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Mittwoch, 23. Juli 2014
Hier wird Geschichte geschrieben: Lebensgeschichte.
Auf dem Tisch im Büro liegt eine Einkaufstüte, gefüllt mit Pralinen. Wir wundern uns über dieses stumme Zeichen der Anerkennung. Auf einem beiliegenden Zettel steht der Name eines Bewohners. Schließlich hören wir: er ist als Flüchtling anerkannt worden und darf nun bleiben. Das Bangen, das Warten hat ein Ende für ihn.
Hier wird Geschichte geschrieben: Lebensgeschichte. Das Schwanken zwischen Hoffnung und Angst ist Alltag für die Flüchtlinge, die noch auf den Bescheid warten. Manche haben versucht, sich umzubringen. Andere schaffen es, ihren Alltag zu beleben. So wie die ältere Dame, die mit abwesendem Blick hinter der Unterkunft in ihrem Gehwagen sitzt. Ihr runzeliges Gesicht heitert sich auf, als ich sie grüße. Die Sonne lässt es leuchten. Als ich weitergehe, folgt sie mir. Als sie bemerkt, dass ich kein Arabisch spreche, holt sie ihren Sohn dazu und lässt ihn übersetzen. So kommen wir in Kontakt. Eine ganze Familie lebt hier. Was haben sie erlebt? Ich kann sie nicht fragen, noch kennen sie mich nicht.
Hier wird Geschichte geschrieben: Lebensgeschichte. Das Schwanken zwischen Hoffnung und Angst ist Alltag für die Flüchtlinge, die noch auf den Bescheid warten. Manche haben versucht, sich umzubringen. Andere schaffen es, ihren Alltag zu beleben. So wie die ältere Dame, die mit abwesendem Blick hinter der Unterkunft in ihrem Gehwagen sitzt. Ihr runzeliges Gesicht heitert sich auf, als ich sie grüße. Die Sonne lässt es leuchten. Als ich weitergehe, folgt sie mir. Als sie bemerkt, dass ich kein Arabisch spreche, holt sie ihren Sohn dazu und lässt ihn übersetzen. So kommen wir in Kontakt. Eine ganze Familie lebt hier. Was haben sie erlebt? Ich kann sie nicht fragen, noch kennen sie mich nicht.
Dienstag, 22. Juli 2014
Die Frau an der Tür. Oder: Erste Begegnung mit zwei Geflohenen.
Ich klopfe an die Tür, einmal, zweimal. Erst dann regt sich etwas dahinter. Ich betrachte ein paar Sandalen, die auf der schmutzigen Türschwelle liegen. Dann öffnet sie.
Ich sehe eine Frau an, die in weite dunkelblaue Gewänder gehüllt ist. Ihre dunkle Haut schimmert in dem bisschen Tageslicht, das sie vom Flur her trifft. Sie ist wunderschön, aber ihre Augen strahlen Unsicherheit und ein wenig Angst aus. Still schaut sie mich an. Ich versuche zu lächeln und fühle mich unsicher. In dem Zimmer ist es dunkel, man erkennt mit Mühe ein größeres Bett. Die Luft ist stickig.
Ich frage sie etwas, bis ich merke, dass sie mich nur bruchstückhaft verstehen kann. Ich zeige auf den Namen an der Tür, lese ihn laut. Sie nickt und zeigt auf ihre Brust, wiederholt den Namen. Ich verstehe sie und lächele. Dann zeige ich auf mich und sage "Ricarda". Sie wiederholt ihn, wie alle, die ihn zum ersten Mal hören, hat sie Schwierigkeiten, ihn auszusprechen. Mir ist das gleich. Ich freue mich über diese Begegnung. Zwei Frauen haben sich in diesem Moment kennen gelernt.
Diese Frau hat Zuflucht gesucht. Wie ich später von ihrem Mann erfahre, stammen beide aus Somalia und haben mehrere Länder durchreist und -fahren, bis sie an der Küste Libyens ein kleines Boot bestiegen und sich auf die dreitägige Überfahrt nach Lampedusa eingelassen haben.
Wie Maria und Josef, schießt es mir durch den Kopf, als er mir erzählt, wie sie durch die Wüste Sahara fuhren und immer wieder hielten, um fünf Tage zu verweilen.
