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Sonntag, 30. August 2015

Was ich mir wünsche

Wenn ich immer häufiger Diskussionen über Flüchtlinge in Medien und Gesprächen verfolge, dann wünsche ich mir was. Ich wünsche mir, dass nicht mehr im Namen der Menschen gesprochen und debattiert wird. Ich wünsche mir, dass sie selbst für sich sprechen. Und wie stellen wir das an? Unsere Aufgabe besteht darin, sie dazu zu ermutigen. Ich rede davon, Gesprächsrunden zu eröffnen und Flüchtlinge als gleichberechtigte Gesprächspartner zu betrachten. Genauso, wie wir es in der Ethnologie tun. Wir sprechen nicht erst einmal über die Menschen und fragen dann nach. Vielmehr schauen wir ihnen erst einmal über die Schulter und betrachten, was sie tun, wie sie ihre Welt sehen, was sie erreichen wollen, woher sie kommen und was sie erlebt haben. Dann übersetzen wir das Gesehene in unsere Schrift und Sprache und versuchen, eine Brücke zu schlagen zu dem, was wir kennen.
Und genauso versuchen es auch wir Sozialarbeiterinnen: wir vorverurteilen nicht, sondern erkennen an, dass es unterschiedliche Lebensstile gibt, und dass das, was uns vertraut ist, nicht der Maßstab aller Dinge ist. Der Maßstab, den wir anlegen, ist der Maßstab der sozial konstruierten Menschenrechte, wie sie aus unserer Geschichte heraus etabliert wurden. Sie entstammen dem geschichtlichen Kontext des zweiten Weltkriegs,  Ich will nicht behaupten, einen Menschen nach einer kurzen Anamnese erfasst zu haben. Nein, ich befinde mich in einem ständigen Verständigungsprozess. Sobald ich meine, alles verstanden zu haben, reißt diese Verständigung ab. Und wo ich glaube, alles verstanden zu haben, da endet der Blick auf die Möglichkeit des Gegenübers, sich zu verändern und sich zu entwickeln. Ich drücke ihm einen Stempel auf, lege ihm eine Diagnose auf, ordne es einer Kategorie zu.
Und zugleich sehe ich, dass ich dies automatisch tue, Menschen in Schubladen stecken, um sie leichter einschätzen zu können. Es ist so menschlich, die Unordnung zu ordnen, das Chaos aufzulösen, Dinge selektieren zu wollen, um nicht von der Masse an Möglichkeiten und Interpretationen überrollt zu werden, in ihr unterzugehen. Denn wie haltlos wäre ich, würde ich annehmen, dass alles konstruiert, jede Wirklichkeit Illusion, jede Wahrheit subjektiv und jede Farbe jedem Menschen anders erschiene? Ich suche also Halt in Bildern, die mir andere vorhalten, die mir Medien aufdrücken, die mir Schlagzeilen um die Ohren hauen. Und da sind sie dann, die Diskussionen über "die" Flüchtlinge, "die" Punks, "die" Studierenden, oder "die" Nazis, "die" Rechten, "die" Menschen aus dem Dorf und ihre Ansichten. Ja, ich ordne ein, und positioniere mich für und gegen. Und ja, ich ecke an, und strenge mich an, und verteidige, wo ich kann, und wehre mich, wo ich kann. Aber ich glaube, dass es in der Natur des Menschen ist, sich (neu) zu positionieren und jeden Tag neu zu entscheiden, auf wessen Seite er steht.

Freitag, 21. August 2015

Ganz vergessen, wie es sich anfühlt, wenn der Körper unter Strom steht, im Rausch ist, und der Kopf völlig vergisst, wo er sich gerade befindet. Nur wegen eines Kusses. Verrückt.

Sonntag, 16. August 2015

Das Band durchschneiden.

