Ein Gesicht, die Lippen geschlossen beim Lächeln. Ein junger Mann, stämmig, er trägt seine Haare kurz, die Augen braun und weich. Sie beobachten mich stumm. Nicht der Vater, nein. Der älteste Bruder. Ich sehe es, in den Formularen. Die unausgefüllten Felder neben "Vater" und "Mutter" leer, als ob man sie beim Stellen des Antrags einfach übergangen hätte. You are not the father? - Er schüttelt den Kopf. Brother. Ich ergänze es in den Unterlagen. Der Kugelschreiber bleibt über dem Blatt in der Luft hängen. Man wehrt sich gegen die Wahrheit, einen kurzen Moment, aber man will doch wissen, was. The parents are dead? Die Stimme ist leise, eher ein Flüstern. Seine Antwort kommt wenig überraschend und erstaunlich gefasst. Ich sehe sie auf dem Schlauchboot, die Überfahrt kostet dich 15 Minuten, wenn alles gut geht, und ein Leben, wenn es schlecht läuft. Oder, ist es der Tod der Eltern, der diese Geschwister, von denen das jüngste im Grundschulalter ist und das älteste der Vater hätte sein können, dazu bewegt hat, zu gehen. Ich sehe auf und Blicke treffen sich. Ein Waise. Er hat die Stimme eines Vaters und ist doch selbst Kind. The doctors want to know, did she have any accidents? Ich arbeite mich mühsam durch die Fragebögen durch. Er verneint. Ich mache Kreuze. Er verneint. Ich mache Kreuze. Deutsche Bürokratie. Wer liest das eigentlich durch? Ich schweife ab. - She fell in water. Ich bin nicht darauf gefasst und hebe den Kopf. Er lächelt. Der Mund bleibt geschlossen. Verständnislos warte ich auf Erklärungen. Dann fügen sich Puzzleteile zusammen. Was in den Nachrichten zu sehen war, hier ist es real. Der kleine Junge, tot an den Strand gespült. Ertrunken. Ein kleines Mädchen, aus dem Boot gespült, sie mussten es wiederbeleben, Wasser in der Lunge, Angst, Angst, Angst, - sie lebt und sie ist hier. Nächste Woche soll sie eingeschult werden. Ein kleiner Körper, der lebt.
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Freitag, 4. März 2016
Donnerstag, 31. Dezember 2015
Silvester
In der Kirche Stromausfall. Solarlampen erleuchten spärlich den Raum. Die Bänke füllen sich, bei jedem neuen Lied drängen sich ein paar mehr Frauen und Männer in das Gebäude. Er sagt, seht ihr, manchmal, da habt ihr das Gefühl, jetzt, genau jetzt etwas tun zu wollen. Jemandem etwas bestimmtes sagen, einen Schritt in Richtung eines Ortes setzen, etwas neu erschaffen, jemandem helfen, mich bewegen zu wollen, schiebe ich in Gedanken hinterher. Ja. Und dann, dann tut es gefälligst, ruft er. Denn das ist der Moment es zu tun! Genau dieser Augenblick, in dem ihr den Impuls verspürt, der befiehlt und erlaubt es euch: Es zu tun, genau jetzt, und genau hier! Wartet nicht ab und sorgt euch, der Augenblick wird nämlich an euch vorbeiziehen, ungenutzt! Und sein Segen mit ihm, denn dieses Moment hat euch gehört, es war euch zugesagt, diesem Impuls zu folgen, und ihr habt gezögert! Warum? Ja, warum, frage ich mich still. Er fährt fort. Da gibt es Menschen, die stehen da, schütteln den Kopf, na, na, ob du das wirklich kannst? Ich wäre mir nicht so sicher. Vielleicht solltest du das nochmal überdenken. Und schau mal, kannst du das überhaupt? Und die Folgen... Und da ist er vorbei, der Moment. Meidet diese Menschen, sie tun euch nicht gut, sie bremsen euren Mut, sie bremsen eure Ideen, sie füllen euch mit Zweifeln, die ihr in diesem Moment wirklich nicht gebrauchen könnt, denn was ihr verspürt und wovon ich zu reden versuche, das sind die schöpferischen Momente, die mutigen und die erneuernden, die was vorantreiben. Menschen klatschen und jubeln. Sie singen und dann gehen auch die Solarlampen aus. Alles dunkel bis auf die zwei Kerzen. Plötzlich ein lodernder Lichtschein. Jemand hat die Zettel mit Fürbitten mit Kerosin überschüttet und angezündet. Menschen singen, manche trommeln den Maganda Rhythmus. Frauen binden sich Pullover um die Hüften und fangen an zu tanzen. Kreisen ihre Körper und ich betrachte die Schatten der Tanzenden, die das Feuer an die Wände wirft. Zwei Stunden vor Neujahr.
