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Sonntag, 9. August 2015

Es wird brennen.

Es wird brennen, sagst du. Ich sehe einen Bürgerkrieg kommen, weißt du. Ich verstehe dich nicht, antworte ich. Doch, sieh mal, ich erkläre es dir. Was ich sehe, ist, dass ihr in diesem Land aufgehört habt, miteinander zu reden. Ich bin absolut, absolut dafür, dass wir hier alle Flüchtlinge aufnehmen, denn jeder, jeder hat ein Recht, in Sicherheit und Frieden zu leben. Verstehst du? Ja, antworte ich zögernd und mache mich auf die nächsten Worte gefasst. Willst du nun etwa auch etwas rechtes sagen, denke ich schockiert. Nein, das bist du nicht. Du fährst fort und ertappst mich in meinen Gedanken, in denen ich jedes Wort nach einer rechten Aussage abklopfe. Ich schäme mich ein bisschen, das zu tun, weil ich genau weiß, dass du das nicht bist. Du fährst fort.
Aber sieh mal, weißt du, was diese Politik hier nicht schafft? Dass sie allen Menschen eine Arbeit gibt. Das ist ein großes Problem, denn Menschen, die keine Arbeit haben, gehen vor die Hunde. Und da haben sie schon recht, die Konservativen, wenn auch sonst nicht. Aber es ist die falsche Taktik, siehst du, die, die sie anwenden. Sie machen die Ausländer verantwortlich, dabei sind es die Politiker, die ihren Job nicht machen können. Ihre Wut ist irrational, weißt du.
Ich nicke und stimme bei.
Aber weißt du, was scheiße ist? Dass man hier nichts sagen kann, ohne in eine Ecke gestellt zu werden.
Ja, das ist unser Problem, da hast du recht. Ich sehe es so: wir haben dieses Erbe. Und wir kommen nicht davon los. Deshalb denken wir in Schwarz-Weiß. Es ist schädlich für jeden Dialog. Aber wir haben Angst davor, dass uns unsere Aussagen im Mund umgedreht werden, denn solche Leute gibt es auch, sie ziehen sich Sätze aus dem Kontext, und setzen sie so zusammen, dass sie ihre eigenen Aussagen darin bestätigt sehen, weißt du, was ich meine?
Bei uns läuft einiges schief gerade.
Ja, sagst du. Und es wird brennen, irgendwann. Es brennt ja jetzt schon.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Ein kleines Stück rote Pappe.

Bald ist es so weit. Die Zeit tickt. Die Formalien fordern ihren Tribut. Ich beantrage ein Visum. Dieses Mal ist dies nötig. Es wird ein längerer Aufenthalt als die anderen Male. Ich kehre zurück in mein Second Home. Dieses Mal, um zu bleiben. Um meine Zeit dort mit neuem Sinn zu füllen. Um das Fremde im Vertrauten zu suchen. Ich suche Kontakt der Informationen wegen. Das ist das eigentlich neue. Eine andere Art des Vorgehens. Ob mir das gelingt? Ich bin hoffnungsvoll.

Ich buche den Flug. Sehe beim Aus-der-Tür-Treten einem der vielen Flugzeuge am Himmel nach. Frankfurt ist eine Stadt für die, die Fernweh haben. Anders lässt sich das kaum ertragen. Was suchen wir eigentlich? Auf der anderen Seite der Welt? Was ist das genau, was wir hier nicht haben?

War das überhaupt schon mal da?

Ich verlängere meinen Reisepass. Das alte Exemplar ist abgelaufen, obwohl noch ein wenig Platz übrig wäre. Ich lasse die Seiten durch meinen Daumen blättern. Seiten voller Ein-und Ausreisestempel, die meisten von ihnen von ugandischer Hand unterzeichnet. Vom Pass schaut mich mein 18jähriges Ich schweigend an. Ich habe mich verändert, die Jahre des Studiums und die Erfahrungen von Selbständigkeit, Selbstverantwortung, Liebe und Leid haben ihre Spuren hinterlassen. Ein neuer Pass mit einem neuen Bild, einer neuen Nummer, die mich identifiziert unter Milliarden anderen. Mit ihm gehe ich nirgends verloren. Oder doch?