Ich mach mich frei von denen, die mir nicht gut tun. Die mir ohne Respekt begegnen, wo ich ihnen Respekt entgegenbringe. Ich sage mich los von denen, die mich ohne Würde behandeln und alle Schuld von sich weisen und auf mich abwälzen. Ich nehme die Schere, sie heißt Wut. Und ich zerschneide die Bande, bevor sie mir das Blut abschneiden können. Ich wende alle Kraft auf und mache diesen Schnitt. Schneide das Band durch wie bei einer Eröffnungsfeier. Lege den ersten Grundstein für ein neues Haus, mein neues Leben.
Ich schaue noch einmal zurück, bin überrascht und weiß doch: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich habe mich gerettet, und euch zurückgewiesen, die ihr dort jetzt stehen bleibt.
Dein Egoismus hält dich davon ab, über die Linie zu treten und dir deine Fehler einzugestehen. Vielleicht kannst du es auch einfach nicht. Vielleicht hab ich mir eingebildet, dass du es mit dieser Entscheidung von mir endlich lernst. Vielleicht brauchst du aber einfach noch Zeit. Weißt du, ich lass dich da jetzt stehen. Ich verlasse deinen Weg, weil du mich aufhältst. Ich wünschte, es wäre nicht so weit gekommen. Aber ich wünsche dir von Herzen alles Gute. Ich werde für dich da sein, wenn du es dir irgendwann anders überlegen solltest. Aber bis dahin, lass mir meine Kraft. Geh alleine weiter. Ohne mich. Oder - bleib.
Ich hab sie übertreten. Die Ziellinie. Ich bin da, angekommen. In mir selbst. Ich zerreiße meine Fesseln und fange an zu rennen. Laufe in den Sonnenaufgang hinein.

Sonntag, 9. August 2015

Es wird brennen.

Es wird brennen, sagst du. Ich sehe einen Bürgerkrieg kommen, weißt du. Ich verstehe dich nicht, antworte ich. Doch, sieh mal, ich erkläre es dir. Was ich sehe, ist, dass ihr in diesem Land aufgehört habt, miteinander zu reden. Ich bin absolut, absolut dafür, dass wir hier alle Flüchtlinge aufnehmen, denn jeder, jeder hat ein Recht, in Sicherheit und Frieden zu leben. Verstehst du? Ja, antworte ich zögernd und mache mich auf die nächsten Worte gefasst. Willst du nun etwa auch etwas rechtes sagen, denke ich schockiert. Nein, das bist du nicht. Du fährst fort und ertappst mich in meinen Gedanken, in denen ich jedes Wort nach einer rechten Aussage abklopfe. Ich schäme mich ein bisschen, das zu tun, weil ich genau weiß, dass du das nicht bist. Du fährst fort.
Aber sieh mal, weißt du, was diese Politik hier nicht schafft? Dass sie allen Menschen eine Arbeit gibt. Das ist ein großes Problem, denn Menschen, die keine Arbeit haben, gehen vor die Hunde. Und da haben sie schon recht, die Konservativen, wenn auch sonst nicht. Aber es ist die falsche Taktik, siehst du, die, die sie anwenden. Sie machen die Ausländer verantwortlich, dabei sind es die Politiker, die ihren Job nicht machen können. Ihre Wut ist irrational, weißt du.
Ich nicke und stimme bei.
Aber weißt du, was scheiße ist? Dass man hier nichts sagen kann, ohne in eine Ecke gestellt zu werden.
Ja, das ist unser Problem, da hast du recht. Ich sehe es so: wir haben dieses Erbe. Und wir kommen nicht davon los. Deshalb denken wir in Schwarz-Weiß. Es ist schädlich für jeden Dialog. Aber wir haben Angst davor, dass uns unsere Aussagen im Mund umgedreht werden, denn solche Leute gibt es auch, sie ziehen sich Sätze aus dem Kontext, und setzen sie so zusammen, dass sie ihre eigenen Aussagen darin bestätigt sehen, weißt du, was ich meine?
Bei uns läuft einiges schief gerade.
Ja, sagst du. Und es wird brennen, irgendwann. Es brennt ja jetzt schon.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Ein kleines Stück rote Pappe.