Er zeigt mir ein Foto auf seinem IPhone. Zu sehen ist ein Zelt, bestehend aus drei oder vier Stangen, die von einer Zeltplane überdeckt werden. Menschen versuchen sich darunter im Schatten einzukauern. Einer, der keinen Platz bekommen hat, hat sich in der gleißenden Sonne, mitten in der Wüste, in den glühend heißen Sand gelegt. "Five days", sagt er und sieht mich an. Dann mussten sie weiter, weil es kein Wasser mehr gab. "And again you stayed five days somewhere else?" Er nickt. "Five days". Ein weiteres Foto ist ebenfalls in der Wüste aufgenommen und zeigt zwei Trucks, vollbeladen mit Möbeln auf dem einen und Menschen auf dem anderen Dach. "Many things", flüstere ich. Er nickt und lächelt müde. "Many things."
Warum sie aus Somalia geflohen seien, frage ich. Sie haben auf uns geschossen, Raketen gezündet, sagt er. Es ist Krieg. Wir konnten nicht länger bleiben.
Ich sehe eine Frau an, die in weite dunkelblaue Gewänder gehüllt ist. Ihre dunkle Haut schimmert in dem bisschen Tageslicht, das sie vom Flur her trifft. Sie ist wunderschön, aber ihre Augen strahlen Unsicherheit und ein wenig Angst aus. Still schaut sie mich an. Ich versuche zu lächeln und fühle mich unsicher. In dem Zimmer ist es dunkel, man erkennt mit Mühe ein größeres Bett. Die Luft ist stickig.
Ich frage sie etwas, bis ich merke, dass sie mich nur bruchstückhaft verstehen kann. Ich zeige auf den Namen an der Tür, lese ihn laut. Sie nickt und zeigt auf ihre Brust, wiederholt den Namen. Ich verstehe sie und lächele. Dann zeige ich auf mich und sage "Ricarda". Sie wiederholt ihn, wie alle, die ihn zum ersten Mal hören, hat sie Schwierigkeiten, ihn auszusprechen. Mir ist das gleich. Ich freue mich über diese Begegnung. Zwei Frauen haben sich in diesem Moment kennen gelernt.
Diese Frau hat Zuflucht gesucht. Wie ich später von ihrem Mann erfahre, stammen beide aus Somalia und haben mehrere Länder durchreist und -fahren, bis sie an der Küste Libyens ein kleines Boot bestiegen und sich auf die dreitägige Überfahrt nach Lampedusa eingelassen haben.
Wie Maria und Josef, schießt es mir durch den Kopf, als er mir erzählt, wie sie durch die Wüste Sahara fuhren und immer wieder hielten, um fünf Tage zu verweilen.
Er zeigt mir ein Foto auf seinem IPhone. Zu sehen ist ein Zelt, bestehend aus drei oder vier Stangen, die von einer Zeltplane überdeckt werden. Menschen versuchen sich darunter im Schatten einzukauern. Einer, der keinen Platz bekommen hat, hat sich in der gleißenden Sonne, mitten in der Wüste, in den glühend heißen Sand gelegt. "Five days", sagt er und sieht mich an. Dann mussten sie weiter, weil es kein Wasser mehr gab. "And again you stayed five days somewhere else?" Er nickt. "Five days". Ein weiteres Foto ist ebenfalls in der Wüste aufgenommen und zeigt zwei Trucks, vollbeladen mit Möbeln auf dem einen und Menschen auf dem anderen Dach. "Many things", flüstere ich. Er nickt und lächelt müde. "Many things."
Warum sie aus Somalia geflohen seien, frage ich. Sie haben auf uns geschossen, Raketen gezündet, sagt er. Es ist Krieg. Wir konnten nicht länger bleiben.
Donnerstag, 17. Juli 2014
Zwischenräume
Sich einen Zwischenraum schaffen, der von Menschenhand festgelegte geographische Grenzen überschreitet, nennt sich seit einiger Zeit Transnationalität. Ich glaube, auch ich versuche mir hier diese Räume zu erschaffen, die die afrikanische mit der deutschen beziehungsweise westlichen Welt verbinden. Und dabei bin ich erst am Anfang.
