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Donnerstag, 1. Februar 2018

Schlaflos

Ich liege im Bett. Die Heizung rauscht laut in meinen Ohren. Ich winde  mich und verdrehe meinen Körper vergeblich auf der Suche nach einer bequemen Position in meinem Bett, das viel zu groß für mich ist und mir doch keine Ruhe schenkt. Meine Beine schmerzen. Mein Hals ist eng. Draußen ein Auto. Sonst nur Stille. Es ist 2.00 Uhr nachts, ein neuer Arbeitstag droht mit einer Putzaktion gemeinsam mit Klienten. Der Frust ist vorprogrammiert. Ich schlucke.
Gedanken drehen sich im Kreis. Gedanken an dich, den ich verloren habe. Du fehlst mir gerade. Du hast mich immer geerdet, wenn alles gewankt hat um mich herum. Ich will dir schreiben. Schon bei dem Gedanken an dich kommen leise Tränen zurück, ohne zu fließen. Wo bist du, mein Hslt?
In dieser Woche hab ich meinen Halt verloren. Ich war von mir selbst überrascht. Zuerst eine Migräne, wie ich sie nie zuvor gespürt hatte. Sie haben mich von der Arbeit nach Hause geschickt. Zwei Tage später kehrte ich zurück. Dann die heftige Konfrontation einer Kollegin und eine handfeste Kontroverse. Ich sah mich in der Defensive für andere Kollegen einspringen. Ich ging aus dem Streit und war kraftlos. Ich war laut geworden, was ich selten tat. Ich schlief nicht in dieser Nacht. Ich grübelte. Am nächsten Tag, suchte ich das Gespräch mit meinem Chef. Ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Ich wusste, es ist ein Hilfeschrei, und dasss ich nicht mehr kann. Er war schockiert, erklärte, es sei meine Aufgabe, ihn zu warnen, wenn ich an meine Grenzen kam. Ich hatte das erst jetzt gemerkt, nach einem halben Jahr. Ich habe Kraft verloren. Aber ich will es doch nur gut machen. Heute dann erneut: klärende Gespräche, Versöhnung, dann aber eine weitere Kollegin und dieselbe Konfrontation erneut. Ich war wütend. Ich würde laut. Ich schrie. Ich schrie sie an und schrie meine Wut hinaus, mein Unverständnis, mein Gefühl, hier für alles und jeden zuständig sein zu müssen, meine Wut, meinen Frust. Ich verlor die Geduld. Die Geduld, die ich sechs Monste lang angespart hatte. Ich lies los. Es war mir egal. Fast egal. Ich lies sie nicht ausreden. Auch ich war jetzt jemand, der nicht korrekt handelte. Aber ich schiss auf Korrekt sein. Ich wollte meine Grenzen aufzeigen. Ich fühle mich nicht schlecht nun. Aber schlafen kann ich nicht. Denn ich muss verarbeiten, was ich diese Woche alles neues an mir entdeckt habe. Es schockiert mich, es macht mir Angst. Und es befreit mich. Es zieht auch Aufmerkssmkeit auf mich, das weiß ich. Aber das ist mir recht. Ich will lernen, für mich einzustehen und Nein zu sagen. Ich bin lange genug in dieser Arbeit, damit ich das nun darf. Eine Wende hat begonnen und mit ihr das Erkennen: ich kann es nicht allen recht machen.Sonst zerstöre ich mich selbst. Sonst lasse ich mich erdrücken, bis ich explodiere. Ich will leben für mich. Und dann für andere!!!!

