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Sonntag, 19. April 2015

Von Krügen und Scherben.

Du entgleitest mir. Ich erkenne dich nicht mehr wieder. Deine Fragen verletzen mich, weil sie andeuten, wie sehr dein Vertrauen auf mich längst zerbrochen ist. Ich suche den Fehler bei mir und finde doch keinen. Was ist da passiert zwischen uns? Wo hat es angefangen? Oder habe ich ihn nur die ganze Zeit nicht gesehen, obwohl er längst da war, der Bruch? Du greifst in die Leere und ich ziehe mich zurück von dir. Du sagst, du kannst nicht schlafen. Dass du mich vermisst. Ich will dir nicht entgegenkommen, ich habe so viel gegeben und nun bin ich müde. Ich weiß, aus mir spricht eine fremde Stimme, die jetzt nicht trösten will. Ich merke, wie ich mich hart stellen muss, um nicht wieder nachzugeben. Das bin nicht ich, will ich rufen. Aber du hast es ja herausgefordert! Ich will dir glauben, dass ja alles wieder okay und geklärt sei, fürchte mich vor dem drohenden Aus. Kann es das denn wirklich gewesen sein? M. tröstet mich, spricht von dir, als ob ich von einem gerade gestorbenen geliebten Menschen Abschied nehmen und in Dankbarkeit für die vielen Dinge, die du mir gezeigt und geschenkt hast, zurückschauen müsste. Ja, es klingt wie der Abschied von jemandem, den ich gerade verloren habe und nie wieder sehen werde. Alles in mir zieht sich zusammen und wehrt sich bei diesen Worten, nichts ist so schwer wie Gehenlassen. Plötzlich will ich um dich kämpfen. Herz gegen Kopf. Hat es Sinn? Oder ist es die Flucht davor, dir weh tun zu müssen und mich selbst ebenfalls zu verletzen? Die Angst vor der falschen Entscheidung, dem Entschluss zu einer Rückkehr in die Einsamkeit? Wenn die Beziehung zu dir als Scherbe aus dem Krug meines Lebens gebrochen wird und eine hässliche Narbe hinterlässt. Hat es Sinn?

Donnerstag, 9. April 2015

Der andere Raum. Oder: Abschied nehmen.

Die letzten Früchte sind gekauft. Ich sitze die Zeit ab. Electricity is gone, daher kann ich mich weder mit Internet noch mit Nachrichten auf Al Jazeera ablenken. Die Bücher sind ausgelesen. Stattdessen lasse ich Revue passieren. Mein Herz hängt hier, egal wie langweilig es manchmal ist... Welche Momente bleiben? Wie der alte Mann, der kaum noch Zähne hatte, im Altenheim auf Sansibar für uns gesungen und uns dabei angestrahlt hat. Vielleicht ist er inzwischen gestorben. Wie die abgemagerte alte Frau sich aufgrund meines Körpergewichts solche Sorgen um mich gemacht hat - ob ich vielleicht krank sei? Wie mir diverse Busfahrer immer wieder dabei geholfen haben, mich zu orientieren, ohne irgendetwas zu erwarten. Wie ich mit der jungen Iranerin im Bus Bekanntschaft machte und merkte, dass wir trotz unterschiedlicher Herkunft und Religion denselben Willen zur Freiheit und Unabhängigkeit teilten. Wie ein zweijähriges Mädchen seine kleine Hand nach einer Messe in meine legte und mich grüßte. Wie die Kinder in der Osternacht tobten, tanzten und die Halle mit ihrem lauten Alleluia füllten. Das Meckern der Ziegen und das Zirpen der Grillen, während wir still um das Osterfeuer standen. Die Nachtluft, durch die wir mit Motorrädern rasten, und der schwarze Himmel über uns voller greller Sterne. Auf den Kibaale (Felsen) sitzend, den Busch unter uns. M. und ich im schüttenden Regen auf der lehmigen roten Hauptstraße laufend. Das Eintauchen ins blaue Meer unter einem sich zusammenbrauenden Gewitter. Der Duft von frisch vom Baum geschnittenem Zimt. Das Salz des Meeres auf den Lippen. Der Schreck in den Knochen, als ich beinahe auf eine schwarze Giftschlange getreten bin. Ein Tropfen Kokosmilch, der an meiner Hand herunterläuft. Zahlreiche Umarmungen links und rechts. Der Geruch des Priesters, als er mich zum Abschied lange umarmt. Der Moment, in dem mein bester Freund plötzlich am Tisch steht und ich mich erhebe, um ihn nach mehr als einem Jahr zu begrüßen. Kinder, die ihre gesalzenen und gerösteten Maiskörner mit mir teilen. Blut auf den Steinplatten vor der Schlachtwanne am Karsamstag. Tote Ameisen in meinem Zimmer und ein Betonboden, schillernd aufgrund der ausgefallenen Flügel derselben, die im Licht der Lampe starben. Das Quaken der Kröten bei heftigem Regen im Morgengrauen. Der rostige Geruch des Wassers aus der Dusche. Die Freude im Moment, wenn der Strom zurückkommt und die Lichter flackernd angehen. Schwarze, leise grunzende Ferkel am Wegesrand. Juckende Moskitostiche auf der verbrannten Haut. Reggae aus den Boxen der kleinen Shops. Mukka wange. Omuvireho. (Mein zweites Zuhause, ich vermisse dich.)