Bald ist es so weit. Die Zeit tickt. Die Formalien fordern ihren Tribut. Ich beantrage ein Visum. Dieses Mal ist dies nötig. Es wird ein längerer Aufenthalt als die anderen Male. Ich kehre zurück in mein Second Home. Dieses Mal, um zu bleiben. Um meine Zeit dort mit neuem Sinn zu füllen. Um das Fremde im Vertrauten zu suchen. Ich suche Kontakt der Informationen wegen. Das ist das eigentlich neue. Eine andere Art des Vorgehens. Ob mir das gelingt? Ich bin hoffnungsvoll.

Ich buche den Flug. Sehe beim Aus-der-Tür-Treten einem der vielen Flugzeuge am Himmel nach. Frankfurt ist eine Stadt für die, die Fernweh haben. Anders lässt sich das kaum ertragen. Was suchen wir eigentlich? Auf der anderen Seite der Welt? Was ist das genau, was wir hier nicht haben?

War das überhaupt schon mal da?

Ich verlängere meinen Reisepass. Das alte Exemplar ist abgelaufen, obwohl noch ein wenig Platz übrig wäre. Ich lasse die Seiten durch meinen Daumen blättern. Seiten voller Ein-und Ausreisestempel, die meisten von ihnen von ugandischer Hand unterzeichnet. Vom Pass schaut mich mein 18jähriges Ich schweigend an. Ich habe mich verändert, die Jahre des Studiums und die Erfahrungen von Selbständigkeit, Selbstverantwortung, Liebe und Leid haben ihre Spuren hinterlassen. Ein neuer Pass mit einem neuen Bild, einer neuen Nummer, die mich identifiziert unter Milliarden anderen. Mit ihm gehe ich nirgends verloren. Oder doch?

Was bedeutet eigentlich Staatsangehörigkeit, wenn man sich in mehreren Nationen zuhause fühlt? Wie macht man solch ein Empfinden lesbar, druckbar, ausdrückbar? Was bedeuten eigentlich Nationen und Staaten, die Grundlage dieser Kategorisierung. Sind sie doch von Menschen konstruiert worden, um Menschen, Besitz, Güter zuzuordnen. Was ist, wenn wir alle mit zwei Nationen geboren wurden, ähnlich eines Kindes, das mit zweierlei Geschlechtsmerkmalen zur Welt kam. Und die Eltern sich dafür entschieden, es umzuoperieren, sodass es sich besser zuordnen könne und nicht später unter Identitätsdiffusion und Hänseleien anderer, zuzuordnender Subjekte zu leiden hätte. Wer hat mich festgelegt auf dieses Land?

Montag, 13. Juli 2015

Sonnenlicht

Wenn ich Schmerz nicht kenne, weiß ich nicht, was Linderung bedeutet. Dieses vorsichtige Strahlen, das auf meine Lippen zurückkehrt, zögernd, denn ist es nicht zu früh, es wieder tun zu dürfen, einen Scherz zu machen? Freude zu empfinden? Ich spüre, wie die Sehnsucht nach dir weiterhin mein Herz belagert, wenn ich alleine bin. Die Zweifel an mir selbst, das Gefühl, nicht genügt zu haben. Nicht schön, nicht gut genug gewesen zu sein, versagt zu haben, nicht liebenswert zu sein. Gedanken drehen sich um die Frage nach den eigenen Fehlern, dem eigenen Äußeren, suchen nach Lösungen, Veränderung, um Bestätigung zu erhalten. Und da spüre ich, was du in mir zerstört hast, und sehe es deutlich vor mir. Und es setzt eine neue Kraft in mir frei, den Zorn. Die Wut. Sie sind schöpferisch, sie sind stark. Sie erfassen mich. Und fließen durch mich hindurch. Ich kämpfe mich frei aus meiner Angst. Und da ist es, dieses Lied, durch Zufall entdeckt, welches durch meinen Körper dringt und den Regen beiseite wischt, wie Sonnenstrahlen meine Seele zum Leuchten bringt. Unmerklich schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht zurück, während ich durch den Sommerregen laufe. Ich sehe gen Himmel, spüre die kühlen Tropfen in meinem Gesicht, beginne zu lächeln und richte mich auf. Lasse das Licht in mich zurückkehren. Spüre die Energie neu aufflammen. Und dann sehe ich sie. Die Blicke der Menschen, die an mir vorbeigehen. Neugierig, interessiert. Und ich realisiere, dass es hier nicht darum geht, mir neue Kleider zu kaufen, die Frisur zu verändern oder mich stärker zu schminken. Es geht darum, das Licht in mich zurückzuholen, welches mich erfüllt und Glück empfinden lässt. Die innere Schönheit und Liebe zu mir selbst zurückzuholen, und sie strahlen zu lassen. Hier bin ich. Um einen Schmerz reicher. Um einen Segen reicher. Leid und Leben mischen sich, werden eins in mir.