Donnerstag, 25. Mai 2017

Für dich

Liebe M. Ich schreibe dir, weil ich es nicht mehr aushalte, deine Sorge um mich. M., ich bin dir dankbar für so vieles, was du mir gegeben hast. Du sagst, tu dir was Gutes. Du sagst, du kannst wirklich stolz auf das sein, was du bis jetzt erreicht hast. Du sagst, du hast so viele Stärken. Du sagst, du verstehst das falsch, Schatz. Die müssen froh sein, wenn du bei ihnen arbeitest, du musst dich nicht verkaufen. Du sagst, du bist klug, meine Große, aber naiv bist du auch. Du sagst, mach doch mal hier, wieder ein bisschen Musik? Oder dort, da gibt es ein afrikanisches Musikfestival, mach doch mal das? Ich denke, Mama, du gibst mir viel, so viel auf den Weg. Aber das hier, ist zu viel. Mama, bitte, hör auf damit, mir das Gefühl zu vermitteln, unkreativ mit meinem Leben umzugehen. Mama, ich brauche niemanden, der mir sagt, was ich tun soll. Mama, hör auf, mich immer noch entwickeln zu wollen. Ich bin 27, es ist mein Leben, es ist meine Beziehung, bitte hör auf, sie für mich und an meiner Stelle hinterfragen zu wollen. Bitte hör auf, mir Fragen zu stellen, auf die ich keine Antwort habe. Denn warum man sich verliebt, das kann man nicht rational erklären, genauso wenig kann man sagen, was man gemeinsam hat, und dann überrascht feststellen, dass es so wenig ist. Mama, meine Liebe lässt sich nicht rational erklären. Mama, ich weiß, du wünschtest, ich hätte es leichter. Aber ich bin hier, es ist jetzt mein Leben, bitte lass es mich so gestalten, wie ich will. Hör auf, das Beste für mich zu wollen. Ich weiß, was mir gut tut. Ich bin gerade nicht die Abenteurerin, die du dir wünschst, und ich bin auch keine Vollblutmusikerin, die sich nur in Musik frei machen kann. Ich mag Sport, und ich liebe Serien, ich mag es, mit meinem Freund zu sein, auch wenn unsere Ausflüge sich auf Pizza und 3 km Fahrradtour beschränken. Ich mag es, weil ich mit ihm bin. Bitte hör auf, mir einzureden, dass mich das nicht glücklich macht. Mama, ich schäme mich, wenn du mir vorschlägst, was ich unternehmen könnte. Ich schäme mich, weil es auch mein Bruder mitlesen kann, im Familienchat. Und es macht mich wütend und traurig zugleich, dass du mir so wenig zutraust. Mama, es verletzt mich, ich weiß nicht, ob du das verstehst. Es verletzt mich, weil du mir durch die Blume sagen willst, dass du nicht zufrieden bist mit dem, was du in mir siehst. Eine Frau, die sich nicht so entschieden hat, wie du dich entscheiden würdest. Ich genüge wohl deinen Ansprüchen einer sich selbst frei entfaltenden Frau nicht. Mama, hör zu. Es geht mir gut. Ich bin zufrieden. Was mich traurig macht, ist, wenn man mir das Gefühl gibt, enttäuscht von mir zu sein. Ja, ich nehme eine ähnliche Stelle an wie zuvor. Warum? Ich will nicht Schichten schieben wie mein Freund, sodass wir uns noch weniger sehen als sowieso schon. Ja, Mama, für mich hat das Priorität genauso wie, dass ich hier bleiben möchte. Mama, ich hab mich für die Liebe entschieden. Und nein, ich weiß nicht, wohin mich diese Beziehung führt. Ich weiß sehr genau, dass es nicht leicht ist, aber er ist meine Liebe und ich will nicht ohne ihn. Mama, auch wenn es dir nicht passt, weil scheinbar alles zwischen uns beiden nicht passt, ich will es. Mama, es geht mir gut, solange du nur aufhörst, Druck auf mich auszuüben, als wäre ich die kleine Tochter, die nicht wüsste, was gut für sie ist. Mama, ich brauche die Sicherheit dieser Beziehung, und ich brauche die Sicherheit einer vertrauten Arbeit. Mama, lass mich los, Lass deine Erwartungen los an Familie, Heirat, Enkelkinder, das wird so schnell nicht passieren. Lass, mich, los! Bitte. Ich liebe dich. Lass mich gehen.

Freitag, 2. September 2016

Ich lasse los. Ich lasse los. Geh. Geh. Geh. Du bist frei. Ich bin frei. Ich sage alles, nichts ist zu viel. Nichts zu verlieren. Alles egal. Ich bin zurück in mir selbst. Ich bin. Ich bin. Ich bin. Ich bin wieder ich.

