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Donnerstag, 31. Dezember 2015

Silvester

In der Kirche Stromausfall. Solarlampen erleuchten spärlich den Raum. Die Bänke füllen sich, bei jedem neuen Lied drängen sich ein paar mehr Frauen und Männer in das Gebäude. Er sagt, seht ihr, manchmal, da habt ihr das Gefühl, jetzt, genau jetzt etwas tun zu wollen. Jemandem etwas bestimmtes sagen, einen Schritt in Richtung eines Ortes setzen, etwas neu erschaffen, jemandem helfen, mich bewegen zu wollen, schiebe ich in Gedanken hinterher. Ja. Und dann, dann tut es gefälligst, ruft er. Denn das ist der Moment es zu tun! Genau dieser Augenblick, in dem ihr den Impuls verspürt, der befiehlt und erlaubt es euch: Es zu tun, genau jetzt, und genau hier! Wartet nicht ab und sorgt euch, der Augenblick wird nämlich an euch vorbeiziehen, ungenutzt! Und sein Segen mit ihm, denn dieses Moment hat euch gehört, es war euch zugesagt, diesem Impuls zu folgen, und ihr habt gezögert! Warum? Ja, warum, frage ich mich still. Er fährt fort. Da gibt es Menschen, die stehen da, schütteln den Kopf, na, na, ob du das wirklich kannst? Ich wäre mir nicht so sicher. Vielleicht solltest du das nochmal überdenken. Und schau mal, kannst du das überhaupt? Und die Folgen... Und da ist er vorbei, der Moment. Meidet diese Menschen, sie tun euch nicht gut, sie bremsen euren Mut, sie bremsen eure Ideen, sie füllen euch mit Zweifeln, die ihr in diesem Moment wirklich nicht gebrauchen könnt, denn was ihr verspürt und wovon ich zu reden versuche, das sind die schöpferischen Momente, die mutigen und die erneuernden, die was vorantreiben. Menschen klatschen und jubeln. Sie singen und dann gehen auch die Solarlampen aus. Alles dunkel bis auf die zwei Kerzen. Plötzlich ein lodernder Lichtschein. Jemand hat die Zettel mit Fürbitten mit Kerosin überschüttet und angezündet. Menschen singen, manche trommeln den Maganda Rhythmus. Frauen binden sich Pullover um die Hüften und fangen an zu tanzen. Kreisen ihre Körper und ich betrachte die Schatten der Tanzenden, die das Feuer an die Wände wirft. Zwei Stunden vor Neujahr.

Mittwoch, 16. September 2015

Und plötzlich sind es nur noch 11 Tage.

Und plötzlich sind es nur noch 11 Tage. Ich erstarre beim Blick auf das heutige Datum. Zahlen drehen sich in meinem Kopf, berechnen einen Countdown. Ist es das wert, auf FB gepostet zu werden? Nein, ich will mich nicht mit den Kommentaren befassen, die darauf folgen könnten. Du bist neidisch? Du willst mit? Wirklich? Vier Monate, überleg dir das noch mal. Mir zieht es innerlich alles zusammen, denn ich habe Angst. Angst, dass ich scheitern könnte an diesem Projekt. Verrückt, die ganze Zeit ist man sicher, das richtige zu tun. Und plötzlich: Vielleicht ist die Zielgruppe zu klein. Vielleicht wollen sie mir nicht sagen, was ich hören will. Ich ertappe mich selbst. Forschung dient nicht zur Bestätigung der eigenen Annahmen, sondern soll deduktiv erfolgen. Ja, natürlich. In der Theorie ist das alles so klar. Aber wo beginnen? Was tun, wenn sich keine neuen Erkenntnisse ergeben? Was, wenn die Menschen gar nicht erst meine Fragen beantworten wollen. Viele Fragen rasen mir durch den Kopf. Zweifel kommen zurück. Die Rahmenbedingungen sind geklärt. Aber was helfen sie mir, wenn das eigentliche Ziel nicht erreicht wird? Wieder einmal versuche ich mich auf das große Unbekannte zu verlassen und Last abzugeben. Manche nennen es Gott, manche Schicksal, manche Zufall, manche Mensch. Alles wird gut. Alles wird gut. Alles wird gut.
Und dann die Angst vor dem Abschied. Es ist nicht das erste Mal. Bereits vor 6 Jahren habe ich Ähnliches geschafft, habe eine Abschiedsfeier gegeben und auf Wiedersehen gesagt. Damals war es für ein Jahr. Aber ich habe damals nichts begriffen. Ich war naiv und fast schon kühl. Wollte alles einreißen, neu irgendwo beginnen, hatte Lust und wollte weg.
Heute sind nur wenige Freunde geblieben von damals. Ich kann sie an einer Hand abzählen. Aber was ich erlebt habe, ist, viele neue Freunde gesammelt zu haben. Ich habe Vertrauen zu ihnen aufgebaut und sie in mein Inneres sehen lassen. Ich habe sie in mein Herz gelassen und da sind sie jetzt, und es fällt viel, viel schwerer als damals, zu gehen und sie zu verabschieden. Ich habe Sorge, dass mir etwas passieren könnte. Dabei weiß ich, dass das ihnen genauso zustoßen könnte. Dennoch, ich denke fieberhaft an verschlammte Lehmstraßen, Schlaglöcher, rasende entgegen kommende Taxis, Regenschauer, Dunkelheit und Diebe, Busch und verborgene Schlangen. Mein Herz schlägt höher. Bisher ist dir nichts passiert und wenn, dann bist du aus allem gut herausgekommen, du hast einen Dieb abgehängt und entlarvt, du hast die kleine schwarze Schlange zu deinen Füßen rechtzeitig bemerkt und andere haben sie mit Steinen getötet. Du hast knapp vor nachrückenden Taxis gehalten, und einmal bist du sogar mit dem Motorrad gekippt, aber bis auf einen blauen Fleck war alles in Ordnung. Ich sehe Gefahren und entweiche ihnen, egal wie knapp. Warum sollte es jetzt anders sein. Trotzdem legen sich Sorgen und Ängste in mich hinein. Je mehr Menschen es gibt, die du liebst, desto ängstlicher bist du, sie zu verlieren. Ich bin umgeben von wertvollen Menschen und kann mir nicht vorstellen, ohne sie zu sein. Klar, für eine Zeit lang. Aber nicht für immer.
Ich nehme tief Luft und bete. Ich bete fast nie. Aber die Angst löst sich, ein bisschen. Ich sehe aus dem Fenster und stehe dann auf. Es geht weiter. Es geht alles weiter.