Was bedeutet eigentlich Staatsangehörigkeit, wenn man sich in mehreren Nationen zuhause fühlt? Wie macht man solch ein Empfinden lesbar, druckbar, ausdrückbar? Was bedeuten eigentlich Nationen und Staaten, die Grundlage dieser Kategorisierung. Sind sie doch von Menschen konstruiert worden, um Menschen, Besitz, Güter zuzuordnen. Was ist, wenn wir alle mit zwei Nationen geboren wurden, ähnlich eines Kindes, das mit zweierlei Geschlechtsmerkmalen zur Welt kam. Und die Eltern sich dafür entschieden, es umzuoperieren, sodass es sich besser zuordnen könne und nicht später unter Identitätsdiffusion und Hänseleien anderer, zuzuordnender Subjekte zu leiden hätte. Wer hat mich festgelegt auf dieses Land?

Montag, 13. Juli 2015

Sonnenlicht

Wenn ich Schmerz nicht kenne, weiß ich nicht, was Linderung bedeutet. Dieses vorsichtige Strahlen, das auf meine Lippen zurückkehrt, zögernd, denn ist es nicht zu früh, es wieder tun zu dürfen, einen Scherz zu machen? Freude zu empfinden? Ich spüre, wie die Sehnsucht nach dir weiterhin mein Herz belagert, wenn ich alleine bin. Die Zweifel an mir selbst, das Gefühl, nicht genügt zu haben. Nicht schön, nicht gut genug gewesen zu sein, versagt zu haben, nicht liebenswert zu sein. Gedanken drehen sich um die Frage nach den eigenen Fehlern, dem eigenen Äußeren, suchen nach Lösungen, Veränderung, um Bestätigung zu erhalten. Und da spüre ich, was du in mir zerstört hast, und sehe es deutlich vor mir. Und es setzt eine neue Kraft in mir frei, den Zorn. Die Wut. Sie sind schöpferisch, sie sind stark. Sie erfassen mich. Und fließen durch mich hindurch. Ich kämpfe mich frei aus meiner Angst. Und da ist es, dieses Lied, durch Zufall entdeckt, welches durch meinen Körper dringt und den Regen beiseite wischt, wie Sonnenstrahlen meine Seele zum Leuchten bringt. Unmerklich schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht zurück, während ich durch den Sommerregen laufe. Ich sehe gen Himmel, spüre die kühlen Tropfen in meinem Gesicht, beginne zu lächeln und richte mich auf. Lasse das Licht in mich zurückkehren. Spüre die Energie neu aufflammen. Und dann sehe ich sie. Die Blicke der Menschen, die an mir vorbeigehen. Neugierig, interessiert. Und ich realisiere, dass es hier nicht darum geht, mir neue Kleider zu kaufen, die Frisur zu verändern oder mich stärker zu schminken. Es geht darum, das Licht in mich zurückzuholen, welches mich erfüllt und Glück empfinden lässt. Die innere Schönheit und Liebe zu mir selbst zurückzuholen, und sie strahlen zu lassen. Hier bin ich. Um einen Schmerz reicher. Um einen Segen reicher. Leid und Leben mischen sich, werden eins in mir.

Sonntag, 12. Juli 2015

Gesendet, nicht ausgesprochen.