Mittwoch, 16. September 2015
Und plötzlich sind es nur noch 11 Tage.
Und plötzlich sind es nur noch 11 Tage. Ich erstarre beim Blick auf das heutige Datum. Zahlen drehen sich in meinem Kopf, berechnen einen Countdown. Ist es das wert, auf FB gepostet zu werden? Nein, ich will mich nicht mit den Kommentaren befassen, die darauf folgen könnten. Du bist neidisch? Du willst mit? Wirklich? Vier Monate, überleg dir das noch mal. Mir zieht es innerlich alles zusammen, denn ich habe Angst. Angst, dass ich scheitern könnte an diesem Projekt. Verrückt, die ganze Zeit ist man sicher, das richtige zu tun. Und plötzlich: Vielleicht ist die Zielgruppe zu klein. Vielleicht wollen sie mir nicht sagen, was ich hören will. Ich ertappe mich selbst. Forschung dient nicht zur Bestätigung der eigenen Annahmen, sondern soll deduktiv erfolgen. Ja, natürlich. In der Theorie ist das alles so klar. Aber wo beginnen? Was tun, wenn sich keine neuen Erkenntnisse ergeben? Was, wenn die Menschen gar nicht erst meine Fragen beantworten wollen. Viele Fragen rasen mir durch den Kopf. Zweifel kommen zurück. Die Rahmenbedingungen sind geklärt. Aber was helfen sie mir, wenn das eigentliche Ziel nicht erreicht wird? Wieder einmal versuche ich mich auf das große Unbekannte zu verlassen und Last abzugeben. Manche nennen es Gott, manche Schicksal, manche Zufall, manche Mensch. Alles wird gut. Alles wird gut. Alles wird gut.
Und dann die Angst vor dem Abschied. Es ist nicht das erste Mal. Bereits vor 6 Jahren habe ich Ähnliches geschafft, habe eine Abschiedsfeier gegeben und auf Wiedersehen gesagt. Damals war es für ein Jahr. Aber ich habe damals nichts begriffen. Ich war naiv und fast schon kühl. Wollte alles einreißen, neu irgendwo beginnen, hatte Lust und wollte weg.
Heute sind nur wenige Freunde geblieben von damals. Ich kann sie an einer Hand abzählen. Aber was ich erlebt habe, ist, viele neue Freunde gesammelt zu haben. Ich habe Vertrauen zu ihnen aufgebaut und sie in mein Inneres sehen lassen. Ich habe sie in mein Herz gelassen und da sind sie jetzt, und es fällt viel, viel schwerer als damals, zu gehen und sie zu verabschieden. Ich habe Sorge, dass mir etwas passieren könnte. Dabei weiß ich, dass das ihnen genauso zustoßen könnte. Dennoch, ich denke fieberhaft an verschlammte Lehmstraßen, Schlaglöcher, rasende entgegen kommende Taxis, Regenschauer, Dunkelheit und Diebe, Busch und verborgene Schlangen. Mein Herz schlägt höher. Bisher ist dir nichts passiert und wenn, dann bist du aus allem gut herausgekommen, du hast einen Dieb abgehängt und entlarvt, du hast die kleine schwarze Schlange zu deinen Füßen rechtzeitig bemerkt und andere haben sie mit Steinen getötet. Du hast knapp vor nachrückenden Taxis gehalten, und einmal bist du sogar mit dem Motorrad gekippt, aber bis auf einen blauen Fleck war alles in Ordnung. Ich sehe Gefahren und entweiche ihnen, egal wie knapp. Warum sollte es jetzt anders sein. Trotzdem legen sich Sorgen und Ängste in mich hinein. Je mehr Menschen es gibt, die du liebst, desto ängstlicher bist du, sie zu verlieren. Ich bin umgeben von wertvollen Menschen und kann mir nicht vorstellen, ohne sie zu sein. Klar, für eine Zeit lang. Aber nicht für immer.