Dienstag, 15. September 2015

Ein Eimer voll Farbe

Verflucht. Wie schwer ein Eimer mit 10 Litern Farbe werden kann, habe ich unterschätzt. Ich stelle mich auf ein Stop-And-Go-Martyrium vom Bahnhof bis nach Hause ein. Stöhnend versuche ich unterschiedliche Haltungen aus, keine gelingt mir auf lange Zeit. Ich laufe blind an den Läden vorbei, die ich täglich passiere und deren Inhaber mir doch fremd sind. Streife einen Kiosk. Setze den Eimer ab. Halte inne. Nehme ihn wieder. Weiter-
Hallo!
Ich laufe weiter.
Hallo! Hallo. Ich drehe mich um. Ein Mann mit Vollbart um die 30 ist mir zögernd ein paar Schritte nachgekommen. Sein Kollege, der Kioskbesitzer, bleibt vor seiner Tür stehen und beobachtet mich. Ich kann sie nicht zuordnen, aber sie haben in jedem Fall arabische Wurzeln, da er etwas zu ihm sagt, was ich nicht verstehe. Er entschuldigt sich mehrmals, mich angesprochen zu haben, und fragt dann geradeheraus, wo ich wohne. Am Kreisel. Ich zeige die Straße hinunter. Okay, kein Problem, wissen Sie was, ich nehme Ihren Eimer voll Farbe und fahre ihn hin. Wir treffen uns da. Am Kreisel. Okay? Ich stottere und werde rot. Mir fällt nichts anderes ein, als einzuwilligen. Er ruft seinem Kollegen etwas zu, dann lässt er seine Karre blinken. Ein schöner schwarzer, ganz schön edel und dunkle Scheiben. Ich zögere und gebe ihm meinen Eimer. Er sagt, wir treffen uns dann dort. Keine Sorge, ich will nichts Böses. Ich drehe mich langsam um, will loslaufen. Er schiebt hinterher: Oder, wenn Sie wollen, ich kann Sie auch mitnehmen. Aber nicht dass Sie denken, ich will was. Nur wenn Sie wollen. Es ist kein Problem. Ich betrachte ihn kurz. Um uns herum ist alles voller Leute. Der Kioskbesitzer sieht mich ruhig und abwartend an. Ich willige ein. Sie können nach vorne sitzen. Kein Problem. Ich öffne die Tür, alles riecht neu und nach einem Männerparfum. Er schließt die Tür, ich bedanke mich schon wieder. Kein Problem. Wissen Sie, der Mann vom Kiosk ist mein Bruder. Ich hab ihn besucht, aber ich hab gerade sowieso nichts zu tun. Da habe ich Sie gesehen, aber ich wollte Ihnen nicht hinterherrufen, als Sie an uns vorbeigelaufen sind. Wissen Sie, sonst denken die Frauen immer, wir wollen sie nur anmachen oder so. Er druckst herum. Deshalb habe ich gewartet, bis Sie über die Straße gehen wollten und ein paar Meter entfernt waren. Ich hab Sie gesehen und ey, ich sag Ihnen, wenn ich eine Frau sehe, die so was Schweres tragen muss, dann frag ich, ob ich helfen kann. Aber es ist schwer, oft denken sie, man will sie anmachen. Und so will man ja auch nicht wirken. Er fährt um die Kurve. Ich beteuere, dass ich das überhaupt nicht gedacht habe. In der Tat hat mein Instinkt mich nicht getäuscht, dieser Mann ist gut gesinnt. Er führt seine Rede fort. Er helfe immer, wenn er alte Menschen oder Frauen mit Kindern sehe, die noch einen weiten Weg vor sich hätten. Bei jungen Frauen sei er vorsichtiger, weil... er wiederholt sich. Ich lächele und sage, dass ich das verstehe. Am Ende fährt er mich direkt vor meine Haustür. Geht so? Fragt er und gibt mir den Eimer in die Hand. Ja, danke. Ich sehe ihn an. Sie haben ein gutes Herz. Er lacht und dreht verlegen den Kopf weg. Alles gut, alles gut. Ich wünsch Ihnen noch 'nen schönen Tag. Ich Ihnen auch. Er wartet, bis ich die Tür geöffnet habe. Erst dann parkt er aus. Zu meinem Mitbewohner sage ich: Weißt du, mir ist gerade ein Engel begegnet. Was? Ein Engel. Wie meinst du das, erzähl. Ich hole Luft, stelle den Eimer ab und erzähle. Verflucht...

Mittwoch, 2. September 2015

Zerrissen

Dieses Land wird zerrissen. In den sozialen Medien streiten sich zwei Parteien, und ich sehe Propaganda überall. Da sind die Nachrichten, die von Massenschlägereien und Messerstecherei, Diebstahl in Supermärkten und Randalen in Unterkünften berichten. Und dann gibt es die andere Seite, die Menschen anklagt, die Unterkünfte in Brand stecken, auf Kinder urinieren, Flüchtlinge lebensgefährlich zusammenschlagen. Dieses Land brennt doch längst.
Flüchtlinge raus! Schreien die einen. Refugees Welcome! Halten die anderen dagegen. Natürlich positioniere ich mich. Meine Arbeit ist Beweis genug dafür. Aber diese Arbeit fordert ein starkes Rückgrat, und bereits jetzt beobachte ich, wie man sich entweder bedingungslos auf meine Seite schlägt oder mich durch Provokationen und "Fakten" auf die Probe stellt. Rechtfertige dich. Äußer dich doch mal DAZU. Findest du nicht auch, dass. Ich hab ja nichts gegen sie, aber wir können doch nicht. Es sind doch aber einfach zu viele.
Man haut mir Schlagzeilen um die Ohren und wartet auf meine Erklärung, meine Rechtfertigung. Ehrlich mal, was soll das denn. Könnten wir bitte mal aufhören, über Flüchtlinge zu reden und stattdessen über Menschen zu sprechen? Sie sind Menschen und nicht als Flüchtlinge geboren, und es gehört sehr viel dazu, sich dafür zu entscheiden, die eigene Heimat hinter sich zu lassen. Macht ihr das doch mal. Und das, was ihr tut, wenn ihr euch für ein, zwei Jahre ins Ausland "verzieht", ist ja noch nicht einmal vergleichbar: ihr wisst, dass ihr zurückkommen könnt. Ihr habt das alles nur freiwillig gemacht, seht es als Abenteuer, Urlaub, Selbsterfahrung. Klar, ein bisschen Kulturschock, ein bisschen Heimweh, Einsamkeit vielleicht. Diese Menschen wissen nicht, ob sie ihre Heimat jemals wiedersehen werden. Vielleicht könnten sie zurückkommen, würden aber verfolgt. Oder man würde ihnen vorhalten, was sie denn hier zu suchen hätten, und wo das Geld bliebe, das sie ihrer Familie versprochen hatten. Na, was denkt ihr, wie fühlt sich das an? Kriegt man da nicht auch eine wahnsinnige Wut?
Wenn ein Mensch ein Verbrechen begeht, so wird nach unserem Gesetz so geurteilt, dass man nach Zurechnungsfähigkeit, nach den Motiven und Umständen der Tat sowie nach deren Folgen sieht. Das ist deutsches Recht. Danach wird hier jeder beurteilt, egal, woher er kommt, welche Religion oder welche Hautfarbe er hat. Das ist die Richtlinie. Wer sich danach richtet, der bevorzugt weder Flüchtlinge noch Nicht-Flüchtlinge in irgendeiner Weise. Wer dies nicht tut, macht seinen Job möglicherweise schlecht. Es geht nicht darum, wer die Tat begeht, die durch die Schlagzeilen geht. Das ist doch pure Meinungsmache. Es geht darum, war er zurechnungsfähig, hat er sich selbst verteidigen müssen, inwiefern war es vorsätzlich, usw. Es geht hier um Menschen. Also enttarnt doch mal bitte, welche Absichten hinter der Veröffentlichung einer Schlagzeile stecken: an wen richten sie sich, in welchem Ton sind sie geschrieben, was wollen sie vermitteln? Zwischen den Zeilen lesen. Sich ein eigenes Bild machen. Investigativen Journalismus betreiben, wäre eine gute Richtlinie.