Psychoanalytiker nennen es emotionales Auftanken beziehungsweise Aufladen der inneren Batterien. Es fühlt sich auch wirklich so an. Heute Abend bin ich mit einer Freundin spontan auf eine Party unter freiem Himmel gegangen, die von der Fachschaft für Ethnologie veranstaltet wurde. Wow! Unter unseren teils nackten Füßen das feuchte Gras, über uns kleine Laternen in den uns umgebenden Bäumen. Zwar sind die Sterne hier vom Smog verdeckt und niemals so schön wie im, dem Äquator nahe gelegenen, Uganda. Dennoch lebe ich auf zu den Klängen vertrauter Musik, bewege mich wie von selbst zu den Trommeln und dem dumpfen Bass. Mein Herz lacht. Mein Körper tanzt. Meine Seele kommt zur Ruhe.
Ebenso der Kontakt zu anderen Afrikanern, die für mich eine Brücke darstellen zwischen meiner und ihrer Kultur. Auch wenn wir alle uns anpassen müssen, so verlieren wir doch nicht alle unsere Erfahrungen im Rausch der Zeit. Nein, wir halten uns fest an der Gelassenheit und dem Essen, an dem Draußen-Sein und der Musik.
Es ist möglich, sich ein eigenes kleines "Land" zu schaffen.
Psychoanalytiker nennen es emotionales Auftanken beziehungsweise Aufladen der inneren Batterien. Es fühlt sich auch wirklich so an. Heute Abend bin ich mit einer Freundin spontan auf eine Party unter freiem Himmel gegangen, die von der Fachschaft für Ethnologie veranstaltet wurde. Wow! Unter unseren teils nackten Füßen das feuchte Gras, über uns kleine Laternen in den uns umgebenden Bäumen. Zwar sind die Sterne hier vom Smog verdeckt und niemals so schön wie im, dem Äquator nahe gelegenen, Uganda. Dennoch lebe ich auf zu den Klängen vertrauter Musik, bewege mich wie von selbst zu den Trommeln und dem dumpfen Bass. Mein Herz lacht. Mein Körper tanzt. Meine Seele kommt zur Ruhe.
Ebenso der Kontakt zu anderen Afrikanern, die für mich eine Brücke darstellen zwischen meiner und ihrer Kultur. Auch wenn wir alle uns anpassen müssen, so verlieren wir doch nicht alle unsere Erfahrungen im Rausch der Zeit. Nein, wir halten uns fest an der Gelassenheit und dem Essen, an dem Draußen-Sein und der Musik.
Es ist möglich, sich ein eigenes kleines "Land" zu schaffen.
Dienstag, 15. Juli 2014
(Glücks)trunken
Ist es nicht seltsam, wie durch ein zweites Bier plötzlich alles ganz anders erscheint? Nein, ich sage nicht, dass es besser wird. Es wird anders. Und bitte glaubt nicht, ich verherrliche hier den Alkoholkonsum. Das tue ich nicht, weil ich ein Freund davon bin, Dinge bewusst mitzubekommen und aktiv handelnd einzugreifen, wenn ich es will. Dennoch bin ich immer wieder von neuem überrascht, wie schnell ein gutes Lied vorbei ist. Wie schnell ich in einem tiefsinnigen Gespräch mit einer anderen Person lande, das ich oft genug gemieden habe.
Am Ende bin ich eine der letzten, die geht, und fühle mich gut. Das ist das Leben: das mit guten Freunden zu teilen, was einen bewegt, und dabei die Sorgen für einen Moment zu vergessen, die einen belasten. Aber auch das geht ohne den alkoholischen Zusatz. Nur - warum sich verteidigen, wenn man einen Abend in der Woche auf diese Weise genießt?
Am Ende bin ich eine der letzten, die geht, und fühle mich gut. Das ist das Leben: das mit guten Freunden zu teilen, was einen bewegt, und dabei die Sorgen für einen Moment zu vergessen, die einen belasten. Aber auch das geht ohne den alkoholischen Zusatz. Nur - warum sich verteidigen, wenn man einen Abend in der Woche auf diese Weise genießt?