Ich nehme tief Luft und bete. Ich bete fast nie. Aber die Angst löst sich, ein bisschen. Ich sehe aus dem Fenster und stehe dann auf. Es geht weiter. Es geht alles weiter.
Und dann die Angst vor dem Abschied. Es ist nicht das erste Mal. Bereits vor 6 Jahren habe ich Ähnliches geschafft, habe eine Abschiedsfeier gegeben und auf Wiedersehen gesagt. Damals war es für ein Jahr. Aber ich habe damals nichts begriffen. Ich war naiv und fast schon kühl. Wollte alles einreißen, neu irgendwo beginnen, hatte Lust und wollte weg.
Heute sind nur wenige Freunde geblieben von damals. Ich kann sie an einer Hand abzählen. Aber was ich erlebt habe, ist, viele neue Freunde gesammelt zu haben. Ich habe Vertrauen zu ihnen aufgebaut und sie in mein Inneres sehen lassen. Ich habe sie in mein Herz gelassen und da sind sie jetzt, und es fällt viel, viel schwerer als damals, zu gehen und sie zu verabschieden. Ich habe Sorge, dass mir etwas passieren könnte. Dabei weiß ich, dass das ihnen genauso zustoßen könnte. Dennoch, ich denke fieberhaft an verschlammte Lehmstraßen, Schlaglöcher, rasende entgegen kommende Taxis, Regenschauer, Dunkelheit und Diebe, Busch und verborgene Schlangen. Mein Herz schlägt höher. Bisher ist dir nichts passiert und wenn, dann bist du aus allem gut herausgekommen, du hast einen Dieb abgehängt und entlarvt, du hast die kleine schwarze Schlange zu deinen Füßen rechtzeitig bemerkt und andere haben sie mit Steinen getötet. Du hast knapp vor nachrückenden Taxis gehalten, und einmal bist du sogar mit dem Motorrad gekippt, aber bis auf einen blauen Fleck war alles in Ordnung. Ich sehe Gefahren und entweiche ihnen, egal wie knapp. Warum sollte es jetzt anders sein. Trotzdem legen sich Sorgen und Ängste in mich hinein. Je mehr Menschen es gibt, die du liebst, desto ängstlicher bist du, sie zu verlieren. Ich bin umgeben von wertvollen Menschen und kann mir nicht vorstellen, ohne sie zu sein. Klar, für eine Zeit lang. Aber nicht für immer.
Ich nehme tief Luft und bete. Ich bete fast nie. Aber die Angst löst sich, ein bisschen. Ich sehe aus dem Fenster und stehe dann auf. Es geht weiter. Es geht alles weiter.
Dienstag, 15. September 2015
Ein Eimer voll Farbe
Verflucht. Wie schwer ein Eimer mit 10 Litern Farbe werden kann, habe ich unterschätzt. Ich stelle mich auf ein Stop-And-Go-Martyrium vom Bahnhof bis nach Hause ein. Stöhnend versuche ich unterschiedliche Haltungen aus, keine gelingt mir auf lange Zeit. Ich laufe blind an den Läden vorbei, die ich täglich passiere und deren Inhaber mir doch fremd sind. Streife einen Kiosk. Setze den Eimer ab. Halte inne. Nehme ihn wieder. Weiter-
Hallo!
Ich laufe weiter.