Sonntag, 30. August 2015

Was ich mir wünsche

Wenn ich immer häufiger Diskussionen über Flüchtlinge in Medien und Gesprächen verfolge, dann wünsche ich mir was. Ich wünsche mir, dass nicht mehr im Namen der Menschen gesprochen und debattiert wird. Ich wünsche mir, dass sie selbst für sich sprechen. Und wie stellen wir das an? Unsere Aufgabe besteht darin, sie dazu zu ermutigen. Ich rede davon, Gesprächsrunden zu eröffnen und Flüchtlinge als gleichberechtigte Gesprächspartner zu betrachten. Genauso, wie wir es in der Ethnologie tun. Wir sprechen nicht erst einmal über die Menschen und fragen dann nach. Vielmehr schauen wir ihnen erst einmal über die Schulter und betrachten, was sie tun, wie sie ihre Welt sehen, was sie erreichen wollen, woher sie kommen und was sie erlebt haben. Dann übersetzen wir das Gesehene in unsere Schrift und Sprache und versuchen, eine Brücke zu schlagen zu dem, was wir kennen.
Und genauso versuchen es auch wir Sozialarbeiterinnen: wir vorverurteilen nicht, sondern erkennen an, dass es unterschiedliche Lebensstile gibt, und dass das, was uns vertraut ist, nicht der Maßstab aller Dinge ist. Der Maßstab, den wir anlegen, ist der Maßstab der sozial konstruierten Menschenrechte, wie sie aus unserer Geschichte heraus etabliert wurden. Sie entstammen dem geschichtlichen Kontext des zweiten Weltkriegs,  Ich will nicht behaupten, einen Menschen nach einer kurzen Anamnese erfasst zu haben. Nein, ich befinde mich in einem ständigen Verständigungsprozess. Sobald ich meine, alles verstanden zu haben, reißt diese Verständigung ab. Und wo ich glaube, alles verstanden zu haben, da endet der Blick auf die Möglichkeit des Gegenübers, sich zu verändern und sich zu entwickeln. Ich drücke ihm einen Stempel auf, lege ihm eine Diagnose auf, ordne es einer Kategorie zu.
Und zugleich sehe ich, dass ich dies automatisch tue, Menschen in Schubladen stecken, um sie leichter einschätzen zu können. Es ist so menschlich, die Unordnung zu ordnen, das Chaos aufzulösen, Dinge selektieren zu wollen, um nicht von der Masse an Möglichkeiten und Interpretationen überrollt zu werden, in ihr unterzugehen. Denn wie haltlos wäre ich, würde ich annehmen, dass alles konstruiert, jede Wirklichkeit Illusion, jede Wahrheit subjektiv und jede Farbe jedem Menschen anders erschiene? Ich suche also Halt in Bildern, die mir andere vorhalten, die mir Medien aufdrücken, die mir Schlagzeilen um die Ohren hauen. Und da sind sie dann, die Diskussionen über "die" Flüchtlinge, "die" Punks, "die" Studierenden, oder "die" Nazis, "die" Rechten, "die" Menschen aus dem Dorf und ihre Ansichten. Ja, ich ordne ein, und positioniere mich für und gegen. Und ja, ich ecke an, und strenge mich an, und verteidige, wo ich kann, und wehre mich, wo ich kann. Aber ich glaube, dass es in der Natur des Menschen ist, sich (neu) zu positionieren und jeden Tag neu zu entscheiden, auf wessen Seite er steht.

Freitag, 21. August 2015

Ganz vergessen, wie es sich anfühlt, wenn der Körper unter Strom steht, im Rausch ist, und der Kopf völlig vergisst, wo er sich gerade befindet. Nur wegen eines Kusses. Verrückt.

Sonntag, 16. August 2015

Das Band durchschneiden.

Ich mach mich frei von denen, die mir nicht gut tun. Die mir ohne Respekt begegnen, wo ich ihnen Respekt entgegenbringe. Ich sage mich los von denen, die mich ohne Würde behandeln und alle Schuld von sich weisen und auf mich abwälzen. Ich nehme die Schere, sie heißt Wut. Und ich zerschneide die Bande, bevor sie mir das Blut abschneiden können. Ich wende alle Kraft auf und mache diesen Schnitt. Schneide das Band durch wie bei einer Eröffnungsfeier. Lege den ersten Grundstein für ein neues Haus, mein neues Leben.
Ich schaue noch einmal zurück, bin überrascht und weiß doch: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich habe mich gerettet, und euch zurückgewiesen, die ihr dort jetzt stehen bleibt.
Dein Egoismus hält dich davon ab, über die Linie zu treten und dir deine Fehler einzugestehen. Vielleicht kannst du es auch einfach nicht. Vielleicht hab ich mir eingebildet, dass du es mit dieser Entscheidung von mir endlich lernst. Vielleicht brauchst du aber einfach noch Zeit. Weißt du, ich lass dich da jetzt stehen. Ich verlasse deinen Weg, weil du mich aufhältst. Ich wünschte, es wäre nicht so weit gekommen. Aber ich wünsche dir von Herzen alles Gute. Ich werde für dich da sein, wenn du es dir irgendwann anders überlegen solltest. Aber bis dahin, lass mir meine Kraft. Geh alleine weiter. Ohne mich. Oder - bleib.
Ich hab sie übertreten. Die Ziellinie. Ich bin da, angekommen. In mir selbst. Ich zerreiße meine Fesseln und fange an zu rennen. Laufe in den Sonnenaufgang hinein.

