Ich kehre zurück in meine gewohnte Umgebung, nach einem Monat Verbleiben in Uganda. Und ich greife nach der Normalität, doch sie entgleitet mir zugunsten eines so vorher nie empfundenen Befremdens. Gehe ich durch die Stadt, rennen alle Menschen an mir vorbei und rempeln mich an, ohne sich zu entschuldigen oder mir auch nur in die Augen zu blicken. Warten fällt ihnen schwer, obwohl sie nichts zu verlieren haben, wenn sie es tun. Jeder kommt an die Reihe: im Supermarkt, an der offenen Bustür, im Bürgerservicebüro. Es bedarf eben einer gewissen Zeit. Vor dem Haus keine Menschen. Jeder läuft an mir vorbei, mit einem Ziel vor Augen, das ich nicht kenne. Ich wäre etwas, das ihn davon abhielte, dieses Ziel zu erreichen, ich bin eher unangenehm, wenn ich denn versuche, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, denn ich halte ihn ja auf. Im Garten: niemand. Wenn sie dann doch da sind, werde ich gebeten, den Mund zu halten, da man sich auf das Lernen konzentrieren müsse. Ich bin irritiert, schweige aber.
Abends lausche ich den Klängen des Basses unter mir, der mir zeigt, dass gerade eine Party im Gange ist. Die Lieder sind immer dieselben, auf jeder einzelnen solchen Veranstaltung. Ein Mitbewohner fordert mich auf, mitzukommen. Entgegen meiner Stimmung willige ich ein, folge ihm. Um mich herum fremde Menschen, wenige bekannte Gesichter, und immer dieselben ausgelutschten, Tanzsicherheit und Beliebtheit vorgaukelnden Lieder. Ein Bekannter, der aus einem südamerikanischen Land stammt, beschwert sich über die immer gleiche Musik. Er hat recht, aber erst jetzt merke ich, was er meint. Alles ist auf Sicherheit getrimmt. Bloß keine fremdartige Musik. Die Menschen könnten ja irritiert sein und aufhören zu tanzen. Was mir fremd ist, ist mir nicht geheuer, nach diesem Motto gehen sie und wünschen sich die tanzbaren Sachen, bei denen jeder mittanzen kann.
Die Männer stürzen sich auf die anwesenden Bräute, deren Hosen und Röcke kaum den Hintern bedecken können. Wieder distanziere ich mich von dem, was ich sehe. Mit meinem knielangen Rock muss ich hier wie eine Nonne wirken, fühle mich aber nicht so. Ich hebe mich ab, ja. Aber nicht gewollt. Sondern weil es meinem Wohlempfinden entspricht.
Ich sitze alleine auf dem Sofa und beobachte das Geschehen. Nein, ich passe hier nicht hinein. Ich entscheide mich dazu, meinem Gefühl zu folgen und verschwinde ungesehen von der Party. Es schmerzt, aber ich fühle mich hier nicht mehr zuhause. Ich suche nach Gesprächspartnern, aber traue mich nicht, den ersten Schritt zu machen. Genauer gesagt, glaube ich, dass tiefsinnigere Gespräche für die meisten Leute, die auf diese Parties gehen, nicht von Interesse sind. Also versuche ich, meine Gedanken abzukürzen und in wenige Sätze zu stecken, aus Sorge, der andere könnte sich abwenden.
Ich vermisse die Abende in Afrika, als ich mit einem Freund bei einer huka vor dem Haus saß und den Grillen zuhörte, während wir abwechselnd den würzigen Rauch in die Abendluft bliesen. Nur das leise Blubbern des Wassers durchbrach die Stille, die sich um uns gelegt hatte.
In diesen Momenten fühle ich mich wohl, obgleich es so weit weg von Heimat und Sicherheit ist. Ich mag es idealisieren, weil ich jetzt nicht mehr dort bin und der Mensch die Tendenz hat, das Vergangene, gerade wenn es weit weg ist, besser zu machen als es manchmal war, aber in der Tat kann ich nur mit guten Gefühlen zurückdenken. Dort drehte sich die Zeit langsamer, man erlebte alles klarer, direkter, näher.
Diese Gefühle in die Welt von Terminen, Schnelligkeit und rauschenden Alkoholexzessen zurückzuholen, wo Menschen nicht spontan sind, sondern sich von Terminen leiten lassen, das fällt schwer.
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