Hallo! Hallo. Ich drehe mich um. Ein Mann mit Vollbart um die 30 ist mir zögernd ein paar Schritte nachgekommen. Sein Kollege, der Kioskbesitzer, bleibt vor seiner Tür stehen und beobachtet mich. Ich kann sie nicht zuordnen, aber sie haben in jedem Fall arabische Wurzeln, da er etwas zu ihm sagt, was ich nicht verstehe. Er entschuldigt sich mehrmals, mich angesprochen zu haben, und fragt dann geradeheraus, wo ich wohne. Am Kreisel. Ich zeige die Straße hinunter. Okay, kein Problem, wissen Sie was, ich nehme Ihren Eimer voll Farbe und fahre ihn hin. Wir treffen uns da. Am Kreisel. Okay? Ich stottere und werde rot. Mir fällt nichts anderes ein, als einzuwilligen. Er ruft seinem Kollegen etwas zu, dann lässt er seine Karre blinken. Ein schöner schwarzer, ganz schön edel und dunkle Scheiben. Ich zögere und gebe ihm meinen Eimer. Er sagt, wir treffen uns dann dort. Keine Sorge, ich will nichts Böses. Ich drehe mich langsam um, will loslaufen. Er schiebt hinterher: Oder, wenn Sie wollen, ich kann Sie auch mitnehmen. Aber nicht dass Sie denken, ich will was. Nur wenn Sie wollen. Es ist kein Problem. Ich betrachte ihn kurz. Um uns herum ist alles voller Leute. Der Kioskbesitzer sieht mich ruhig und abwartend an. Ich willige ein. Sie können nach vorne sitzen. Kein Problem. Ich öffne die Tür, alles riecht neu und nach einem Männerparfum. Er schließt die Tür, ich bedanke mich schon wieder. Kein Problem. Wissen Sie, der Mann vom Kiosk ist mein Bruder. Ich hab ihn besucht, aber ich hab gerade sowieso nichts zu tun. Da habe ich Sie gesehen, aber ich wollte Ihnen nicht hinterherrufen, als Sie an uns vorbeigelaufen sind. Wissen Sie, sonst denken die Frauen immer, wir wollen sie nur anmachen oder so. Er druckst herum. Deshalb habe ich gewartet, bis Sie über die Straße gehen wollten und ein paar Meter entfernt waren. Ich hab Sie gesehen und ey, ich sag Ihnen, wenn ich eine Frau sehe, die so was Schweres tragen muss, dann frag ich, ob ich helfen kann. Aber es ist schwer, oft denken sie, man will sie anmachen. Und so will man ja auch nicht wirken. Er fährt um die Kurve. Ich beteuere, dass ich das überhaupt nicht gedacht habe. In der Tat hat mein Instinkt mich nicht getäuscht, dieser Mann ist gut gesinnt. Er führt seine Rede fort. Er helfe immer, wenn er alte Menschen oder Frauen mit Kindern sehe, die noch einen weiten Weg vor sich hätten. Bei jungen Frauen sei er vorsichtiger, weil... er wiederholt sich. Ich lächele und sage, dass ich das verstehe. Am Ende fährt er mich direkt vor meine Haustür. Geht so? Fragt er und gibt mir den Eimer in die Hand. Ja, danke. Ich sehe ihn an. Sie haben ein gutes Herz. Er lacht und dreht verlegen den Kopf weg. Alles gut, alles gut. Ich wünsch Ihnen noch 'nen schönen Tag. Ich Ihnen auch. Er wartet, bis ich die Tür geöffnet habe. Erst dann parkt er aus. Zu meinem Mitbewohner sage ich: Weißt du, mir ist gerade ein Engel begegnet. Was? Ein Engel. Wie meinst du das, erzähl. Ich hole Luft, stelle den Eimer ab und erzähle. Verflucht...
Hallo!
Ich laufe weiter.
Hallo! Hallo. Ich drehe mich um. Ein Mann mit Vollbart um die 30 ist mir zögernd ein paar Schritte nachgekommen. Sein Kollege, der Kioskbesitzer, bleibt vor seiner Tür stehen und beobachtet mich. Ich kann sie nicht zuordnen, aber sie haben in jedem Fall arabische Wurzeln, da er etwas zu ihm sagt, was ich nicht verstehe. Er entschuldigt sich mehrmals, mich angesprochen zu haben, und fragt dann geradeheraus, wo ich wohne. Am Kreisel. Ich zeige die Straße hinunter. Okay, kein Problem, wissen Sie was, ich nehme Ihren Eimer voll Farbe und fahre ihn hin. Wir treffen uns da. Am Kreisel. Okay? Ich stottere und werde rot. Mir fällt nichts anderes ein, als einzuwilligen. Er ruft seinem Kollegen etwas zu, dann lässt er seine Karre blinken. Ein schöner schwarzer, ganz schön edel und dunkle Scheiben. Ich zögere und gebe ihm meinen Eimer. Er sagt, wir treffen uns dann dort. Keine Sorge, ich will nichts Böses. Ich drehe mich langsam um, will loslaufen. Er schiebt hinterher: Oder, wenn Sie wollen, ich kann Sie auch mitnehmen. Aber nicht