"Das ist das Ende", sagte er und schaute sie an. Kein Blinzeln in den Augen, nur dunkle Pupillen, die sie anstarren. Nach Halt suchend, testend vielleicht auch: Kann sie sein Leid mittragen? Das, was er nun erzählen wird? "Ich glaube, das ist unser Ende." Wo hört Liebe auf, wo ist der Grad überschritten, an dem Streit zu viel wird und eine Trennung der bessere Weg ist.
Sie nimmt seine Hand, hält sie fest, kühl wie sie ist. Hofft auf mehr Worte, die dann auch zu sprudeln beginnen. Wie alles angefangen hat, wie es jetzt ist, wie er sich fühlt. Er ist befremdet von diesen neuen Gefühlen. Warum er nicht bei ihr sein will, bei dem Menschen, den er mal geliebt hast. "Wenn sie morgen nach S. geht, ist mir das egal. Ich muss das akzeptieren", sagt er und schaut sie an. "Ist das normal?" fragt er. "Dass wir einander so gleichgültig geworden sind, so viel Hass empfinden", denn ja, Hass nennt er es. Er will weglaufen, sich von ihr entfernen.
"Ich frage mich, wie wir zu diesem Ort gekommen sind" tönt es ihr in den Ohren, als sie bewegt nach Hause fährt. Und weiß doch keinen Rat.
Manchmal verstehen die Menschen die Welt nicht mehr, und alles liegt in Scherben, die ganze Welt ist kaputt, zerfallen in Staub, das Konstrukt, das man aufrechtzuerhalten versucht hat, ist gescheitert, und man steht plötzlich allein da, einsam in Zweisamkeit, die plötzlich beängstigend und bedrückend wirkt. Der Ausweg ist die Flucht auf ein herrenloses Sofa weit weg von zuhause, doch wie geht es weiter? Was tun, wenn die Orientierungslosigkeit den Menschen umhüllt, er nach Lebenszeichen des anderen hechtet, die aber nicht kommen, wenn das Schweigen tiefe Wunden schneidet.
Manchmal gibt das Leben harte Prüfungen auf, die einen überfordern und ratlos dasitzen lassen. Man verliert alles. Wo ist dann Halt? Was hält die Hoffnung aufrecht, wenn man nicht an Gott glaubt, sondern an den Menschen, und der Mensch, den man vielleicht am meisten liebt, plötzlich nicht mehr da ist? Wenn es einen Gott gibt, möge er diese suchenden Menschen segnen und tragen, wo sie in Not sind.
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Donnerstag, 28. August 2014
Samstag, 16. August 2014
Wenn die Nacht kommt.
Die Nacht legt sich wie ein Schleier um mich, tröstet mich, beruhigt mich. Die Straßen sind leer, und nur vom künstlichen warmen Licht der Straßenlaternen erleuchtet. Eine Mischung aus Rosen- und Pfefferminzduft erfüllt die Luft in meinem kleinen Zimmer. Die Aufregung legt sich zu leisen Gesängen und Gitarrenklängen. Ich streiche mit meinen nackten Füßen über die raue Wand, spüre der Berührung nach. Meine Augen beginnen zu jucken, es ist Zeit, sie zu schließen. Noch will ich nicht. Spüre den Geräuschen nach.
Mittwoch, 6. August 2014
Aus Müdigkeit entstanden.
Manchmal überfällt sie mich, diese Müdigkeit. Besonders, wenn ich lese. Ich spüre, wie alle Kraft aus meinen Gliedern weicht, wie mein Kopf plötzlich für eine Schrecksekunde nach unten fällt, wie ich rasch wieder wach werde, bloß um erneut gegen die Schwere anzukämpfen, die meinen Körper erfüllt. Wie menschlich ist es doch, dass wir rasten müssen. Und wie unnatürlich ist es doch angesichts dessen, dass wir versuchen, durchzuarbeiten, uns keine Pausen gönnen können und die Arbeitszeit sich unerträglich langsam ihrem Ende zu bewegt. Gefesselt an die institutionellen Vorgaben verkomme ich zuweilen am Schreibtisch, weil ich alles in meiner Macht stehende getan und meine Aufgaben so gut es geht vollendet habe. Welchen Sinn ergibt es also, mich weiterhin hier aufzuhalten? Müde sehe ich den Telefonapparat an und denke innerlich: Wüsste ich doch, dass kein Anruf mehr kommt, ich könnte mich wenigstens nach draußen zu den anderen Flüchtlingen setzen und mich mit ihnen unterhalten. Aber nein, die Pflicht hält mich hier. Ich kapituliere.
