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Donnerstag, 5. Februar 2015
Du nach links. Du nach rechts.
Meine Arbeit, dazu gehört. Menschen Bescheide vorlesen, in denen ihnen ein Aufenthaltsstatus zuerkannt wird. Und Menschen Bescheide vorlesen, in denen steht, dass sie nicht hier bleiben dürfen. Ein Flüchtling bist du nicht. Ein Asylant auch nicht. "Offenkundig" steht im Fachdeutsch. Offenkundig gehört das junge Paar mit den drei Kindern, die vor meinem Tisch sitzen und mich fragend anschauen, nicht hierher. Ich lese weiter vor, langsam, damit sie es verstehen können, denn ein bisschen Deutsch können sie schon, sie sind ja lange genug hier. Sie haben innerhalb einer Woche das Land zu verlassen. Tun Sie dies nicht, werden Sie abgeschoben. Ich blicke auf. "Es tut mir Leid", ist alles, was ich fertig bringe. Keiner weint, aber man sieht Sekunde für Sekunde, wie sich die Erkenntnis auf den Gesichtern ausbreitet. Wenn du diese Arbeit machst, gewöhnst du dich erstaunlich schnell an das Unrecht, was hier geschieht. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, wenn für den anderen in einem Moment alles in Scherben zerfällt. Du siehst das, was außen ist. Gefasstheit. Der Stolz, der auch nicht schwindet bei der schlimmsten Nachricht. Oder ist es Schock, der den Gesichtsausdruck einfrieren lässt? Ich bin mir bewusst, dass nicht ich verantwortlich für diese Entscheidung bin. Ich bin der Übermittler der Nachricht, die andere geschrieben haben, über die andere entschieden haben, die die Menschen hinter der Tischplatte nicht kennen. Dennoch, für sie bin ich die Person, die die Entscheidung mitteilt, der erste Mensch, der damit in Verbindung gebracht wird. Zu Wutausbrüchen mir gegenüber ist es noch nie gekommen. Sie verstehen schon, wer wirklich am Hebel sitzt. Aber die Stille. Die Fragen. Und was können wir jetzt tun? Ich muss sie auffangen.
Eine Absage. Eine Zusage. Ein Schritt ins Leben. Zwei Schritte zurück in die Hölle. Ein Mensch muss sehr gute Gründe haben, warum er die Heimat für immer hinter sich lässt. Das ist kein Plan, der an einem Tag gemacht und am nächsten umgesetzt wird. Jeder Mensch hat sehr gute Gründe, warum er hierher gekommen ist. Das Warten auf die "Selektion", um einen drastischen Vergleich zu ziehen zu - du weißt was ich meine. Auch damals gab es Selektionen. Ins Leben die einen, in den (sozialen) Tod die anderen. Wer sind wir, darüber zu entscheiden, wer auf welche Seite muss?
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