Donnerstag, 5. Februar 2015

Du nach links. Du nach rechts.

Meine Arbeit, dazu gehört. Menschen Bescheide vorlesen, in denen ihnen ein Aufenthaltsstatus zuerkannt wird. Und Menschen Bescheide vorlesen, in denen steht, dass sie nicht hier bleiben dürfen. Ein Flüchtling bist du nicht. Ein Asylant auch nicht. "Offenkundig" steht im Fachdeutsch. Offenkundig gehört das junge Paar mit den drei Kindern, die vor meinem Tisch sitzen und mich fragend anschauen, nicht hierher. Ich lese weiter vor, langsam, damit sie es verstehen können, denn ein bisschen Deutsch können sie schon, sie sind ja lange genug hier. Sie haben innerhalb einer Woche das Land zu verlassen. Tun Sie dies nicht, werden Sie abgeschoben. Ich blicke auf. "Es tut mir Leid", ist alles, was ich fertig bringe. Keiner weint, aber man sieht Sekunde für Sekunde, wie sich die Erkenntnis auf den Gesichtern ausbreitet. Wenn du diese Arbeit machst, gewöhnst du dich erstaunlich schnell an das Unrecht, was hier geschieht. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, wenn für den anderen in einem Moment alles in Scherben zerfällt. Du siehst das, was außen ist. Gefasstheit. Der Stolz, der auch nicht schwindet bei der schlimmsten Nachricht. Oder ist es Schock, der den Gesichtsausdruck einfrieren lässt? Ich bin mir bewusst, dass nicht ich verantwortlich für diese Entscheidung bin. Ich bin der Übermittler der Nachricht, die andere geschrieben haben, über die andere entschieden haben, die die Menschen hinter der Tischplatte nicht kennen. Dennoch, für sie bin ich die Person, die die Entscheidung mitteilt, der erste Mensch, der damit in Verbindung gebracht wird. Zu Wutausbrüchen mir gegenüber ist es noch nie gekommen. Sie verstehen schon, wer wirklich am Hebel sitzt. Aber die Stille. Die Fragen. Und was können wir jetzt tun? Ich muss sie auffangen. Eine Absage. Eine Zusage. Ein Schritt ins Leben. Zwei Schritte zurück in die Hölle. Ein Mensch muss sehr gute Gründe haben, warum er die Heimat für immer hinter sich lässt. Das ist kein Plan, der an einem Tag gemacht und am nächsten umgesetzt wird. Jeder Mensch hat sehr gute Gründe, warum er hierher gekommen ist. Das Warten auf die "Selektion", um einen drastischen Vergleich zu ziehen zu - du weißt was ich meine. Auch damals gab es Selektionen. Ins Leben die einen, in den (sozialen) Tod die anderen. Wer sind wir, darüber zu entscheiden, wer auf welche Seite muss?

Sonntag, 4. Januar 2015

Datenschutz

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Schneetreiben.