Sonntag, 9. August 2015

Es wird brennen.

Es wird brennen, sagst du. Ich sehe einen Bürgerkrieg kommen, weißt du. Ich verstehe dich nicht, antworte ich. Doch, sieh mal, ich erkläre es dir. Was ich sehe, ist, dass ihr in diesem Land aufgehört habt, miteinander zu reden. Ich bin absolut, absolut dafür, dass wir hier alle Flüchtlinge aufnehmen, denn jeder, jeder hat ein Recht, in Sicherheit und Frieden zu leben. Verstehst du? Ja, antworte ich zögernd und mache mich auf die nächsten Worte gefasst. Willst du nun etwa auch etwas rechtes sagen, denke ich schockiert. Nein, das bist du nicht. Du fährst fort und ertappst mich in meinen Gedanken, in denen ich jedes Wort nach einer rechten Aussage abklopfe. Ich schäme mich ein bisschen, das zu tun, weil ich genau weiß, dass du das nicht bist. Du fährst fort.
Aber sieh mal, weißt du, was diese Politik hier nicht schafft? Dass sie allen Menschen eine Arbeit gibt. Das ist ein großes Problem, denn Menschen, die keine Arbeit haben, gehen vor die Hunde. Und da haben sie schon recht, die Konservativen, wenn auch sonst nicht. Aber es ist die falsche Taktik, siehst du, die, die sie anwenden. Sie machen die Ausländer verantwortlich, dabei sind es die Politiker, die ihren Job nicht machen können. Ihre Wut ist irrational, weißt du.
Ich nicke und stimme bei.
Aber weißt du, was scheiße ist? Dass man hier nichts sagen kann, ohne in eine Ecke gestellt zu werden.
Ja, das ist unser Problem, da hast du recht. Ich sehe es so: wir haben dieses Erbe. Und wir kommen nicht davon los. Deshalb denken wir in Schwarz-Weiß. Es ist schädlich für jeden Dialog. Aber wir haben Angst davor, dass uns unsere Aussagen im Mund umgedreht werden, denn solche Leute gibt es auch, sie ziehen sich Sätze aus dem Kontext, und setzen sie so zusammen, dass sie ihre eigenen Aussagen darin bestätigt sehen, weißt du, was ich meine?
Bei uns läuft einiges schief gerade.
Ja, sagst du. Und es wird brennen, irgendwann. Es brennt ja jetzt schon.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Ein kleines Stück rote Pappe.

Bald ist es so weit. Die Zeit tickt. Die Formalien fordern ihren Tribut. Ich beantrage ein Visum. Dieses Mal ist dies nötig. Es wird ein längerer Aufenthalt als die anderen Male. Ich kehre zurück in mein Second Home. Dieses Mal, um zu bleiben. Um meine Zeit dort mit neuem Sinn zu füllen. Um das Fremde im Vertrauten zu suchen. Ich suche Kontakt der Informationen wegen. Das ist das eigentlich neue. Eine andere Art des Vorgehens. Ob mir das gelingt? Ich bin hoffnungsvoll.

Ich buche den Flug. Sehe beim Aus-der-Tür-Treten einem der vielen Flugzeuge am Himmel nach. Frankfurt ist eine Stadt für die, die Fernweh haben. Anders lässt sich das kaum ertragen. Was suchen wir eigentlich? Auf der anderen Seite der Welt? Was ist das genau, was wir hier nicht haben?

War das überhaupt schon mal da?

Ich verlängere meinen Reisepass. Das alte Exemplar ist abgelaufen, obwohl noch ein wenig Platz übrig wäre. Ich lasse die Seiten durch meinen Daumen blättern. Seiten voller Ein-und Ausreisestempel, die meisten von ihnen von ugandischer Hand unterzeichnet. Vom Pass schaut mich mein 18jähriges Ich schweigend an. Ich habe mich verändert, die Jahre des Studiums und die Erfahrungen von Selbständigkeit, Selbstverantwortung, Liebe und Leid haben ihre Spuren hinterlassen. Ein neuer Pass mit einem neuen Bild, einer neuen Nummer, die mich identifiziert unter Milliarden anderen. Mit ihm gehe ich nirgends verloren. Oder doch?

Was bedeutet eigentlich Staatsangehörigkeit, wenn man sich in mehreren Nationen zuhause fühlt? Wie macht man solch ein Empfinden lesbar, druckbar, ausdrückbar? Was bedeuten eigentlich Nationen und Staaten, die Grundlage dieser Kategorisierung. Sind sie doch von Menschen konstruiert worden, um Menschen, Besitz, Güter zuzuordnen. Was ist, wenn wir alle mit zwei Nationen geboren wurden, ähnlich eines Kindes, das mit zweierlei Geschlechtsmerkmalen zur Welt kam. Und die Eltern sich dafür entschieden, es umzuoperieren, sodass es sich besser zuordnen könne und nicht später unter Identitätsdiffusion und Hänseleien anderer, zuzuordnender Subjekte zu leiden hätte. Wer hat mich festgelegt auf dieses Land?

Montag, 13. Juli 2015

Sonnenlicht

Wenn ich Schmerz nicht kenne, weiß ich nicht, was Linderung bedeutet. Dieses vorsichtige Strahlen, das auf meine Lippen zurückkehrt, zögernd, denn ist es nicht zu früh, es wieder tun zu dürfen, einen Scherz zu machen? Freude zu empfinden? Ich spüre, wie die Sehnsucht nach dir weiterhin mein Herz belagert, wenn ich alleine bin. Die Zweifel an mir selbst, das Gefühl, nicht genügt zu haben. Nicht schön, nicht gut genug gewesen zu sein, versagt zu haben, nicht liebenswert zu sein. Gedanken drehen sich um die Frage nach den eigenen Fehlern, dem eigenen Äußeren, suchen nach Lösungen, Veränderung, um Bestätigung zu erhalten. Und da spüre ich, was du in mir zerstört hast, und sehe es deutlich vor mir. Und es setzt eine neue Kraft in mir frei, den Zorn. Die Wut. Sie sind schöpferisch, sie sind stark. Sie erfassen mich. Und fließen durch mich hindurch. Ich kämpfe mich frei aus meiner Angst. Und da ist es, dieses Lied, durch Zufall entdeckt, welches durch meinen Körper dringt und den Regen beiseite wischt, wie Sonnenstrahlen meine Seele zum Leuchten bringt. Unmerklich schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht zurück, während ich durch den Sommerregen laufe. Ich sehe gen Himmel, spüre die kühlen Tropfen in meinem Gesicht, beginne zu lächeln und richte mich auf. Lasse das Licht in mich zurückkehren. Spüre die Energie neu aufflammen. Und dann sehe ich sie. Die Blicke der Menschen, die an mir vorbeigehen. Neugierig, interessiert. Und ich realisiere, dass es hier nicht darum geht, mir neue Kleider zu kaufen, die Frisur zu verändern oder mich stärker zu schminken. Es geht darum, das Licht in mich zurückzuholen, welches mich erfüllt und Glück empfinden lässt. Die innere Schönheit und Liebe zu mir selbst zurückzuholen, und sie strahlen zu lassen. Hier bin ich. Um einen Schmerz reicher. Um einen Segen reicher. Leid und Leben mischen sich, werden eins in mir.