Endstation Kosovo

Sie sitzen im Hof, um eines der Spielgeräte herum. Vor ihnen liegen große Zeichenblockblätter. Die größte malt einen Schmetterling in leuchtenden Farben, er bedeckt das ganze Blatt. Ihre kleinen Geschwister versuchen, es ihr nachzutun. "Guck mal, was macht er denn da?", fragt sie mich, und zeigt auf ihren Bruder. Er hat große blaue Punkte auf das Spielgerät gemalt. "Ich war hier..." Geht es mir durch den Kopf, während ich seiner großen Schwester ein Blatt stehle und es ihm unter die kleine Hand lege. "Schön sieht das aus", sage ich geistesabwesend, während ich in Gedanken schon beim nächsten Schritt bin. Die nächsten Worte kommen langsam und in einfacher Sprache. Der Flug geht... Diese Woche... Tickets abholen... Sozialamt... "Was, nicht in drei Wochen?" Wie das Sozialamt zunächst als Frist angegeben hatte. Frist bleibt Frist, davor ist alles möglich, verstehe ich..."Nee. Diese Woche." Ihre Augen werden kurz groß vor Erstaunen. Sie bleibt ernst. Ihre Geschwister reagieren kaum. Ob sie das ihrem Papa genauso sagen wird? Und der Mama? Ja, wird sie. 
Ich verabschiede mich. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja wieder. Ein wenig spöttisch fragt sie, wieso ich das denn gesagt habe. Vielleicht bekomme ihr Vater ein Arbeitsvisum, das könne man ja nicht wissen.  Ich schlucke, weil ich merke, dass sie mir nicht glaubt und ich mir selbst auch nicht. 
Auf dem Weg zurück ins Haus kommt mir die Mutter entgegen. Sie ist zurück aus der Stadt. Ich hole nochmal Luft, um die Worte zu wiederholen. Sie ruft ihre Größte zu sich, zum Übersetzen. Sie hat ein ruhiges schönes Lächeln, ein junges Gesucht, blonde halblange Haare, trägt Lippenstift in Pink. Ich erkläre ihr erneut alles, das Mädchen hilft mit. Ich umarme sie, sie küsst mich auf die Wangen und wir halten uns einen Moment lang fest. Als wir voneinander zurückweichen, hält sie meine Hände. Ich drücke sie. Es wird alles gut, flüstere ich. Es wird alles gut. Es wird alles gut. Ich denke an ihren großen lieben Mann, der Depressionen hat und sich so leicht aufregt.  Kurz schießt mir durch den Kopf, ob er sich nun etwas antun könnte. 6 Tage, um einen Haushalt aufzulösen, in dem drei Jahre Lebenszeit stecken. 6 Tage, um sich von Freunden und Klassenkameraden zu verabschieden. Ich frage mich, ob sie denselben Gedanken hat. Ich sehe Tränen in ihren Augen. Sie lächelt immer noch, bedankt sich. Ich lächele zurück.
Ich weiß nicht mehr, was danach passiert ist. Ich finde mich im Büro wieder und fluche. Die Gesetze haben ein weiteres Mal das Leben einer Familie in Deutschland beendet. 

Donnerstag, 28. Juli 2016

Voice within

Können wir keine Anarchisten sein, weil wir das Gesetz nicht genug lieben? Ja, oder man könnte auch sagen: Wir können keine Anarchisten sein, weil wir zu wenig das Gesetz achten, das in uns verankert ist. Wenn also alle Menschen sich auf ihren Verstand und ihren Gerechtigkeitssinn verlassen würden, wenn sie dafür also mehr in sich hinein lauschen und ihrer inneren Stimme – Gott? - ihr Gehör schenken würden... wenn sie mehr reflektierten... dann bräuchten wir niemanden, der mit Macht Gesetze, festgeschriebene Gesetze durch Strafen durchdrücken würde. Was aber bringt uns davon ab, auf diese Stimme zu horchen? Der Verlust des Glaubens an Gott... das Wachsen von Gier und Lust auf Unterhaltung... die Flucht vor sich selbst, hin in eine Welt der Ablenkung. Nicht umsonst sagen viele: ich hasse es, alleine zu sein. Dann kommen die bösen Geister wieder, ich mache mir Sorgen, meine Ängste stürzen auf mich ein, Selbstzweifel befallen mich. Wir fliehen vor uns selbst, weil wir Angst haben vor einer Konfrontation mit unseren Gefühlen, vielleicht auch vor der inneren Stimme, die uns unsere Schuld und unser Versagen in vergangenen Situationen zutage bringt: wie konntest du mit vollen Taschen an diesem Bettler vorbeispazieren, ohne ihm etwas abzugeben oder etwas Geld zuzustecken? Warum hast du nicht die Türe aufgehalten für diesen Menschen, der es so eilig hatte, in die Bahn zu springen? Warum hast du nicht ehrlich gesagt: Ich werde nicht mehr telefonieren, wir haben uns doch soeben alles erzählt, und ich habe Angst vor der Stille, die entsteht, wenn wir uns nichts mehr zu sagen haben. Lass gut sein, in einem Monat wird wieder etwas passiert sein, worüber man sich berichten kann.