Wie kommt es, dass wir Menschen ständig auf der Suche sind? Wie kann es sein, dass es uns so schwer fällt, uns selbst zu finden und anzunehmen? Wir sind schon längst da und jeden Tag ein bisschen mehr. Wir verbauen uns das Wissen, was wir gerne tun und die Lust am Leben durch die modernen Kommunikationsmittel. Sie lassen uns ermüden, trimmen uns darauf, immer nur nach Unterhaltung zu gieren. Wo ist der nächste Gag, das nächste Bild? Ich will nicht lange Texte lesen, ich will genießen. In der Kürze liegt die Würze, das lernt man spätestens im Seminar zu wirksamer Öffentlichkeitsarbeit. Wir lassen uns mitreißen von einem Sog aus Spaß und Leichtlebigkeit, aber wird es uns dadurch leichter ums Herz? Ich lasse mich hineinziehen in den Sog und bin doch innerlich leer. Ein Lachen stiehlt sich nur selten von meinen Lippen, wenn ich einen weiteren Spot betrachte, der mich unterhalten soll. Ich giere vielmehr nach dem nächsten. Es ist pure Ablenkung von Pflichten, die ich eigentlich tun sollte. Die Stille ertrage ich nicht, ich brauche Musik oder Stimmen. Wie weit ist es schon gekommen, dass ich beinahe die Wirkung des Schnees vergesse, der lautlos auf die Erde fällt, mich meinen Körper in der Kälte neu spüren lässt, der sich vor unbehaglicher Kälte verkrampft und zusammenzieht. Wie könnte ich vergessen, wie der Schnee auf einzigartige Art und Weise die Geräusche meiner Umgebung abzudämpfen scheint und alles still werden lässt. Das denke ich mir, als ich auf dem beinahe leeren Bahngleis stehe und auf dich warte. Während Schneeflocken sich daumengroß auf meine Haare und in das Kunstfell meiner Kapuze setzen und ich den tanzenden kleinen Flecken in der Dunkelheit zusehe. Ich atme durch, denke laut diese Worte in meinem Kopf, befreie mich von der Wirklichkeit und tauche zugleich in sie ein. In diesem Moment spüre ich die Lust zu leben. Die Welt bleibt still, die Zeit tickt beinahe ungesehen weiter, doch ich achte nicht auf sie, sehe nicht mehr ungeduldig jede Minute auf die Uhr. Es überrascht mich fast, wie schnell plötzlich der rote Zug einfährt, deine Silhouette in einer raschen Bewegung an mir vorbeizieht, ehe ich dich aussteigen und mir entgegenlaufen sehe. Ich bin zuhause.