Wie ein Messer ins Herz,
so treffen mich deine Worte.
Geschrieben, nicht gesagt,
gesendet, nicht ausgesprochen.
Du triffst mich,
überraschst mich,
verwirrst mich,
lässt mich in Starre zurück.
Ich habe es nicht kommen sehen,
habe keine Zeichen erkannt,
habe mich offengelegt für dich,
Stück für Stück
meine Blütenblätter für dich entfaltet.
Ich sehe deine ersten Worte vor mir,
dass du mich gerne näher kennenlernen würdest.
Ich spüre die Aufregung am ersten Abend,
deine Wange an meiner beim Abschied,
erinnere mich daran, wie du mich festhieltest, damit ich nicht fiele in der Bahn.
Weißt du nicht mehr?
Wie du nach mir verlangtest und mich bei dir haben wolltest,
meine Absagen schweren Herzens akzeptiertest,
mit mir über die Zukunft redetest,
wohin es mit mir gehen solltest,
wie ich mir eine Beziehung, eine Ehe vorstelle.
Weißt du nicht mehr?
Wie du plötzlich meine Hand nahmst, als wir durch meinen Stadtteil liefen.
Wie du mir deine Lederjacke um die Schultern legtest, damit ich nicht frieren möge.
Wie du mich fragtest, warum ich dich nicht mal zu uns einladen wolle.
Wie du mir dein Lieblingslied vorspieltest, deine Hand an meine Hüfte legtest und lächeltest.
Wie du betetest und dich danach lächelnd zu mir umdrehtest.
Wie du mich zum ersten Mal an dich herangezogen und geküsst hast.
Weißt du nicht mehr?
Wie wir in die Bibliothek gingen, und du mich von hinten umarmtest,
während wir alte Bücherrücken betrachteten.
Wie wir Pläne schmiedeten und die Fantasie schweifen ließen.
Wie hätte ich es da erkennen können.
Dass es nicht gefunkt hat bei dir?
Wie sollte ich da verstehen.
Was geschehen ist zwischen uns?
Wie sollte ich deine Entschuldigung annehmen.
Wenn ich die Gründe nicht verstehen kann?
Wo habe ich mich geirrt?
Sag mir, dass du lügst, denn ich verliere den Glauben an mich.
Sag mir, dass es einen Grund gab.
Denn weißt du, es gibt eine Trauer,
die erfüllt nur die Liebenden.
Die habe ich lange nicht mehr empfunden,
aber du hast sie in mir geweckt.
Denn weißt du, es gibt ein Gefühl,
das gehört nur den Liebenden.
Ich habe es lange nicht wahrhaben wollen,
aber nun zeichnet es sich klar vor mir ab.
Denn weißt du, es gibt den Moment des Erkennens,
den erleben nur die Liebenden.
Und dann ist er da und erhebt sich aus dem Schmerz,
den du mir zugefügt hast.
Ich sehe diese kleine SMS, die in 100en Zeichen alles erklären soll.
Und verstehe doch nichts davon.

Samstag, 13. Juni 2015

Was ist wesentlich?

Was ist wesentlich? Wenn du wüsstest, dass du bald sterben müsstest. Und hey, das kannst du jeden Tag. Lohnt es sich dann, sich in Hass gegenüber Fremden zu verlieren? Lohnt es sich, Spekulationen über Sicherheit und Terrorismus hinzugeben und in ein endloses Meer des Misstrauens einzutauchen? Vertrete nicht den Leichtsinn. Keiner muss naiv durchs Leben gehen. Setze den Verstand ein und überlege dir mal besser, was wirklich wesentlich ist. Fang bei dir selbst an und - lebe. Liebe die Menschen um dich herum. Vergib denen, die dir Böses getan haben, nicht ohne ihnen jedoch vor Augen zu führen, worin ihre Schuld bestanden hat. Das Leben kann so schön sein und doch so kurz. Wer weiß das schon? Wichtig ist das, was dich zufrieden stimmt. Spare dir deine Energie auf und verbrauche sie nicht im Grübeln und Hadern über Dinge, die geschehen sind. Sie können nicht mehr rückgängig gemacht werden. Verstehe, was richtig und falsch ist. Aber lebe. Dein Leben ist ein Geschenk an dich. Was willst du damit anfangen? Willst du wirklich den Rest deines Lebens damit verbringen, dich über andere aufzuregen? Ihr Verhalten einem ständigen Urteil zu unterziehen? Wie wäre es, wenn du bei dir selbst anfingest? Und das lebtest, was du von anderen auch sehen willst? Dieses Glücksprinzip, mach drei Menschen glücklich, indem du ihnen hilfst. Vielleicht werden sie das beim nächsten Mal bei anderen dreien wiederholen. Ein Geschenk erhalten, ist schön. Selbst zu schenken noch viel schöner. Dieser Augenblick der Freude. Spürst du das Menschliche, das uns verbindet? In den Augen des anderen, voller Dankbarkeit, in diesem Moment? Willst du dein Leben damit verbracht haben, dich um deine Zukunft zu sorgen, und immer alles im Griff haben zu wollen? Du bist nicht Gott. Du weißt nicht, was geschehen wird. Es liegt einfach oft nicht in deiner Hand. Was du lebst, wie du lebst, im Jetzt und Hier, das liegt in deiner Hand. Entscheide dich dafür, wie du leben willst. Umgib dich mit Menschen, die dir gut tun. Schweige, wenn dir danach ist. Liebe, wenn dir danach ist. Rede, wenn dir danach ist. Sag, was du fühlst, teile dich mit. Was ist zu verlieren? Alles ist vergänglich, irgendwann ist alles vorbei. Und dann willst du doch auch sagen, dass du gelebt hast. Oder? Gelebt.

