Ich klopfe an die Tür, einmal, zweimal. Erst dann regt sich etwas dahinter. Ich betrachte ein paar Sandalen, die auf der schmutzigen Türschwelle liegen. Dann öffnet sie.
Ich sehe eine Frau an, die in weite dunkelblaue Gewänder gehüllt ist. Ihre dunkle Haut schimmert in dem bisschen Tageslicht, das sie vom Flur her trifft. Sie ist wunderschön, aber ihre Augen strahlen Unsicherheit und ein wenig Angst aus. Still schaut sie mich an. Ich versuche zu lächeln und fühle mich unsicher. In dem Zimmer ist es dunkel, man erkennt mit Mühe ein größeres Bett. Die Luft ist stickig.
Ich frage sie etwas, bis ich merke, dass sie mich nur bruchstückhaft verstehen kann. Ich zeige auf den Namen an der Tür, lese ihn laut. Sie nickt und zeigt auf ihre Brust, wiederholt den Namen. Ich verstehe sie und lächele. Dann zeige ich auf mich und sage "Ricarda". Sie wiederholt ihn, wie alle, die ihn zum ersten Mal hören, hat sie Schwierigkeiten, ihn auszusprechen. Mir ist das gleich. Ich freue mich über diese Begegnung. Zwei Frauen haben sich in diesem Moment kennen gelernt.
Diese Frau hat Zuflucht gesucht. Wie ich später von ihrem Mann erfahre, stammen beide aus Somalia und haben mehrere Länder durchreist und -fahren, bis sie an der Küste Libyens ein kleines Boot bestiegen und sich auf die dreitägige Überfahrt nach Lampedusa eingelassen haben.
Wie Maria und Josef, schießt es mir durch den Kopf, als er mir erzählt, wie sie durch die Wüste Sahara fuhren und immer wieder hielten, um fünf Tage zu verweilen.
Er zeigt mir ein Foto auf seinem IPhone. Zu sehen ist ein Zelt, bestehend aus drei oder vier Stangen, die von einer Zeltplane überdeckt werden. Menschen versuchen sich darunter im Schatten einzukauern. Einer, der keinen Platz bekommen hat, hat sich in der gleißenden Sonne, mitten in der Wüste, in den glühend heißen Sand gelegt. "Five days", sagt er und sieht mich an. Dann mussten sie weiter, weil es kein Wasser mehr gab. "And again you stayed five days somewhere else?" Er nickt. "Five days". Ein weiteres Foto ist ebenfalls in der Wüste aufgenommen und zeigt zwei Trucks, vollbeladen mit Möbeln auf dem einen und Menschen auf dem anderen Dach. "Many things", flüstere ich. Er nickt und lächelt müde. "Many things."
Warum sie aus Somalia geflohen seien, frage ich. Sie haben auf uns geschossen, Raketen gezündet, sagt er. Es ist Krieg. Wir konnten nicht länger bleiben.
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