Vor uns ein langes Klettergerüst, wie das eines Spielplatzes. Du lachst und tapst langsam vorwärts, Schritt für Schritt, Schritt für Schritt gehen wir nebeneinander her. Dann wache ich auf. 

Ich habe von deinem Tod geträumt, ya abu. Vor ebendieser Szene war ich dir bereits begegnet, in deinem Schlafzimmer. A., muema, eure Tochter I. und ich hatten alle an deinem Bett gesessen. Ich habe mich neben dich gesetzt und deine Hand genommen. Du warst hochgeschreckt und hattest gefragt, wer da sei. Ana m., ich bin M., hatte ich gesagt und deine Hand zu wärmen versucht. Beruhigt hattest du dich mit deinen erblindeten Augen und deinem viel zu leichten Körper in die mächtig erscheinenden Daunenkissen zurücksinken lassen. 

Ich habe von deinem Tod geträumt, ya abu. Und eine Woche später liegst du im Sterben. Dass es irgendwann so weit sein würde, ahnten wir. Viel zu wenig wogst du, hattest an Kraft und Energie verloren. Dein Augenlicht war dir gewichen und der Zucker plagte deinen Körper. Still, so still kamen weitere Leiden hinzu. Du bissest die Zähne zusammen. Als dir eines Nachts die Mauern deiner Festung zusammenbrachen, da war es fast zu spät. Im Krankenhaus konnten sie dir kaum noch helfen. Zuhause sei nun der bessere Ort für dich, für deine letzten Tage, sagten die Ärzte. Und da bist du nun, zurück zuhause. Wir können nicht bei dir sein, das geht eigentlich, sagt A. Ich umarme ihn, während er mit seiner Schwester, deiner Tochter telefoniert. Ich halte ihn, während er sich die Hand über die Augen legt und sich sein Mund verzieht. Ich sehe zu, wie seine Wangen feucht werden und spüre, wie sein Körper unter meinen Armen von Schluchzern erschüttert wird. Ich weine, weil er weint. Ich weine, weil es weh tut.

Aber ich höre nur Tröstliches, ya abu. Alle sind da, jeden Tag, und kommen dich besuchen. Ich sehe Arme, die deinen schmalen Körper im Arm halten, Arme von Onkeln, Tanten, Freunden von A., die extra zu dir kommen. Sie sprechen dir Mut zu, sie verzeihen dir für das, was lange zurück liegt, sie vergeben dir, wo du dich verschuldet hast, sie erleichtern dich. Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten und Anrufe. Manchmal werfen sie uns zurück, lassen uns zusammenbrechen unter der Sorge. Manchmal bringen sie uns zum Lachen: wenn du heimlich um ein Stück Kuchen gebeten hast, völlig schädlich für deinen Zucker. Wenn du dir ein Fußballtrikot von deinem zweiten Sohn aus Spanien bestellst, der ebenfalls festsitzt und nicht zu dir kann. 

Heute haben sie gesagt: deine Augen sind geweitet und blicken in die Ferne. Du leuchtest, dein Zimmer ist voller Licht. Ya abu, was siehst du? Was ist da, am Ende der Hängebrücke? Seist du umarmt und warm gehalten und geliebt, seist du im Herzen frei. Dein Sohn liebt dich über alles, ich sehe ihn wanken und kämpfen. Wir wollen uns damit trösten, dass du von so viel Liebe und Licht umgeben bist. Wir sind dir verbunden, sagt meine Mama. Und dass Verbindung auch über lange Wege möglich und real ist. Ich will mich daran halten, ya abu. Danke, dass ich dich kennenlernen durfte. Wenn Gott will, halte Gott dich noch hier. Ich denke an dich. Wir denken an dich. 

Freitag, 16. Juli 2021

Über Wutausbrüche und Kolonialismus

Ich habe nie gesagt, dass es einfach wird. An manchen Tagen möchte ich explodieren und alles hinschmeißen und gehen. Dann erinnere ich mich: ich habe dich geheiratet, ich habe Ja zu dir gesagt. In guten und in schlechten Tagen. Da gibt es kein: ich hab keine Lust mehr auf das alles. Da ist ein "Ich stelle mich dem, ich halte das jetzt aus, ich kläre das mit dir" nötig. Niemand hat mir gesagt, dass das leicht wird. Es ist manchmal verdammt schwer. Es ist Arbeit. Es ist Verständigung. Es ist Wut und Tränen, es ist Freude und Lachen, es ist Liebe und Nähe. Es ist Vergebung und Verständigung. Verständigung, verdammt schwierig manchmal: wir kämpfen um die richtigen Worte. Dir fehlen sie manchmal, meine Sprache begrenzt dich in deiner Ausdrucksweise. 