Samstag, 6. Juni 2015

Wenn du siehst.

Wenn du siehst. Wie eine Mutter um ihr Kind bangt, das bereits zweimal wiederbelebt werden musste. Und nun Epilepsie haben soll. Dann verstehst du, wie wertvoll Gesundheit ist. Wenn du hörst. Wie ein Mann seinen Freund vehement daran erinnert, sich nicht hängen zu lassen und an Gott festzuhalten, in dem Moment, in dem dessen Bruder in Syrien einem Krieg zu Opfer gefallen ist. Und eine Familie zerstört wird. Dann verstehst du, wie wertvoll Sicherheit ist. Wenn du beobachtest, wie eine Frau beim Anblick ihrer sich im letzten Krebsstadium befindlichen Freundin in der U-Bahn in Tränen ausbricht, während die andere sie tröstet und immer wieder sagt: Siehst du, ich bin so dankbar, das Leben ist so wertvoll, vergiss das nicht. Und sich dann für immer verabschiedet. Dann verstehst du, wie wertvoll das Leben ist. Wenn du es schaffst. Mit offenen Augen durch deine Welt zu gehen, und diese Zeichen zu deuten. Und sie zu leben. Dann verstehst du, was Sehen und Erkennen ist.

Freitag, 5. Juni 2015

Ich lass dich nicht allein.

Sie sitzen in der aufgehenden Sonne auf der Terrasse. Und plötzlich sind da noch drei kleine Menschen, ich bin überrascht. Reibe mir verlegen die Nacht aus den Augen. Sie erklären mir, die drei würden jetzt den Tag über bei uns bleiben. Ihr kleiner Bruder habe einen Anfall gehabt und habe in die Klinik gebracht werden müssen. Später erfahre ich, dass er bereits zwei mal aus dem Tod zurückgeholt werden musste. An einem Tag. Die Mutter hat seine Geschwister zu uns gebracht. In der Not hat sie um acht Uhr morgens geklingelt. Mutter hat kaum Fragen gestellt. Es ist keine Frage, dass man sich in solch einer Situation hilft. Jetzt sitzen sie da und wagen kaum, die Hand nach einem Stück Brot auszustrecken. Die Familie lebt an der unteren Armutsgrenze. Die Kleider sprechen Bände. Aber die Mädchen sind stark. Sie beginnen zu erzählen, von ihrem Garten, ihrem Baumhaus, dem Bach, an dem sie täglich spielen. So oft wir es versuchen, der Junge schweigt. Er starrt vor sich hin und scheint unter Schock. Später dasselbe noch einmal mit der kleinen Schwester, die ich mittags vom Kindergarten abhole. Sie umklammert ihr kleines Stofftier und will erst mal gar nichts essen. Sie versteht nicht, wie soll sie auch. Vielleicht ist ihr großer Bruder am Ende dieses Tages gar nicht mehr da. Und wir sitzen hier, die Sonne scheint durch die grünen Blätter der Magnolie, der Duft von Kaffee verfängt sich in der Nase. Welch eine Ironie. Wie ist man für Kinder da, die nicht wissen, ob ihr kleiner Bruder diesen Tag überlebt, die nicht wissen, wann Mama und Papa aus dem Krankenhaus zurückkommen. Und doch, sie wirken so stark. Aus kleinen Legosteinen entstehen bald ein Schwimmbad, ein Haus, ein Turm. Ein buntes Pferd grast auf einer papiernen Oberfläche. Aus Origamipapier entpuppen sich Blüten und Himmel-Hölle-Frösche. Unter dem Glas einer Lupe beginnt ein Blatt Papier wie von Zauberhand zu brennen. Man gibt alles, um die Angst auszublenden. Das Handy lauert an der Ecke des Tisches und erinnert an die abwartende Spannung. Dann, die Erlösung. Er schlafe jetzt, das Gespräch mit den Eltern stehe noch an. Mehr könne man noch nicht sagen, nur, dass es sich um eine Art der Epilepsie handeln könnte. Ich spüre, wie der Geist der Dorfgemeinschaft durch diese Mauern strömt. In der Not bin ich für dich da. Ich lasse dich nicht im Stich. Menschlichkeit.