Sonntag, 12. Juli 2015

Gesendet, nicht ausgesprochen.

Wie ein Messer ins Herz,
so treffen mich deine Worte.
Geschrieben, nicht gesagt,
gesendet, nicht ausgesprochen.
Du triffst mich,
überraschst mich,
verwirrst mich,
lässt mich in Starre zurück.
Ich habe es nicht kommen sehen,
habe keine Zeichen erkannt,
habe mich offengelegt für dich,
Stück für Stück
meine Blütenblätter für dich entfaltet.
Ich sehe deine ersten Worte vor mir,
dass du mich gerne näher kennenlernen würdest.
Ich spüre die Aufregung am ersten Abend,
deine Wange an meiner beim Abschied,
erinnere mich daran, wie du mich festhieltest, damit ich nicht fiele in der Bahn.
Weißt du nicht mehr?
Wie du nach mir verlangtest und mich bei dir haben wolltest,
meine Absagen schweren Herzens akzeptiertest,
mit mir über die Zukunft redetest,
wohin es mit mir gehen solltest,
wie ich mir eine Beziehung, eine Ehe vorstelle.
Weißt du nicht mehr?
Wie du plötzlich meine Hand nahmst, als wir durch meinen Stadtteil liefen.
Wie du mir deine Lederjacke um die Schultern legtest, damit ich nicht frieren möge.
Wie du mich fragtest, warum ich dich nicht mal zu uns einladen wolle.
Wie du mir dein Lieblingslied vorspieltest, deine Hand an meine Hüfte legtest und lächeltest.
Wie du betetest und dich danach lächelnd zu mir umdrehtest.
Wie du mich zum ersten Mal an dich herangezogen und geküsst hast.
Weißt du nicht mehr?
Wie wir in die Bibliothek gingen, und du mich von hinten umarmtest,
während wir alte Bücherrücken betrachteten.
Wie wir Pläne schmiedeten und die Fantasie schweifen ließen.
Wie hätte ich es da erkennen können.
Dass es nicht gefunkt hat bei dir?
Wie sollte ich da verstehen.
Was geschehen ist zwischen uns?
Wie sollte ich deine Entschuldigung annehmen.
Wenn ich die Gründe nicht verstehen kann?
Wo habe ich mich geirrt?
Sag mir, dass du lügst, denn ich verliere den Glauben an mich.
Sag mir, dass es einen Grund gab.
Denn weißt du, es gibt eine Trauer,
die erfüllt nur die Liebenden.
Die habe ich lange nicht mehr empfunden,
aber du hast sie in mir geweckt.
Denn weißt du, es gibt ein Gefühl,
das gehört nur den Liebenden.
Ich habe es lange nicht wahrhaben wollen,
aber nun zeichnet es sich klar vor mir ab.
Denn weißt du, es gibt den Moment des Erkennens,
den erleben nur die Liebenden.
Und dann ist er da und erhebt sich aus dem Schmerz,
den du mir zugefügt hast.
Ich sehe diese kleine SMS, die in 100en Zeichen alles erklären soll.
Und verstehe doch nichts davon.