Montag, 14. Juli 2014
Überrannt
Manchmal überfällt einen das Leben. Dinge, die man sich lange ersehnt hat, werden auf einen Schlag Realität. Woher also kommt dieser Fluchtreflex, wenn ein Wunsch plötzlich in Erfüllung geht? Sind wir enttäuscht, weil der Wunsch als solcher nicht länger existiert? Haben wir Angst, dass wir uns die Dinge falsch ausgemalt haben? Wir sollten uns glücklich fühlen und sind es doch nicht ganz. Vielmehr plagen uns Zweifel, ob uns dieses Glück jetzt gerade zusteht oder ob wir nicht eine falsche Entscheidung getroffen haben. Können wir Verantwortung für diese wirklich gewordenen Sehnsucht übernehmen oder scheitern wir?
Es ist eine Kunst, die Nähe eines anderen zuzulassen, ohne dabei um die eigene Freiheit zu fürchten. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Es ist eine Kunst, die Nähe eines anderen zuzulassen, ohne dabei um die eigene Freiheit zu fürchten. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Samstag, 12. Juli 2014
Wenn Heimat zur Fremde wird.
Ich kehre zurück in meine gewohnte Umgebung, nach einem Monat Verbleiben in Uganda. Und ich greife nach der Normalität, doch sie entgleitet mir zugunsten eines so vorher nie empfundenen Befremdens. Gehe ich durch die Stadt, rennen alle Menschen an mir vorbei und rempeln mich an, ohne sich zu entschuldigen oder mir auch nur in die Augen zu blicken. Warten fällt ihnen schwer, obwohl sie nichts zu verlieren haben, wenn sie es tun. Jeder kommt an die Reihe: im Supermarkt, an der offenen Bustür, im Bürgerservicebüro. Es bedarf eben einer gewissen Zeit. Vor dem Haus keine Menschen. Jeder läuft an mir vorbei, mit einem Ziel vor Augen, das ich nicht kenne. Ich wäre etwas, das ihn davon abhielte, dieses Ziel zu erreichen, ich bin eher unangenehm, wenn ich denn versuche, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, denn ich halte ihn ja auf. Im Garten: niemand. Wenn sie dann doch da sind, werde ich gebeten, den Mund zu halten, da man sich auf das Lernen konzentrieren müsse. Ich bin irritiert, schweige aber.
Abends lausche ich den Klängen des Basses unter mir, der mir zeigt, dass gerade eine Party im Gange ist. Die Lieder sind immer dieselben, auf jeder einzelnen solchen Veranstaltung. Ein Mitbewohner fordert mich auf, mitzukommen. Entgegen meiner Stimmung willige ich ein, folge ihm. Um mich herum fremde Menschen, wenige bekannte Gesichter, und immer dieselben ausgelutschten, Tanzsicherheit und Beliebtheit vorgaukelnden Lieder. Ein Bekannter, der aus einem südamerikanischen Land stammt, beschwert sich über die immer gleiche Musik. Er hat recht, aber erst jetzt merke ich, was er meint. Alles ist auf Sicherheit getrimmt. Bloß keine fremdartige Musik. Die Menschen könnten ja irritiert sein und aufhören zu tanzen. Was mir fremd ist, ist mir nicht geheuer, nach diesem Motto gehen sie und wünschen sich die tanzbaren Sachen, bei denen jeder mittanzen kann.
Die Männer stürzen sich auf die anwesenden Bräute, deren Hosen und Röcke kaum den Hintern bedecken können. Wieder distanziere ich mich von dem, was ich sehe. Mit meinem knielangen Rock muss ich hier wie eine Nonne wirken, fühle mich aber nicht so. Ich hebe mich ab, ja. Aber nicht gewollt. Sondern weil es meinem Wohlempfinden entspricht.
Ich sitze alleine auf dem Sofa und beobachte das Geschehen. Nein, ich passe hier nicht hinein. Ich entscheide mich dazu, meinem Gefühl zu folgen und verschwinde ungesehen von der Party. Es schmerzt, aber ich fühle mich hier nicht mehr zuhause. Ich suche nach Gesprächspartnern, aber traue mich nicht, den ersten Schritt zu machen. Genauer gesagt, glaube ich, dass tiefsinnigere Gespräche für die meisten Leute, die auf diese Parties gehen, nicht von Interesse sind. Also versuche ich, meine Gedanken abzukürzen und in wenige Sätze zu stecken, aus Sorge, der andere könnte sich abwenden.
