Verflucht. Wie schwer ein Eimer mit 10 Litern Farbe werden kann, habe ich unterschätzt. Ich stelle mich auf ein Stop-And-Go-Martyrium vom Bahnhof bis nach Hause ein. Stöhnend versuche ich unterschiedliche Haltungen aus, keine gelingt mir auf lange Zeit. Ich laufe blind an den Läden vorbei, die ich täglich passiere und deren Inhaber mir doch fremd sind. Streife einen Kiosk. Setze den Eimer ab. Halte inne. Nehme ihn wieder. Weiter-
Hallo!
Ich laufe weiter.
Hallo! Hallo. Ich drehe mich um. Ein Mann mit Vollbart um die 30 ist mir zögernd ein paar Schritte nachgekommen. Sein Kollege, der Kioskbesitzer, bleibt vor seiner Tür stehen und beobachtet mich. Ich kann sie nicht zuordnen, aber sie haben in jedem Fall arabische Wurzeln, da er etwas zu ihm sagt, was ich nicht verstehe. Er entschuldigt sich mehrmals, mich angesprochen zu haben, und fragt dann geradeheraus, wo ich wohne. Am Kreisel. Ich zeige die Straße hinunter. Okay, kein Problem, wissen Sie was, ich nehme Ihren Eimer voll Farbe und fahre ihn hin. Wir treffen uns da. Am Kreisel. Okay? Ich stottere und werde rot. Mir fällt nichts anderes ein, als einzuwilligen. Er ruft seinem Kollegen etwas zu, dann lässt er seine Karre blinken. Ein schöner schwarzer, ganz schön edel und dunkle Scheiben. Ich zögere und gebe ihm meinen Eimer. Er sagt, wir treffen uns dann dort. Keine Sorge, ich will nichts Böses. Ich drehe mich langsam um, will loslaufen. Er schiebt hinterher: Oder, wenn Sie wollen, ich kann Sie auch mitnehmen. Aber nicht dass Sie denken, ich will was. Nur wenn Sie wollen. Es ist kein Problem. Ich betrachte ihn kurz. Um uns herum ist alles voller Leute. Der Kioskbesitzer sieht mich ruhig und abwartend an. Ich willige ein. Sie können nach vorne sitzen. Kein Problem. Ich öffne die Tür, alles riecht neu und nach einem Männerparfum. Er schließt die Tür, ich bedanke mich schon wieder. Kein Problem. Wissen Sie, der Mann vom Kiosk ist mein Bruder. Ich hab ihn besucht, aber ich hab gerade sowieso nichts zu tun. Da habe ich Sie gesehen, aber ich wollte Ihnen nicht hinterherrufen, als Sie an uns vorbeigelaufen sind. Wissen Sie, sonst denken die Frauen immer, wir wollen sie nur anmachen oder so. Er druckst herum. Deshalb habe ich gewartet, bis Sie über die Straße gehen wollten und ein paar Meter entfernt waren. Ich hab Sie gesehen und ey, ich sag Ihnen, wenn ich eine Frau sehe, die so was Schweres tragen muss, dann frag ich, ob ich helfen kann. Aber es ist schwer, oft denken sie, man will sie anmachen. Und so will man ja auch nicht wirken. Er fährt um die Kurve. Ich beteuere, dass ich das überhaupt nicht gedacht habe. In der Tat hat mein Instinkt mich nicht getäuscht, dieser Mann ist gut gesinnt. Er führt seine Rede fort. Er helfe immer, wenn er alte Menschen oder Frauen mit Kindern sehe, die noch einen weiten Weg vor sich hätten. Bei jungen Frauen sei er vorsichtiger, weil... er wiederholt sich. Ich lächele und sage, dass ich das verstehe. Am Ende fährt er mich direkt vor meine Haustür. Geht so? Fragt er und gibt mir den Eimer in die Hand. Ja, danke. Ich sehe ihn an. Sie haben ein gutes Herz. Er lacht und dreht verlegen den Kopf weg. Alles gut, alles gut. Ich wünsch Ihnen noch 'nen schönen Tag. Ich Ihnen auch. Er wartet, bis ich die Tür geöffnet habe. Erst dann parkt er aus. Zu meinem Mitbewohner sage ich: Weißt du, mir ist gerade ein Engel begegnet. Was? Ein Engel. Wie meinst du das, erzähl. Ich hole Luft, stelle den Eimer ab und erzähle. Verflucht...
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