Ich weiß immer noch nicht viel über deine Heimat, war nie dort, höre nur von dir darüber. Vieles bleibt im Moment noch im Dunkeln. Für mich und mein Bild, meine Erwartungen von einem Lebensstandard, eine Herausforderung: zu akzeptieren, dass es woanders andere Lebensentwürfe gibt. Zu respektieren, dass du nicht alles aufgeben kannst. Immer wieder, wenn ich deinen Zorn spüre, den du auf die Kolonialmächte hast wegen dem, was sie deinem Land angetan haben, muss ich mich daran erinnern, wie sehr sich die Geschichte deines Landes von der meines Landes unterscheidet: du kommst aus einem Land, das bis heute unter den Folgen des (Neo-) Kolonialismus leidet. Es ist seiner Bodenschätze beraubt, seine Einwohner*innen leben nicht selten in Armut, Arbeitslosigkeit, ohne staatliches Hilfssystem und so mancher verschwindet zwischen Drogen und Kriminalität. Du sagst, man findet dort höchstens als Mann einen Job - als Frau muss man schon eine Ausbildung gemacht haben, um überhaupt eine Arbeit zu finden. Ansonsten wird man ausgebeutet - 12 Stunden Arbeit für 10€ am Tag. Ich kann es mir nicht vorstellen, mir ist das alles fremd. Manchmal wandelt sich der Zorn, den ich bei dir spüre, bei mir in Frust, Ärger, und Vorurteile: ich sehe nur einen wütenden Mann, der sich von seinen Gefühlen mitreißen lässt, der den Kapitalismus verflucht, und die Zusammenarbeit diverser Weltmächte, die Ressourcen plündern und sich erlauben, zu bestimmen, wem denn nun welcher Teil der Sahara gehört. Als ob Australien zu uns käme und sagen würde: der Rhein gehört bis zum Kilometer XY zu euch Deutschen, der Rest bleibt aber bitte Frankreich. Was geht denn da ab? Wer nimmt sich denn hier dieses Recht heraus, über eure Grenzen zu bestimmen? Sollte es nicht Sache der betroffenen Länder sein, dies miteinander auszuhandeln? 

Deine Familie, dein Land, sie klammern sich an die Religion, die ihnen Kraft gibt, dort, wo Armut, Ausbeutung und Perspektivlosigkeit herrschen. Du verteidigst sie und klagst zugleich diejenigen an, die euch das angetan haben. Manchmal lässt du dich davon mitreißen, und ich mache dicht, ich halte so viel Vorwurf nicht aus, fühle mich erinnert an Verschwörungstheoretiker. Ich verstehe aber auch: ich durchblicke nicht alles, es mag sein, dass du mit vielem Recht hast, und ich gerne die Augen vor diesem abstrusen Neokolonialismus verschließe. Auch mich machen diverse politische Akteure wütend, vielleicht nur aus anderen Gründen: weil sie die Klimapolitik nur halbherzig verfolgen, sich immer wieder von Wirtschaft und Automobilindustrie und Kohlebau einlullen lassen und unsere Erde an die Wand fahren. Das macht mich wütend, es sind also einfach unterschiedliche Themen, die wir haben. 

Wichtig ist es für uns, nicht die Nerven zu verlieren und auch immer wieder zu uns zurückzukehren. Verständnis aufzubringen für die Wut des anderen, auch wenn mir das manchmal schwer fällt. Aus dem Strudel des Frusts auch wieder herauszukommen, zu überlegen, was können wir im Kleinen tun, was können wir tun, um uns und einer kleinen Gruppe anderer etwas Gutes zu tun. Die Wut in produktive Energie umwandeln, um uns nicht davon zerfressen zu lassen. Aufpassen auf uns. 

Du sagst: Warum weinst du? Warum bist du nun wütend? Wir haben nur geredet. Du sagst auch: Es tut mir leid, manchmal werde ich so wütend, ich weiß nicht mehr, was ich sage. Ich sage: Ja, es ist zu viel, was ich da an Wut bei dir spüre. Ich ertrage das nicht. Es schafft mich und raubt mir die Kraft. Finde einen Punkt. Verliere dich nicht darin. Obwohl es ja gar nicht gegen mich gerichtet war. Du würdest kein Wort gegen mich richten. 

Und so raufen wir uns zusammen. Fangen einander auf. Federn vom Boden ab. Gehen weiter unseren Weg zusammen. Und hinter jeder Biegung wartet Neues, das es zu entdecken gilt.