Ich vermisse die Abende in Afrika, als ich mit einem Freund bei einer huka vor dem Haus saß und den Grillen zuhörte, während wir abwechselnd den würzigen Rauch in die Abendluft bliesen. Nur das leise Blubbern des Wassers durchbrach die Stille, die sich um uns gelegt hatte.
In diesen Momenten fühle ich mich wohl, obgleich es so weit weg von Heimat und Sicherheit ist. Ich mag es idealisieren, weil ich jetzt nicht mehr dort bin und der Mensch die Tendenz hat, das Vergangene, gerade wenn es weit weg ist, besser zu machen als es manchmal war, aber in der Tat kann ich nur mit guten Gefühlen zurückdenken. Dort drehte sich die Zeit langsamer, man erlebte alles klarer, direkter, näher.
Diese Gefühle in die Welt von Terminen, Schnelligkeit und rauschenden Alkoholexzessen zurückzuholen, wo Menschen nicht spontan sind, sondern sich von Terminen leiten lassen, das fällt schwer.
Abends lausche ich den Klängen des Basses unter mir, der mir zeigt, dass gerade eine Party im Gange ist. Die Lieder sind immer dieselben, auf jeder einzelnen solchen Veranstaltung. Ein Mitbewohner fordert mich auf, mitzukommen. Entgegen meiner Stimmung willige ich ein, folge ihm. Um mich herum fremde Menschen, wenige bekannte Gesichter, und immer dieselben ausgelutschten, Tanzsicherheit und Beliebtheit vorgaukelnden Lieder. Ein Bekannter, der aus einem südamerikanischen Land stammt, beschwert sich über die immer gleiche Musik. Er hat recht, aber erst jetzt merke ich, was er meint. Alles ist auf Sicherheit getrimmt. Bloß keine fremdartige Musik. Die Menschen könnten ja irritiert sein und aufhören zu tanzen. Was mir fremd ist, ist mir nicht geheuer, nach diesem Motto gehen sie und wünschen sich die tanzbaren Sachen, bei denen jeder mittanzen kann.
Die Männer stürzen sich auf die anwesenden Bräute, deren Hosen und Röcke kaum den Hintern bedecken können. Wieder distanziere ich mich von dem, was ich sehe. Mit meinem knielangen Rock muss ich hier wie eine Nonne wirken, fühle mich aber nicht so. Ich hebe mich ab, ja. Aber nicht gewollt. Sondern weil es meinem Wohlempfinden entspricht.
Ich sitze alleine auf dem Sofa und beobachte das Geschehen. Nein, ich passe hier nicht hinein. Ich entscheide mich dazu, meinem Gefühl zu folgen und verschwinde ungesehen von der Party. Es schmerzt, aber ich fühle mich hier nicht mehr zuhause. Ich suche nach Gesprächspartnern, aber traue mich nicht, den ersten Schritt zu machen. Genauer gesagt, glaube ich, dass tiefsinnigere Gespräche für die meisten Leute, die auf diese Parties gehen, nicht von Interesse sind. Also versuche ich, meine Gedanken abzukürzen und in wenige Sätze zu stecken, aus Sorge, der andere könnte sich abwenden.
Ich vermisse die Abende in Afrika, als ich mit einem Freund bei einer huka vor dem Haus saß und den Grillen zuhörte, während wir abwechselnd den würzigen Rauch in die Abendluft bliesen. Nur das leise Blubbern des Wassers durchbrach die Stille, die sich um uns gelegt hatte.
In diesen Momenten fühle ich mich wohl, obgleich es so weit weg von Heimat und Sicherheit ist. Ich mag es idealisieren, weil ich jetzt nicht mehr dort bin und der Mensch die Tendenz hat, das Vergangene, gerade wenn es weit weg ist, besser zu machen als es manchmal war, aber in der Tat kann ich nur mit guten Gefühlen zurückdenken. Dort drehte sich die Zeit langsamer, man erlebte alles klarer, direkter, näher.
Diese Gefühle in die Welt von Terminen, Schnelligkeit und rauschenden Alkoholexzessen zurückzuholen, wo Menschen nicht spontan sind, sondern sich von Terminen leiten lassen, das fällt schwer.
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