Sonntag, 12. Juli 2015

Gesendet, nicht ausgesprochen.

Wie ein Messer ins Herz,
so treffen mich deine Worte.
Geschrieben, nicht gesagt,
gesendet, nicht ausgesprochen.
Du triffst mich,
überraschst mich,
verwirrst mich,
lässt mich in Starre zurück.
Ich habe es nicht kommen sehen,
habe keine Zeichen erkannt,
habe mich offengelegt für dich,
Stück für Stück
meine Blütenblätter für dich entfaltet.
Ich sehe deine ersten Worte vor mir,
dass du mich gerne näher kennenlernen würdest.
Ich spüre die Aufregung am ersten Abend,
deine Wange an meiner beim Abschied,
erinnere mich daran, wie du mich festhieltest, damit ich nicht fiele in der Bahn.
Weißt du nicht mehr?
Wie du nach mir verlangtest und mich bei dir haben wolltest,
meine Absagen schweren Herzens akzeptiertest,
mit mir über die Zukunft redetest,
wohin es mit mir gehen solltest,
wie ich mir eine Beziehung, eine Ehe vorstelle.
Weißt du nicht mehr?
Wie du plötzlich meine Hand nahmst, als wir durch meinen Stadtteil liefen.
Wie du mir deine Lederjacke um die Schultern legtest, damit ich nicht frieren möge.
Wie du mich fragtest, warum ich dich nicht mal zu uns einladen wolle.
Wie du mir dein Lieblingslied vorspieltest, deine Hand an meine Hüfte legtest und lächeltest.
Wie du betetest und dich danach lächelnd zu mir umdrehtest.
Wie du mich zum ersten Mal an dich herangezogen und geküsst hast.
Weißt du nicht mehr?
Wie wir in die Bibliothek gingen, und du mich von hinten umarmtest,
während wir alte Bücherrücken betrachteten.
Wie wir Pläne schmiedeten und die Fantasie schweifen ließen.
Wie hätte ich es da erkennen können.
Dass es nicht gefunkt hat bei dir?
Wie sollte ich da verstehen.
Was geschehen ist zwischen uns?
Wie sollte ich deine Entschuldigung annehmen.
Wenn ich die Gründe nicht verstehen kann?
Wo habe ich mich geirrt?
Sag mir, dass du lügst, denn ich verliere den Glauben an mich.
Sag mir, dass es einen Grund gab.
Denn weißt du, es gibt eine Trauer,
die erfüllt nur die Liebenden.
Die habe ich lange nicht mehr empfunden,
aber du hast sie in mir geweckt.
Denn weißt du, es gibt ein Gefühl,
das gehört nur den Liebenden.
Ich habe es lange nicht wahrhaben wollen,
aber nun zeichnet es sich klar vor mir ab.
Denn weißt du, es gibt den Moment des Erkennens,
den erleben nur die Liebenden.
Und dann ist er da und erhebt sich aus dem Schmerz,
den du mir zugefügt hast.
Ich sehe diese kleine SMS, die in 100en Zeichen alles erklären soll.
Und verstehe doch nichts davon.

Samstag, 13. Juni 2015

Was ist wesentlich?

Was ist wesentlich? Wenn du wüsstest, dass du bald sterben müsstest. Und hey, das kannst du jeden Tag. Lohnt es sich dann, sich in Hass gegenüber Fremden zu verlieren? Lohnt es sich, Spekulationen über Sicherheit und Terrorismus hinzugeben und in ein endloses Meer des Misstrauens einzutauchen? Vertrete nicht den Leichtsinn. Keiner muss naiv durchs Leben gehen. Setze den Verstand ein und überlege dir mal besser, was wirklich wesentlich ist. Fang bei dir selbst an und - lebe. Liebe die Menschen um dich herum. Vergib denen, die dir Böses getan haben, nicht ohne ihnen jedoch vor Augen zu führen, worin ihre Schuld bestanden hat. Das Leben kann so schön sein und doch so kurz. Wer weiß das schon? Wichtig ist das, was dich zufrieden stimmt. Spare dir deine Energie auf und verbrauche sie nicht im Grübeln und Hadern über Dinge, die geschehen sind. Sie können nicht mehr rückgängig gemacht werden. Verstehe, was richtig und falsch ist. Aber lebe. Dein Leben ist ein Geschenk an dich. Was willst du damit anfangen? Willst du wirklich den Rest deines Lebens damit verbringen, dich über andere aufzuregen? Ihr Verhalten einem ständigen Urteil zu unterziehen? Wie wäre es, wenn du bei dir selbst anfingest? Und das lebtest, was du von anderen auch sehen willst? Dieses Glücksprinzip, mach drei Menschen glücklich, indem du ihnen hilfst. Vielleicht werden sie das beim nächsten Mal bei anderen dreien wiederholen. Ein Geschenk erhalten, ist schön. Selbst zu schenken noch viel schöner. Dieser Augenblick der Freude. Spürst du das Menschliche, das uns verbindet? In den Augen des anderen, voller Dankbarkeit, in diesem Moment? Willst du dein Leben damit verbracht haben, dich um deine Zukunft zu sorgen, und immer alles im Griff haben zu wollen? Du bist nicht Gott. Du weißt nicht, was geschehen wird. Es liegt einfach oft nicht in deiner Hand. Was du lebst, wie du lebst, im Jetzt und Hier, das liegt in deiner Hand. Entscheide dich dafür, wie du leben willst. Umgib dich mit Menschen, die dir gut tun. Schweige, wenn dir danach ist. Liebe, wenn dir danach ist. Rede, wenn dir danach ist. Sag, was du fühlst, teile dich mit. Was ist zu verlieren? Alles ist vergänglich, irgendwann ist alles vorbei. Und dann willst du doch auch sagen, dass du gelebt hast. Oder? Gelebt.

