Dieses Land wird zerrissen. In den sozialen Medien streiten sich zwei Parteien, und ich sehe Propaganda überall. Da sind die Nachrichten, die von Massenschlägereien und Messerstecherei, Diebstahl in Supermärkten und Randalen in Unterkünften berichten. Und dann gibt es die andere Seite, die Menschen anklagt, die Unterkünfte in Brand stecken, auf Kinder urinieren, Flüchtlinge lebensgefährlich zusammenschlagen. Dieses Land brennt doch längst.
Flüchtlinge raus! Schreien die einen. Refugees Welcome! Halten die anderen dagegen. Natürlich positioniere ich mich. Meine Arbeit ist Beweis genug dafür. Aber diese Arbeit fordert ein starkes Rückgrat, und bereits jetzt beobachte ich, wie man sich entweder bedingungslos auf meine Seite schlägt oder mich durch Provokationen und "Fakten" auf die Probe stellt. Rechtfertige dich. Äußer dich doch mal DAZU. Findest du nicht auch, dass. Ich hab ja nichts gegen sie, aber wir können doch nicht. Es sind doch aber einfach zu viele.
Man haut mir Schlagzeilen um die Ohren und wartet auf meine Erklärung, meine Rechtfertigung. Ehrlich mal, was soll das denn. Könnten wir bitte mal aufhören, über Flüchtlinge zu reden und stattdessen über Menschen zu sprechen? Sie sind Menschen und nicht als Flüchtlinge geboren, und es gehört sehr viel dazu, sich dafür zu entscheiden, die eigene Heimat hinter sich zu lassen. Macht ihr das doch mal. Und das, was ihr tut, wenn ihr euch für ein, zwei Jahre ins Ausland "verzieht", ist ja noch nicht einmal vergleichbar: ihr wisst, dass ihr zurückkommen könnt. Ihr habt das alles nur freiwillig gemacht, seht es als Abenteuer, Urlaub, Selbsterfahrung. Klar, ein bisschen Kulturschock, ein bisschen Heimweh, Einsamkeit vielleicht. Diese Menschen wissen nicht, ob sie ihre Heimat jemals wiedersehen werden. Vielleicht könnten sie zurückkommen, würden aber verfolgt. Oder man würde ihnen vorhalten, was sie denn hier zu suchen hätten, und wo das Geld bliebe, das sie ihrer Familie versprochen hatten. Na, was denkt ihr, wie fühlt sich das an? Kriegt man da nicht auch eine wahnsinnige Wut?
Wenn ein Mensch ein Verbrechen begeht, so wird nach unserem Gesetz so geurteilt, dass man nach Zurechnungsfähigkeit, nach den Motiven und Umständen der Tat sowie nach deren Folgen sieht. Das ist deutsches Recht. Danach wird hier jeder beurteilt, egal, woher er kommt, welche Religion oder welche Hautfarbe er hat. Das ist die Richtlinie. Wer sich danach richtet, der bevorzugt weder Flüchtlinge noch Nicht-Flüchtlinge in irgendeiner Weise. Wer dies nicht tut, macht seinen Job möglicherweise schlecht. Es geht nicht darum, wer die Tat begeht, die durch die Schlagzeilen geht. Das ist doch pure Meinungsmache. Es geht darum, war er zurechnungsfähig, hat er sich selbst verteidigen müssen, inwiefern war es vorsätzlich, usw. Es geht hier um Menschen. Also enttarnt doch mal bitte, welche Absichten hinter der Veröffentlichung einer Schlagzeile stecken: an wen richten sie sich, in welchem Ton sind sie geschrieben, was wollen sie vermitteln? Zwischen den Zeilen lesen. Sich ein eigenes Bild machen. Investigativen Journalismus betreiben, wäre eine gute Richtlinie.
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