Betrachte das Buch in meinen Händen, ein Buch über Ethnologie. Hoffe, bange, ein weiteres Mal, dass es das richtige für mich ist, dieses Studium gewählt zu haben. Ich wehre mich gegen den Gedanken von "Urvölkern", sondern spreche von Menschen anderer Herkunft. Betrachte Menschen, die an meinem Fenster vorbeilaufen. Einen kleinen Jungen in einem leuchtend orangenen T-Shirt, einen Mann mit einer Plastiktüte voller Einkäufe. Sie sprechen ihre eigene Sprache, aber sie sind nicht "zivilisationsfremd" oder "naturvölklich". Die Hände gebunden.
In kaum einem anderen Berufsfeld, so glaube ich, kann man so intensiv erleben, dass einem die Hände gebunden sind, wie in diesem hier. Und das schon nach nur zwei Wochen Arbeit. Es ist teilweise schon frustrierend.
Wie schnell habe ich mich daran gewöhnt, eine Tür zu öffnen, hinter der 2, 3 oder 4 Menschen in einem Zimmer leben, schlafen und essen! Das ist der Alltag hier: Fünfzig oder mehr Menschen teilen sich vier Toiletten, sechs Duschen, eine Küche mit zehn Herdplatten und drei Spülen. Öffnet man die Tür zur Damentoilette, muss man darauf achten, dass durch den Luftzug nicht der Duschvorhang beiseite geweht wird, der die Duschenden vor neugierigen Blicken von außen schützt. Dass in den Zimmern gebrauchte Sofas, Betten, Tische und Stühle stehen, dass sich die Bewohner auf jeden neuen Kleidersack, den jemand gespendet hat, stürzen, das alles ist mir viel zu schnell zum Alltag geworden. Das ist Abhängigkeit von Hilfe in seiner erniedrigendsten Form. Sonntag, 3. August 2014
Was angerührt haben.
Es gehört zu den schönsten Worten, die ein Freund einem anderen Freund sagen oder schreiben kann:
Ich musste an dich denken, als ich...
Du hast bei mir was ins Rollen gebracht...
Ich hab durch dich jetzt eine neue Perspektive entwickelt...
Danke, dass du mir das gesagt hast...
Viel zu selten drücken wir unsere Dankbarkeit für die Quellen unseres Umdenkens aus, obgleich diese viel zu oft gerade unsere Nächsten sind. Im Austausch mit einer Freundin, einem Freund, mit den eigenen Eltern oder dem Bruder wachse ich innerlich, es treiben neue Äste und Verbindungen in mir aus. Ich erlebe manchmal gar einen "Frühling", wenn mir durch ein Gespräch plötzlich eine neue Idee, ein neuer Lebensplan in den Sinn kommt.
Die Ugander haben eine Art, die auch ich mir zu eigen gemacht habe. Sie danken viel. Vielleicht sollten wir das auch noch mal neu lernen. Ich kann schon gar nicht mehr ohne, auch wenn ich dadurch oftmals auf Verwirrung stoße, wenn ich beispielsweise gefragt werde: Warum dankst du mir fürs Kochen? Ist doch selbstverständlich. Oder: Kein Ding.
Wir Menschen geben einander viel. Und danken es manchmal zu wenig. Lasst uns dies neu lernen, denn es ist ein Tribut für das, was sie aus uns machen, in uns - angerührt haben.
Ich musste an dich denken, als ich...
Du hast bei mir was ins Rollen gebracht...
Ich hab durch dich jetzt eine neue Perspektive entwickelt...
Danke, dass du mir das gesagt hast...
Viel zu selten drücken wir unsere Dankbarkeit für die Quellen unseres Umdenkens aus, obgleich diese viel zu oft gerade unsere Nächsten sind. Im Austausch mit einer Freundin, einem Freund, mit den eigenen Eltern oder dem Bruder wachse ich innerlich, es treiben neue Äste und Verbindungen in mir aus. Ich erlebe manchmal gar einen "Frühling", wenn mir durch ein Gespräch plötzlich eine neue Idee, ein neuer Lebensplan in den Sinn kommt.
Die Ugander haben eine Art, die auch ich mir zu eigen gemacht habe. Sie danken viel. Vielleicht sollten wir das auch noch mal neu lernen. Ich kann schon gar nicht mehr ohne, auch wenn ich dadurch oftmals auf Verwirrung stoße, wenn ich beispielsweise gefragt werde: Warum dankst du mir fürs Kochen? Ist doch selbstverständlich. Oder: Kein Ding.
Wir Menschen geben einander viel. Und danken es manchmal zu wenig. Lasst uns dies neu lernen, denn es ist ein Tribut für das, was sie aus uns machen, in uns - angerührt haben.
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