Samstag, 6. Juni 2015

Wenn du siehst.

Wenn du siehst. Wie eine Mutter um ihr Kind bangt, das bereits zweimal wiederbelebt werden musste. Und nun Epilepsie haben soll. Dann verstehst du, wie wertvoll Gesundheit ist. Wenn du hörst. Wie ein Mann seinen Freund vehement daran erinnert, sich nicht hängen zu lassen und an Gott festzuhalten, in dem Moment, in dem dessen Bruder in Syrien einem Krieg zu Opfer gefallen ist. Und eine Familie zerstört wird. Dann verstehst du, wie wertvoll Sicherheit ist. Wenn du beobachtest, wie eine Frau beim Anblick ihrer sich im letzten Krebsstadium befindlichen Freundin in der U-Bahn in Tränen ausbricht, während die andere sie tröstet und immer wieder sagt: Siehst du, ich bin so dankbar, das Leben ist so wertvoll, vergiss das nicht. Und sich dann für immer verabschiedet. Dann verstehst du, wie wertvoll das Leben ist. Wenn du es schaffst. Mit offenen Augen durch deine Welt zu gehen, und diese Zeichen zu deuten. Und sie zu leben. Dann verstehst du, was Sehen und Erkennen ist.

Freitag, 5. Juni 2015

Ich lass dich nicht allein.

Sie sitzen in der aufgehenden Sonne auf der Terrasse. Und plötzlich sind da noch drei kleine Menschen, ich bin überrascht. Reibe mir verlegen die Nacht aus den Augen. Sie erklären mir, die drei würden jetzt den Tag über bei uns bleiben. Ihr kleiner Bruder habe einen Anfall gehabt und habe in die Klinik gebracht werden müssen. Später erfahre ich, dass er bereits zwei mal aus dem Tod zurückgeholt werden musste. An einem Tag. Die Mutter hat seine Geschwister zu uns gebracht. In der Not hat sie um acht Uhr morgens geklingelt. Mutter hat kaum Fragen gestellt. Es ist keine Frage, dass man sich in solch einer Situation hilft. Jetzt sitzen sie da und wagen kaum, die Hand nach einem Stück Brot auszustrecken. Die Familie lebt an der unteren Armutsgrenze. Die Kleider sprechen Bände. Aber die Mädchen sind stark. Sie beginnen zu erzählen, von ihrem Garten, ihrem Baumhaus, dem Bach, an dem sie täglich spielen. So oft wir es versuchen, der Junge schweigt. Er starrt vor sich hin und scheint unter Schock. Später dasselbe noch einmal mit der kleinen Schwester, die ich mittags vom Kindergarten abhole. Sie umklammert ihr kleines Stofftier und will erst mal gar nichts essen. Sie versteht nicht, wie soll sie auch. Vielleicht ist ihr großer Bruder am Ende dieses Tages gar nicht mehr da. Und wir sitzen hier, die Sonne scheint durch die grünen Blätter der Magnolie, der Duft von Kaffee verfängt sich in der Nase. Welch eine Ironie. Wie ist man für Kinder da, die nicht wissen, ob ihr kleiner Bruder diesen Tag überlebt, die nicht wissen, wann Mama und Papa aus dem Krankenhaus zurückkommen. Und doch, sie wirken so stark. Aus kleinen Legosteinen entstehen bald ein Schwimmbad, ein Haus, ein Turm. Ein buntes Pferd grast auf einer papiernen Oberfläche. Aus Origamipapier entpuppen sich Blüten und Himmel-Hölle-Frösche. Unter dem Glas einer Lupe beginnt ein Blatt Papier wie von Zauberhand zu brennen. Man gibt alles, um die Angst auszublenden. Das Handy lauert an der Ecke des Tisches und erinnert an die abwartende Spannung. Dann, die Erlösung. Er schlafe jetzt, das Gespräch mit den Eltern stehe noch an. Mehr könne man noch nicht sagen, nur, dass es sich um eine Art der Epilepsie handeln könnte. Ich spüre, wie der Geist der Dorfgemeinschaft durch diese Mauern strömt. In der Not bin ich für dich da. Ich lasse dich nicht im Stich. Menschlichkeit.

Sonntag, 10. Mai 2015

Und manchmal, da packt es mich.

Und manchmal, da packt es mich. Und ich erkenne sie, die Menschen, die ähnlich denken wie ich. Und sehe, wie wir uns begegnen, frei gewordene Geister im Raum, noch am Suchen, noch am Fragen. Ist das wirklich alles, was das Leben mir zu bieten hat? Oder ist da noch mehr? Und sie brechen aus, stürzen sich ins Ungewisse, sind nicht ganz eins mit der Welt dort drüben und wissen doch: hier bin ich, hier will ich sein - für den Moment. Und wieder zurück. In die Sicherheit. In den Schoß der Mutter. Auftanken von Vertrauen und Sicherheit, bevor es sie erneut wegzieht ins Ungewisse. Rastlos, ungestillt, auf der Suche nach etwas, was sie ein bisschen mehr erahnen lässt von dem, was sie wirklich sind und sein wollen. Und ich fühle mich eins mit ihnen. Für den Moment. Denn ich weiß: ich bin nicht allein.

Montag, 4. Mai 2015

Schlaflos

Schlaflos treibt es mich durch die Nacht. Ein Lied hat meinen Kopf durchdrungen, ich lasse ihn auf Repeat laufen. Chan Chan, klingt es in meinen Ohren. Ich bewege mich sanft, die Augen geschlossen, verliere für einen Moment den Bezug zum Boden. Bin ganz weit weg. Alles ist leicht. Der Schlaf zieht noch nicht. Ich versuche vernünftig zu sein, aber heute zieht das nicht. Liegen. Atmen. Träumen. Die schönsten Momente sind die ersten Takte. Die Spannung kommt und geht. Kennst du das? Die Ahnung dessen, was kommen will? Der Moment, der verzaubert? Kennst du das auch?

Samstag, 2. Mai 2015

Vom Sich Aufbäumen.

