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Freitag, 5. Juni 2015

Ich lass dich nicht allein.

Sie sitzen in der aufgehenden Sonne auf der Terrasse. Und plötzlich sind da noch drei kleine Menschen, ich bin überrascht. Reibe mir verlegen die Nacht aus den Augen. Sie erklären mir, die drei würden jetzt den Tag über bei uns bleiben. Ihr kleiner Bruder habe einen Anfall gehabt und habe in die Klinik gebracht werden müssen. Später erfahre ich, dass er bereits zwei mal aus dem Tod zurückgeholt werden musste. An einem Tag. Die Mutter hat seine Geschwister zu uns gebracht. In der Not hat sie um acht Uhr morgens geklingelt. Mutter hat kaum Fragen gestellt. Es ist keine Frage, dass man sich in solch einer Situation hilft. Jetzt sitzen sie da und wagen kaum, die Hand nach einem Stück Brot auszustrecken. Die Familie lebt an der unteren Armutsgrenze. Die Kleider sprechen Bände. Aber die Mädchen sind stark. Sie beginnen zu erzählen, von ihrem Garten, ihrem Baumhaus, dem Bach, an dem sie täglich spielen. So oft wir es versuchen, der Junge schweigt. Er starrt vor sich hin und scheint unter Schock. Später dasselbe noch einmal mit der kleinen Schwester, die ich mittags vom Kindergarten abhole. Sie umklammert ihr kleines Stofftier und will erst mal gar nichts essen. Sie versteht nicht, wie soll sie auch. Vielleicht ist ihr großer Bruder am Ende dieses Tages gar nicht mehr da. Und wir sitzen hier, die Sonne scheint durch die grünen Blätter der Magnolie, der Duft von Kaffee verfängt sich in der Nase. Welch eine Ironie. Wie ist man für Kinder da, die nicht wissen, ob ihr kleiner Bruder diesen Tag überlebt, die nicht wissen, wann Mama und Papa aus dem Krankenhaus zurückkommen. Und doch, sie wirken so stark. Aus kleinen Legosteinen entstehen bald ein Schwimmbad, ein Haus, ein Turm. Ein buntes Pferd grast auf einer papiernen Oberfläche. Aus Origamipapier entpuppen sich Blüten und Himmel-Hölle-Frösche. Unter dem Glas einer Lupe beginnt ein Blatt Papier wie von Zauberhand zu brennen. Man gibt alles, um die Angst auszublenden. Das Handy lauert an der Ecke des Tisches und erinnert an die abwartende Spannung. Dann, die Erlösung. Er schlafe jetzt, das Gespräch mit den Eltern stehe noch an. Mehr könne man noch nicht sagen, nur, dass es sich um eine Art der Epilepsie handeln könnte. Ich spüre, wie der Geist der Dorfgemeinschaft durch diese Mauern strömt. In der Not bin ich für dich da. Ich lasse dich nicht im Stich. Menschlichkeit.

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