Samstag, 18. Oktober 2014

Von abgewandten Gesichtern und ausgestreckten Händen

Gestern habe ich ihn kennen gelernt. Er kam ins Büro, um sich eine Entschuldigung für seinen Sprachkurs abzuholen. Dann erzählte er mir, dass er an einem Fotoprojekt teilgenommen hatte. Flüchtlinge sollten Fotos von ihrem Alltag machen. Das Resultat sollte dann in einer Ausstellung zu sehen sein. Er lud mich höflich dazu ein, am selben Abend zur Ausstellungseröffnung zu kommen. "Sie sind mein Gast. Ich möchte Sie einladen." Ich sagte zu. Klang doch interessant. Am Abend hatte ich Schwierigkeiten, den kleinen Laden zu finden. Er war in einer Seitenstraße versteckt. Das Schaufenster leuchtete hell, ein paar Hipster standen vor der Tür und verabschiedeten sich mit Handschlag. Ich war nur 20 Minuten zu spät. Die Ausstellung füllte aber "nur" einen Raum. Da ich ihn auf Anhieb nicht fand, schaute ich mir die Fotos erst einmal alleine an. Viele Aufnahmen zeigten bekannte Gesichter aus der Gemeinschaftsunterkunft, in der ich bis dato gearbeitet hatte. Ich freute mich, sie hier auf Papier wiederzufinden, auch wenn sie leider nicht persönlich anwesend waren. Zwei großformatige Fotografien fielen mir auf. Das eine zeigte eine Frau auf der Theodor-Heuss-Brücke, die das Gesicht von der Linse abgewandt hatte und die Hand des Fotografen hielt. Da hat sich einer eine Freundin angelacht, dachte ich und ging weiter. Ein ähnliches Bild, jetzt in völliger schwarzer Dunkelheit. Eine andere Frau, aber dieselbe Haltung. Ich fragte mich, ob es sich um denselben Fotografen handelte. Zwei Frauen? Nicht schlecht. Ich ging weiter, an einem großen bunten Blumenstrauß vorbei. Farben verschwommen vor meinen Augen. Dann tippte mich jemand an. Das war er. Er freute sich augenscheinlich sehr, dass ich doch noch gekommen war. Ein bisschen vorwurfsvoll wanderten Blicke auf seine Armbanduhr. Ich entschuldigte mich für die Verspätung. Welche Bilder gefallen dir am besten? Ich sah mich um, alle hatten was. Ich deutete auf eins, das viele mir bekannte Gesichter hinter einem Lagerfeuer zeigte. Er schaute mich irritiert an, wirklich? Augenbrauen zogen sich zusammen. Ich war verlegen, deutete auf zwei andere. Offensichtlich nicht seine. Welche hast du gemacht? Er deutete auf die beiden großformatigen Fotografien der zwei Frauen. Ich war überrascht. Was zeigen sie? Sind das Freundinnen von dir? Er schüttelte den Kopf. Es soll heißen, ich fühle mich immer abhängig. Mir verschlägt es den Atem. Eine solche Antwort habe ich nicht erwartet. Ich sehe die Fotos erneut an. Jetzt ist es offensichtlich. Keine schaut dich an, beide ziehen dich hinter sich her. Du folgst wie ein Hund. Bist angekettet, um nicht abzustürzen. Die Brücke, eine Brücke wohin? In ein neues Leben? Die Dunkelheit, Ungewissheit. Keine Orientierung. Sie helfen dir, aber sehen dich nicht an. Unwürdig. Du hast deine Würde verloren. "Tolle Idee", murmele ich. Dann fasse ich mir innerlich an den Kopf. "Also, natürlich ist es schlecht, aber - eine tolle Idee, es umzusetzen." Ich könnte mich hauen. Mal wieder zu viel geredet. Er sieht mich ernst an. Wirst du wieder zu uns kommen? Ich habe diese Frage so viele Male gehört die letzten Wochen. Bedauernd schüttele ich den Kopf. Ich muss mich auf die Uni konzentrieren. Nächstes Semester vielleicht wieder. Dann aber in AB. Bei uns ist es besser, lenkt er ein. Komm zu uns zurück. Mal sehen, sage ich. Wir verabschieden uns. Er wirkt enttäuscht. Gerade kennen gelernt und wieder verloren. Wie betäubt verlasse ich den Raum. Zurück ins Menschengetümmel.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Sich nicht ablenken lassen...

...von dem, was WESENTLICH ist! Das ist gar nicht so einfach. Überall verfolgt mich die Werbung, im Fernsehen, an Litfaßsäulen, auf großen Leinwänden. Alle wollen mir zeigen, wie frau sich am schönsten anzieht. Wie ich mich benehmen soll, damit die Männer auf mich stehen oder mir hinterher sehen. Und sie lenkt mich ab davon, was wirklich wichtig ist. In der U-Bahnstation gibt es riesige Leinwände, auf denen ununterbrochen Werbung läuft oder Nachrichten komprimiert wiedergegeben werden. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich in leere Augen, fixiert von diesem ständigen Wechsel der Bildung. Ihr giert doch nach Unterhaltung. Nach Ablenkung. Warten haltet ihr nicht aus. Ihr seid so schnell gelangweilt. Atmet doch mal durch. Besinnt euch. Schaut euch mal um, wer da noch so steht. Von diesen leeren Blicken wird mir ganz schlecht. Wenn ich in der Bahn sitze, lächele ich manchmal mein Gegenüber an. Es ist schön, wenn dann ein Lächeln zurückkommt, oder wenn der andere zumindest den Blick hält. Dann ist noch nicht alles verloren. Andere senken den Kopf, und ich bin traurig. Tut dir dieser Blick weh? Ein Kontakt mit einer Fremden, ohne Forderungen? Deutschland ist ein so soziales Land, so offen für alle! Da klingt doch pure Ironie raus. Wir haben das Zusammensein verlernt. "Wir können auch Freunde sein", eine Überschrift über einen gemeinsamen Kochabend zwischen "den Deutschen" und "Flüchtlingen". Ätzend! Natürlich können wir das. Müssen wir das extra noch betonen? Lebt es einfach! Ich reiße mich immer wieder zusammen und versuche, die Hoffnung nicht zu verlieren. Ich will nicht jemand sein, der die ganze Zeit nur am Meckern ist. Wir müssen auch was ändern. Das kann jeder auf eigene Art. Den Kopf heben, Augenkontakt suchen, lächeln, oder einfach den Blick halten. Wenn im nächsten Augenblick ein Unglück passieren sollte, bin ich wenigstens nicht mehr allein in der fremden Masse.