Ich habe von deinem Tod geträumt, ya abu. Vor ebendieser Szene war ich dir bereits begegnet, in deinem Schlafzimmer. A., muema, eure Tochter I. und ich hatten alle an deinem Bett gesessen. Ich habe mich neben dich gesetzt und deine Hand genommen. Du warst hochgeschreckt und hattest gefragt, wer da sei. Ana m., ich bin M., hatte ich gesagt und deine Hand zu wärmen versucht. Beruhigt hattest du dich mit deinen erblindeten Augen und deinem viel zu leichten Körper in die mächtig erscheinenden Daunenkissen zurücksinken lassen.
Ich habe von deinem Tod geträumt, ya abu. Und eine Woche später liegst du im Sterben. Dass es irgendwann so weit sein würde, ahnten wir. Viel zu wenig wogst du, hattest an Kraft und Energie verloren. Dein Augenlicht war dir gewichen und der Zucker plagte deinen Körper. Still, so still kamen weitere Leiden hinzu. Du bissest die Zähne zusammen. Als dir eines Nachts die Mauern deiner Festung zusammenbrachen, da war es fast zu spät. Im Krankenhaus konnten sie dir kaum noch helfen. Zuhause sei nun der bessere Ort für dich, für deine letzten Tage, sagten die Ärzte. Und da bist du nun, zurück zuhause. Wir können nicht bei dir sein, das geht eigentlich, sagt A. Ich umarme ihn, während er mit seiner Schwester, deiner Tochter telefoniert. Ich halte ihn, während er sich die Hand über die Augen legt und sich sein Mund verzieht. Ich sehe zu, wie seine Wangen feucht werden und spüre, wie sein Körper unter meinen Armen von Schluchzern erschüttert wird. Ich weine, weil er weint. Ich weine, weil es weh tut.
Aber ich höre nur Tröstliches, ya abu. Alle sind da, jeden Tag, und kommen dich besuchen. Ich sehe Arme, die deinen schmalen Körper im Arm halten, Arme von Onkeln, Tanten, Freunden von A., die extra zu dir kommen. Sie sprechen dir Mut zu, sie verzeihen dir für das, was lange zurück liegt, sie vergeben dir, wo du dich verschuldet hast, sie erleichtern dich. Jeden Tag erreichen uns neue Nachrichten und Anrufe. Manchmal werfen sie uns zurück, lassen uns zusammenbrechen unter der Sorge. Manchmal bringen sie uns zum Lachen: wenn du heimlich um ein Stück Kuchen gebeten hast, völlig schädlich für deinen Zucker. Wenn du dir ein Fußballtrikot von deinem zweiten Sohn aus Spanien bestellst, der ebenfalls festsitzt und nicht zu dir kann.
Heute haben sie gesagt: deine Augen sind geweitet und blicken in die Ferne. Du leuchtest, dein Zimmer ist voller Licht. Ya abu, was siehst du? Was ist da, am Ende der Hängebrücke? Seist du umarmt und warm gehalten und geliebt, seist du im Herzen frei. Dein Sohn liebt dich über alles, ich sehe ihn wanken und kämpfen. Wir wollen uns damit trösten, dass du von so viel Liebe und Licht umgeben bist. Wir sind dir verbunden, sagt meine Mama. Und dass Verbindung auch über lange Wege möglich und real ist. Ich will mich daran halten, ya abu. Danke, dass ich dich kennenlernen durfte. Wenn Gott will, halte Gott dich noch hier. Ich denke an dich. Wir denken an dich.
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