dass Sie denken, ich will was. Nur wenn Sie wollen. Es ist kein Problem. Ich betrachte ihn kurz. Um uns herum ist alles voller Leute. Der Kioskbesitzer sieht mich ruhig und abwartend an. Ich willige ein. Sie können nach vorne sitzen. Kein Problem. Ich öffne die Tür, alles riecht neu und nach einem Männerparfum. Er schließt die Tür, ich bedanke mich schon wieder. Kein Problem. Wissen Sie, der Mann vom Kiosk ist mein Bruder. Ich hab ihn besucht, aber ich hab gerade sowieso nichts zu tun. Da habe ich Sie gesehen, aber ich wollte Ihnen nicht hinterherrufen, als Sie an uns vorbeigelaufen sind. Wissen Sie, sonst denken die Frauen immer, wir wollen sie nur anmachen oder so. Er druckst herum. Deshalb habe ich gewartet, bis Sie über die Straße gehen wollten und ein paar Meter entfernt waren. Ich hab Sie gesehen und ey, ich sag Ihnen, wenn ich eine Frau sehe, die so was Schweres tragen muss, dann frag ich, ob ich helfen kann. Aber es ist schwer, oft denken sie, man will sie anmachen. Und so will man ja auch nicht wirken. Er fährt um die Kurve. Ich beteuere, dass ich das überhaupt nicht gedacht habe. In der Tat hat mein Instinkt mich nicht getäuscht, dieser Mann ist gut gesinnt. Er führt seine Rede fort. Er helfe immer, wenn er alte Menschen oder Frauen mit Kindern sehe, die noch einen weiten Weg vor sich hätten. Bei jungen Frauen sei er vorsichtiger, weil... er wiederholt sich. Ich lächele und sage, dass ich das verstehe. Am Ende fährt er mich direkt vor meine Haustür. Geht so? Fragt er und gibt mir den Eimer in die Hand. Ja, danke. Ich sehe ihn an. Sie haben ein gutes Herz. Er lacht und dreht verlegen den Kopf weg. Alles gut, alles gut. Ich wünsch Ihnen noch 'nen schönen Tag. Ich Ihnen auch. Er wartet, bis ich die Tür geöffnet habe. Erst dann parkt er aus. Zu meinem Mitbewohner sage ich: Weißt du, mir ist gerade ein Engel begegnet. Was? Ein Engel. Wie meinst du das, erzähl. Ich hole Luft, stelle den Eimer ab und erzähle. Verflucht...
Mittwoch, 2. September 2015
Zerrissen
Dieses Land wird zerrissen. In den sozialen Medien streiten sich zwei Parteien, und ich sehe Propaganda überall. Da sind die Nachrichten, die von Massenschlägereien und Messerstecherei, Diebstahl in Supermärkten und Randalen in Unterkünften berichten. Und dann gibt es die andere Seite, die Menschen anklagt, die Unterkünfte in Brand stecken, auf Kinder urinieren, Flüchtlinge lebensgefährlich zusammenschlagen. Dieses Land brennt doch längst.
Flüchtlinge raus! Schreien die einen. Refugees Welcome! Halten die anderen dagegen. Natürlich positioniere ich mich. Meine Arbeit ist Beweis genug dafür. Aber diese Arbeit fordert ein starkes Rückgrat, und bereits jetzt beobachte ich, wie man sich entweder bedingungslos auf meine Seite schlägt oder mich durch Provokationen und "Fakten" auf die Probe stellt. Rechtfertige dich. Äußer dich doch mal DAZU. Findest du nicht auch, dass. Ich hab ja nichts gegen sie, aber wir können doch nicht. Es sind doch aber einfach zu viele.
Man haut mir Schlagzeilen um die Ohren und wartet auf meine Erklärung, meine Rechtfertigung. Ehrlich mal, was soll das denn. Könnten wir bitte mal aufhören, über Flüchtlinge zu reden und stattdessen über Menschen zu sprechen? Sie sind Menschen und nicht als Flüchtlinge geboren, und es gehört sehr viel dazu, sich dafür zu entscheiden, die eigene Heimat hinter sich zu lassen. Macht ihr das doch mal. Und das, was ihr tut, wenn ihr euch für ein, zwei Jahre ins Ausland "verzieht", ist ja noch nicht einmal vergleichbar: ihr wisst, dass ihr zurückkommen könnt. Ihr habt das alles nur freiwillig gemacht, seht es als Abenteuer, Urlaub, Selbsterfahrung. Klar, ein bisschen Kulturschock, ein bisschen Heimweh, Einsamkeit vielleicht. Diese Menschen wissen nicht, ob sie ihre Heimat jemals wiedersehen werden. Vielleicht könnten sie zurückkommen, würden aber verfolgt. Oder man würde ihnen vorhalten, was sie denn hier zu suchen hätten, und wo das Geld bliebe, das sie ihrer Familie versprochen hatten. Na, was denkt ihr, wie fühlt sich das an? Kriegt man da nicht auch eine wahnsinnige Wut?