Den Ballast abwerfen, die Zweifel, die Ängste, die mir das Herz schwer machen angesichts der Fragen, die sich mir stellen. Ob es anderen auch so geht, dass sie sich manchmal fragen, wie sie gegen den Druck, die Erwartungen, die von außen an sie herangetragen werden, ankommen, ihnen gerecht werden sollen? Ich versuche die Angst abzulegen, aber immer wieder holt sie mich ein, genau dann, wenn ich es nicht mache wie Beppo der Straßenkehrer und nur einen Schritt, einen Atemzug, einen Besenstrich denke. Wie machen das andere, mit dem Straßenstaub zurechtzukommen? Wie habe ich es bisher geschafft? Immer wieder verliere ich aus den Augen, wie viel ich bisher eigentlich erreicht habe. Es ist einfach, sich zu kritisieren und sich zu sagen, dass man nicht genug getan hat. Dass man erst einen Bruchteil dessen getan hat, was eigentlich möglich wäre. Es ist viel schwerer, sich selbst zu loben und zu sagen: Das habe ich gut gemacht. Es schockiert schon ein bisschen und ich frage mich, woher diese Art der Selbstbetrachtung eigentlich herrührt. Nehme ich mir zu wenig Zeit, um wertzuschätzen, was ich eigentlich Gutes getan habe? Was mir Gutes widerfahren ist? Ich kann sagen: Ich habe ein gutes Abi geschafft, mir einen festen Freundeskreis aufgebaut, in dem ich mich geborgen fühlen kann, ein Jahr in Uganda verbracht und dabei solch schöne Momente erlebt, einen Studienplatz bekommen - ein Geschenk! Ein komplettes Studium durchgezogen, gekämpft und gewonnen, den Ort gefunden, an dem ich immer schon arbeiten wollte, dann - das Geschenk einer zweiten Chance: der Master an der Uni, nicht erwartet, nicht erhofft, und doch erhalten. Ich habe: Ein gutes Verhältnis zur Familie aufrecht erhalten können, schöne Beziehungen erlebt, die zwar zerbrochen sind, aber mir dennoch viel gegeben haben in ihren guten Zeiten. Ich will mein Herz öffnen für die Dinge, an denen ich beteiligt war und die ich so gut gemeistert habe, will den Mut jetzt nicht verlieren, denn es gibt einen Sinn hinter dem, was ich tue, auch wenn ich manchmal hadere. Ich weiß, dass das hier ein Geschenk ist, und ich weiß, dass ich es wert bin, und dass ich mich darüber freuen darf und gespannt sein darf, was noch kommt. Ein Professor hat einst den Spruch geprägt, aus der Krise entstehe Neues. Ich bin sicher, dass ich in der Erfahrung von Überforderung und erhöhtem Druck nicht nur lerne, mit meinen Kräften hauszuhalten, auch wenn es bestimmt noch ein weiter Weg ist, bis ich mich vom Perfektionismus verabschieden und selbstzufrieden werden kann. Und ich weiß, es werden Zeiten kommen, da wird all die Mühe entlohnt und ich werde erkennen, wie ich gewachsen bin.

Sonntag, 19. April 2015

Von Krügen und Scherben.

Du entgleitest mir. Ich erkenne dich nicht mehr wieder. Deine Fragen verletzen mich, weil sie andeuten, wie sehr dein Vertrauen auf mich längst zerbrochen ist. Ich suche den Fehler bei mir und finde doch keinen. Was ist da passiert zwischen uns? Wo hat es angefangen? Oder habe ich ihn nur die ganze Zeit nicht gesehen, obwohl er längst da war, der Bruch? Du greifst in die Leere und ich ziehe mich zurück von dir. Du sagst, du kannst nicht schlafen. Dass du mich vermisst. Ich will dir nicht entgegenkommen, ich habe so viel gegeben und nun bin ich müde. Ich weiß, aus mir spricht eine fremde Stimme, die jetzt nicht trösten will. Ich merke, wie ich mich hart stellen muss, um nicht wieder nachzugeben. Das bin nicht ich, will ich rufen. Aber du hast es ja herausgefordert! Ich will dir glauben, dass ja alles wieder okay und geklärt sei, fürchte mich vor dem drohenden Aus. Kann es das denn wirklich gewesen sein? M. tröstet mich, spricht von dir, als ob ich von einem gerade gestorbenen geliebten Menschen Abschied nehmen und in Dankbarkeit für die vielen Dinge, die du mir gezeigt und geschenkt hast, zurückschauen müsste. Ja, es klingt wie der Abschied von jemandem, den ich gerade verloren habe und nie wieder sehen werde. Alles in mir zieht sich zusammen und wehrt sich bei diesen Worten, nichts ist so schwer wie Gehenlassen. Plötzlich will ich um dich kämpfen. Herz gegen Kopf. Hat es Sinn? Oder ist es die Flucht davor, dir weh tun zu müssen und mich selbst ebenfalls zu verletzen? Die Angst vor der falschen Entscheidung, dem Entschluss zu einer Rückkehr in die Einsamkeit? Wenn die Beziehung zu dir als Scherbe aus dem Krug meines Lebens gebrochen wird und eine hässliche Narbe hinterlässt. Hat es Sinn?

Donnerstag, 9. April 2015

Der andere Raum. Oder: Abschied nehmen.

Die letzten Früchte sind gekauft. Ich sitze die Zeit ab. Electricity is gone, daher kann ich mich weder mit Internet noch mit Nachrichten auf Al Jazeera ablenken. Die Bücher sind ausgelesen. Stattdessen lasse ich Revue passieren. Mein Herz hängt hier, egal wie langweilig es manchmal ist... Welche Momente bleiben? Wie der alte Mann, der kaum noch Zähne hatte, im Altenheim auf Sansibar für uns gesungen und uns dabei angestrahlt hat. Vielleicht ist er inzwischen gestorben. Wie die abgemagerte alte Frau sich aufgrund meines Körpergewichts solche Sorgen um mich gemacht hat - ob ich vielleicht krank sei? Wie mir diverse Busfahrer immer wieder dabei geholfen haben, mich zu orientieren, ohne irgendetwas zu erwarten. Wie ich mit der jungen Iranerin im Bus Bekanntschaft machte und merkte, dass wir trotz unterschiedlicher Herkunft und Religion denselben Willen zur Freiheit und Unabhängigkeit teilten. Wie ein zweijähriges Mädchen seine kleine Hand nach einer Messe in meine legte und mich grüßte. Wie die Kinder in der Osternacht tobten, tanzten und die Halle mit ihrem lauten Alleluia füllten. Das Meckern der Ziegen und das Zirpen der Grillen, während wir still um das Osterfeuer standen. Die Nachtluft, durch die wir mit Motorrädern rasten, und der schwarze Himmel über uns voller greller Sterne. Auf den Kibaale (Felsen) sitzend, den Busch unter uns. M. und ich im schüttenden Regen auf der lehmigen roten Hauptstraße laufend. Das Eintauchen ins blaue Meer unter einem sich zusammenbrauenden Gewitter. Der Duft von frisch vom Baum geschnittenem Zimt. Das Salz des Meeres auf den Lippen. Der Schreck in den Knochen, als ich beinahe auf eine schwarze Giftschlange getreten bin. Ein Tropfen Kokosmilch, der an meiner Hand herunterläuft. Zahlreiche Umarmungen links und rechts. Der Geruch des Priesters, als er mich zum Abschied lange umarmt. Der Moment, in dem mein bester Freund plötzlich am Tisch steht und ich mich erhebe, um ihn nach mehr als einem Jahr zu begrüßen. Kinder, die ihre gesalzenen und gerösteten Maiskörner mit mir teilen. Blut auf den Steinplatten vor der Schlachtwanne am Karsamstag. Tote Ameisen in meinem Zimmer und ein Betonboden, schillernd aufgrund der ausgefallenen Flügel derselben, die im Licht der Lampe starben. Das Quaken der Kröten bei heftigem Regen im Morgengrauen. Der rostige Geruch des Wassers aus der Dusche. Die Freude im Moment, wenn der Strom zurückkommt und die Lichter flackernd angehen. Schwarze, leise grunzende Ferkel am Wegesrand. Juckende Moskitostiche auf der verbrannten Haut. Reggae aus den Boxen der kleinen Shops. Mukka wange. Omuvireho. (Mein zweites Zuhause, ich vermisse dich.)