Die innere Stimme, wann höre ich sie?

Mittwoch, 27. Juli 2016

Sichtbar werden

Ich solle herausfinden, wer ich wirklich bin. Ich solle mich aus meinem Versteck heraus bewegen. Ich solle mich nicht mehr ständig für Dinge entschuldigen. Woher das denn überhaupt komme, fragt sie mich. Ich weiche Konfrontation aus, rate ich. Ich will dem anderen den Wind aus den Segeln nehmen, bevor er auf mich losgehen kann. Und ich höre selbst, wie seltsam das klingt. Woher kommt dieser Gedanke, dass Dinge, die ich sage, falsch sein könnten? Ich weiß nicht, ob es mir hilft, die Ursachen dafür zu suchen: Situationen in der Kindheit, "Schuldige". Es bewegt mich ja doch nicht voran. Was ich brauche, ist Mut und ein Bewusstsein für mich selbst. Ich muss mir meiner Gedanken bewusst werden und meiner Taten. Man hat gesagt, das ist die Königsregel der Selbsterkenntnis: jeden Tag aufzuschreiben, was man getan, was man gefühlt hat. Ich stoße am Ende des Tages noch mal mit mir zusammen. Ich merke, ich bin 26 Jahre alt. Und dennoch, ich bin noch nicht in mir angekommen. Dabei gibt es schon längst Konturen, die mich ausmachen. Das äußere ist definierter denn zuvor, das Innere ist ein Chaos, kaum beachtet, kaum geordnet.
"Sie weiß nicht, was sie will", sagen sie über mich und meine Beziehungen. Vielleicht ist wirklich etwas dran, und ich habe schlicht zu selten Stellung bezogen, aus Sorge vielleicht, den anderen dadurch ein Stück oder ganz zu verlieren, weil ich uneinig bin mit ihm, in einem Punkt. Stattdessen haben sich Launen untergründig und ungeordnet entladen, ließen den anderen verwirrt, verzweifelt zurück. Ich hatte nicht über mich nachgedacht, habe viel unterdrückt, was dann ungebremst irgendwann heraus kam, den anderen überraschend. Es sind Verhaltensmuster, die ich immer noch ändern kann und möchte. Dafür muss ich aber bei mir selbst anfangen, und den Mut haben, mich meiner eigenen inneren Stimme zu stellen, und Position zu beziehen, auch nach außen hin. Ich will meine Konturen schärfen, für mich und für andere. Mich aus dem schälen, was nur Tarnung ist, mich aus der Haut streifen wie Tiere, die darunter eine neue gebildet haben. Aus dem Kokon erwachen.

Freitag, 20. Mai 2016

Geh endlich nach Hause! Allah passt ja auf.