Wenn ein Mensch ein Verbrechen begeht, so wird nach unserem Gesetz so geurteilt, dass man nach Zurechnungsfähigkeit, nach den Motiven und Umständen der Tat sowie nach deren Folgen sieht. Das ist deutsches Recht. Danach wird hier jeder beurteilt, egal, woher er kommt, welche Religion oder welche Hautfarbe er hat. Das ist die Richtlinie. Wer sich danach richtet, der bevorzugt weder Flüchtlinge noch Nicht-Flüchtlinge in irgendeiner Weise. Wer dies nicht tut, macht seinen Job möglicherweise schlecht. Es geht nicht darum, wer die Tat begeht, die durch die Schlagzeilen geht. Das ist doch pure Meinungsmache. Es geht darum, war er zurechnungsfähig, hat er sich selbst verteidigen müssen, inwiefern war es vorsätzlich, usw. Es geht hier um Menschen. Also enttarnt doch mal bitte, welche Absichten hinter der Veröffentlichung einer Schlagzeile stecken: an wen richten sie sich, in welchem Ton sind sie geschrieben, was wollen sie vermitteln? Zwischen den Zeilen lesen. Sich ein eigenes Bild machen. Investigativen Journalismus betreiben, wäre eine gute Richtlinie.
Flüchtlinge raus! Schreien die einen. Refugees Welcome! Halten die anderen dagegen. Natürlich positioniere ich mich. Meine Arbeit ist Beweis genug dafür. Aber diese Arbeit fordert ein starkes Rückgrat, und bereits jetzt beobachte ich, wie man sich entweder bedingungslos auf meine Seite schlägt oder mich durch Provokationen und "Fakten" auf die Probe stellt. Rechtfertige dich. Äußer dich doch mal DAZU. Findest du nicht auch, dass. Ich hab ja nichts gegen sie, aber wir können doch nicht. Es sind doch aber einfach zu viele.
Man haut mir Schlagzeilen um die Ohren und wartet auf meine Erklärung, meine Rechtfertigung. Ehrlich mal, was soll das denn. Könnten wir bitte mal aufhören, über Flüchtlinge zu reden und stattdessen über Menschen zu sprechen? Sie sind Menschen und nicht als Flüchtlinge geboren, und es gehört sehr viel dazu, sich dafür zu entscheiden, die eigene Heimat hinter sich zu lassen. Macht ihr das doch mal. Und das, was ihr tut, wenn ihr euch für ein, zwei Jahre ins Ausland "verzieht", ist ja noch nicht einmal vergleichbar: ihr wisst, dass ihr zurückkommen könnt. Ihr habt das alles nur freiwillig gemacht, seht es als Abenteuer, Urlaub, Selbsterfahrung. Klar, ein bisschen Kulturschock, ein bisschen Heimweh, Einsamkeit vielleicht. Diese Menschen wissen nicht, ob sie ihre Heimat jemals wiedersehen werden. Vielleicht könnten sie zurückkommen, würden aber verfolgt. Oder man würde ihnen vorhalten, was sie denn hier zu suchen hätten, und wo das Geld bliebe, das sie ihrer Familie versprochen hatten. Na, was denkt ihr, wie fühlt sich das an? Kriegt man da nicht auch eine wahnsinnige Wut?