Donnerstag, 5. Februar 2015

Du nach links. Du nach rechts.

Meine Arbeit, dazu gehört. Menschen Bescheide vorlesen, in denen ihnen ein Aufenthaltsstatus zuerkannt wird. Und Menschen Bescheide vorlesen, in denen steht, dass sie nicht hier bleiben dürfen. Ein Flüchtling bist du nicht. Ein Asylant auch nicht. "Offenkundig" steht im Fachdeutsch. Offenkundig gehört das junge Paar mit den drei Kindern, die vor meinem Tisch sitzen und mich fragend anschauen, nicht hierher. Ich lese weiter vor, langsam, damit sie es verstehen können, denn ein bisschen Deutsch können sie schon, sie sind ja lange genug hier. Sie haben innerhalb einer Woche das Land zu verlassen. Tun Sie dies nicht, werden Sie abgeschoben. Ich blicke auf. "Es tut mir Leid", ist alles, was ich fertig bringe. Keiner weint, aber man sieht Sekunde für Sekunde, wie sich die Erkenntnis auf den Gesichtern ausbreitet. Wenn du diese Arbeit machst, gewöhnst du dich erstaunlich schnell an das Unrecht, was hier geschieht. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, wenn für den anderen in einem Moment alles in Scherben zerfällt. Du siehst das, was außen ist. Gefasstheit. Der Stolz, der auch nicht schwindet bei der schlimmsten Nachricht. Oder ist es Schock, der den Gesichtsausdruck einfrieren lässt? Ich bin mir bewusst, dass nicht ich verantwortlich für diese Entscheidung bin. Ich bin der Übermittler der Nachricht, die andere geschrieben haben, über die andere entschieden haben, die die Menschen hinter der Tischplatte nicht kennen. Dennoch, für sie bin ich die Person, die die Entscheidung mitteilt, der erste Mensch, der damit in Verbindung gebracht wird. Zu Wutausbrüchen mir gegenüber ist es noch nie gekommen. Sie verstehen schon, wer wirklich am Hebel sitzt. Aber die Stille. Die Fragen. Und was können wir jetzt tun? Ich muss sie auffangen. Eine Absage. Eine Zusage. Ein Schritt ins Leben. Zwei Schritte zurück in die Hölle. Ein Mensch muss sehr gute Gründe haben, warum er die Heimat für immer hinter sich lässt. Das ist kein Plan, der an einem Tag gemacht und am nächsten umgesetzt wird. Jeder Mensch hat sehr gute Gründe, warum er hierher gekommen ist. Das Warten auf die "Selektion", um einen drastischen Vergleich zu ziehen zu - du weißt was ich meine. Auch damals gab es Selektionen. Ins Leben die einen, in den (sozialen) Tod die anderen. Wer sind wir, darüber zu entscheiden, wer auf welche Seite muss?

Sonntag, 4. Januar 2015

Datenschutz

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Schneetreiben.

Wie kommt es, dass wir Menschen ständig auf der Suche sind? Wie kann es sein, dass es uns so schwer fällt, uns selbst zu finden und anzunehmen? Wir sind schon längst da und jeden Tag ein bisschen mehr. Wir verbauen uns das Wissen, was wir gerne tun und die Lust am Leben durch die modernen Kommunikationsmittel. Sie lassen uns ermüden, trimmen uns darauf, immer nur nach Unterhaltung zu gieren. Wo ist der nächste Gag, das nächste Bild? Ich will nicht lange Texte lesen, ich will genießen. In der Kürze liegt die Würze, das lernt man spätestens im Seminar zu wirksamer Öffentlichkeitsarbeit. Wir lassen uns mitreißen von einem Sog aus Spaß und Leichtlebigkeit, aber wird es uns dadurch leichter ums Herz? Ich lasse mich hineinziehen in den Sog und bin doch innerlich leer. Ein Lachen stiehlt sich nur selten von meinen Lippen, wenn ich einen weiteren Spot betrachte, der mich unterhalten soll. Ich giere vielmehr nach dem nächsten. Es ist pure Ablenkung von Pflichten, die ich eigentlich tun sollte. Die Stille ertrage ich nicht, ich brauche Musik oder Stimmen. Wie weit ist es schon gekommen, dass ich beinahe die Wirkung des Schnees vergesse, der lautlos auf die Erde fällt, mich meinen Körper in der Kälte neu spüren lässt, der sich vor unbehaglicher Kälte verkrampft und zusammenzieht. Wie könnte ich vergessen, wie der Schnee auf einzigartige Art und Weise die Geräusche meiner Umgebung abzudämpfen scheint und alles still werden lässt. Das denke ich mir, als ich auf dem beinahe leeren Bahngleis stehe und auf dich warte. Während Schneeflocken sich daumengroß auf meine Haare und in das Kunstfell meiner Kapuze setzen und ich den tanzenden kleinen Flecken in der Dunkelheit zusehe. Ich atme durch, denke laut diese Worte in meinem Kopf, befreie mich von der Wirklichkeit und tauche zugleich in sie ein. In diesem Moment spüre ich die Lust zu leben. Die Welt bleibt still, die Zeit tickt beinahe ungesehen weiter, doch ich achte nicht auf sie, sehe nicht mehr ungeduldig jede Minute auf die Uhr. Es überrascht mich fast, wie schnell plötzlich der rote Zug einfährt, deine Silhouette in einer raschen Bewegung an mir vorbeizieht, ehe ich dich aussteigen und mir entgegenlaufen sehe. Ich bin zuhause.