"Geh endlich nach Hause! Allah wird am Wochenende auf deine Leute aufpassen." Buchstaben flimmern mir auf meinem Display entgegen, während einzelne vertraute Busstationen an meiner Seite vorbeiziehen. Erste Melodien tönen in meinen Ohren, ich erhöhe das Volume, lehne mich zurück. Die Augen geschlossen spüre ich Tränen erneut aufsteigen, unterdrücke sie aber. Ich sehe auf, ein fremdes Augenpaar hat mich beobachtet. Ich schaue weg, es muss keiner meine Emotionen erkennen und deuten müssen. 10 Stunden auf der Arbeit, 15 Minuten Pause, die ich mir gegönnt habe. Kein Wunder, dass sich die Chefin aufregt. Gesund ist das nicht. Nein sagen kann ich nicht. Nicht, bis die Bürozeit beendet ist. Nachfragen von Behörden, Bitten um Gefallen, Widerstand. Der Tag ist Routine in dem Sinn, dass man nicht ahnt, was alles passieren könnte. Hätte ich ahnen können, das zwei Männer beinahe aufeinander losgegangen wären, hätte ich ahnen können, dass ich mich dagegen sträubte, die Polizei zu rufen, und ihnen stattdessen beigewohnt hätte, bis sie sich auf wundersame Weise wieder vertragen und einander zum Frieden die Hand geben würden? Ist Versöhnung also die Zeit nicht wert? Ist nicht heute etwas geschehen, was beide Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion wieder zusammengeführt hat? Mich packt die Faszination. Aber es ist der persönlichere, beschwerlichere, längere Weg, den ich gehe und er zehrt mir an den Kräften. Ein Mann ist vor mir im Zwiegespräch in Tränen ausgebrochen, er lässt alles los, alles kommt raus, ich bin überwältigt von so viel Überdruss, Verzweiflung, Nähe, Worten, die so gut verstanden werden. Sie liegen wie Scherben zwischen uns auf dem kalten Boden, wir sind beide fassungslos. Er entschuldigt sich immer wieder, schämt sich, wie könne es denn angehen, dass er in einem fremden Land unter Fremden vor einer jungen Frau in Tränen ausbrechen und sich so verletzlich machen könne. Ich bin platt. Gehe ins Badezimmer, spritze mir Wasser ins Gesicht, einmal, zweimal, dreimal, trinke Wasser aus dem Leitungshahn, wische die verschmierte Wimperntusche ab, mag mir kaum in die geröteten Augen sehen, das kann ich jetzt nicht bringen, auch noch die Fassung zu verlieren. Da fehlt ja dann komplett die Fähigkeit das noch aufzufangen. Ich setze mich. Wir sehen uns in die Augen. Er merkt sofort, dass es auch was mit mir macht. Es ist unangenehm, ich reiße mich zusammen. Später wird er, werden sich beide bei mir entschuldigen, für was denn, verdammt? Es war wichtig. Es ist gut. Ihr habt euch versöhnt. Lasst uns zur Ruhe kommen und hoffen, dass der Sturm nicht mehr losbricht. Wir schließen einen Pakt. Kein Problem mehr bis Montag. Wir geben einander die Hand wie Kinder. Waffenstillstand. Ich hole tief Luft. Schließe die Tür hinter ihnen. 5 Minuten später werde ich wieder öffnen. Eine Flut neuer Anfragen. Aber auch viel Geduld. Respektvolles Miteinandersein. Vertrauen ist wie eine Pflanze, die wächst, nur wenn man sie pflegt.
"Du kannst ja fast jeden Namen hier", sagt einer mir später. Du bist ja auch kaum hier, gebe ich freundlich zurück, bist ja ständig unterwegs. "Du hast ein gutes Gedächtnis. Ich habe deinen Namen schon wieder vergessen. Siehst du. Bitte schreib ihn auf." Ich lächele. Später wird einer mich fragen, ob er mir Arbeit abnehmen kann. Ich gebe diesem Chaoten dankbar ein paar Botendienste ab und bin ein wenig stolz, dass er sich so positiv entwickelt hat. Später wird einer fragen, ob ich noch einen Kaffee möchte. Ich werde dankend annehmen. Später wird mich eine fragen, ob ich mit ihr Pizza essen möchte. Sie hat gerade gebacken, für mich und ihren Mann. Später wird mich ein Mädchen in ihr Zimmer bitten und mir ein Glas Wasser anbieten. Ich muss viel zu schnell weiter. Später werden mir Menschen über den Rücken streichen und die Schulter klopfen, während ich einen letzten Gang durch die Flure unternehme. Lächeln. Dankbarkeit. Später werden sie mir "Ein schönes Wochenende", wünschen und ein kleines Mädchen wird mir schreiend und lachend hinterherlaufen, ich werde meine Arme ausbreiten und sie wird hineinfallen, wie ein wildes Flugzeug. Ich werde sie in die Luft heben und sie dann absetzen, und sie fort von der gefährlichen Schnellstraße wieder zu ihrer Mutter zurücklaufen lassen. Verstehst du, das ist Leben dort. Freude und Leid nebeneinander. Welch ein Glück es ist, wenn der Boden von dem nassen Wischmop glänzt, Menschen nebeneinander draußen in der Sonne sitzen und gemeinsam Tischtennis und Fußball spielen. Welch ein Glück, wenn Friede ist und du Teil davon sein kannst. Die Kunst ist der Abstand. Das Sparen der eigenen Kräfte. Ich schließe erneut die Augen. Der Geruch von Shisha immer noch in meiner Nase, wie man sie vor dem Haus geraucht hat. Ich atme ein. Loslassen jetzt. Gott passt ja auf. Ich atme aus. Wochenende.