Wenn ein Mensch ein Verbrechen begeht, so wird nach unserem Gesetz so geurteilt, dass man nach Zurechnungsfähigkeit, nach den Motiven und Umständen der Tat sowie nach deren Folgen sieht. Das ist deutsches Recht. Danach wird hier jeder beurteilt, egal, woher er kommt, welche Religion oder welche Hautfarbe er hat. Das ist die Richtlinie. Wer sich danach richtet, der bevorzugt weder Flüchtlinge noch Nicht-Flüchtlinge in irgendeiner Weise. Wer dies nicht tut, macht seinen Job möglicherweise schlecht. Es geht nicht darum, wer die Tat begeht, die durch die Schlagzeilen geht. Das ist doch pure Meinungsmache. Es geht darum, war er zurechnungsfähig, hat er sich selbst verteidigen müssen, inwiefern war es vorsätzlich, usw. Es geht hier um Menschen. Also enttarnt doch mal bitte, welche Absichten hinter der Veröffentlichung einer Schlagzeile stecken: an wen richten sie sich, in welchem Ton sind sie geschrieben, was wollen sie vermitteln? Zwischen den Zeilen lesen. Sich ein eigenes Bild machen. Investigativen Journalismus betreiben, wäre eine gute Richtlinie.
Sonntag, 30. August 2015
Was ich mir wünsche
Wenn ich immer häufiger Diskussionen über Flüchtlinge in Medien und Gesprächen verfolge, dann wünsche ich mir was. Ich wünsche mir, dass nicht mehr im Namen der Menschen gesprochen und debattiert wird. Ich wünsche mir, dass sie selbst für sich sprechen. Und wie stellen wir das an? Unsere Aufgabe besteht darin, sie dazu zu ermutigen. Ich rede davon, Gesprächsrunden zu eröffnen und Flüchtlinge als gleichberechtigte Gesprächspartner zu betrachten. Genauso, wie wir es in der Ethnologie tun. Wir sprechen nicht erst einmal über die Menschen und fragen dann nach. Vielmehr schauen wir ihnen erst einmal über die Schulter und betrachten, was sie tun, wie sie ihre Welt sehen, was sie erreichen wollen, woher sie kommen und was sie erlebt haben. Dann übersetzen wir das Gesehene in unsere Schrift und Sprache und versuchen, eine Brücke zu schlagen zu dem, was wir kennen.
Und genauso versuchen es auch wir Sozialarbeiterinnen: wir vorverurteilen nicht, sondern erkennen an, dass es unterschiedliche Lebensstile gibt, und dass das, was uns vertraut ist, nicht der Maßstab aller Dinge ist. Der Maßstab, den wir anlegen, ist der Maßstab der sozial konstruierten Menschenrechte, wie sie aus unserer Geschichte heraus etabliert wurden. Sie entstammen dem geschichtlichen Kontext des zweiten Weltkriegs, Ich will nicht behaupten, einen Menschen nach einer kurzen Anamnese erfasst zu haben. Nein, ich befinde mich in einem ständigen Verständigungsprozess. Sobald ich meine, alles verstanden zu haben, reißt diese Verständigung ab. Und wo ich glaube, alles verstanden zu haben, da endet der Blick auf die Möglichkeit des Gegenübers, sich zu verändern und sich zu entwickeln. Ich drücke ihm einen Stempel auf, lege ihm eine Diagnose auf, ordne es einer Kategorie zu.
Und zugleich sehe ich, dass ich dies automatisch tue, Menschen in Schubladen stecken, um sie leichter einschätzen zu können. Es ist so menschlich, die Unordnung zu ordnen, das Chaos aufzulösen, Dinge selektieren zu wollen, um nicht von der Masse an Möglichkeiten und Interpretationen überrollt zu werden, in ihr unterzugehen. Denn wie haltlos wäre ich, würde ich annehmen, dass alles konstruiert, jede Wirklichkeit Illusion, jede Wahrheit subjektiv und jede Farbe jedem Menschen anders erschiene? Ich suche also Halt in Bildern, die mir andere vorhalten, die mir Medien aufdrücken, die mir Schlagzeilen um die Ohren hauen. Und da sind sie dann, die Diskussionen über "die" Flüchtlinge, "die" Punks, "die" Studierenden, oder "die" Nazis, "die" Rechten, "die" Menschen aus dem Dorf und ihre Ansichten. Ja, ich ordne ein, und positioniere mich für und gegen. Und ja, ich ecke an, und strenge mich an, und verteidige, wo ich kann, und wehre mich, wo ich kann. Aber ich glaube, dass es in der Natur des Menschen ist, sich (neu) zu positionieren und jeden Tag neu zu entscheiden, auf wessen Seite er steht.
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