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Sonntag, 29. September 2013

Über die gemeinschaftliche Nutzung von Küchen. Oder: den Mut, Ehrlichkeit zu riskieren.

Das Teilen von Küchen mit 13 anderen Personen beinhaltet ein natürliches Konfliktpotential, gerade dann, wenn hier unterschiedliche (Reinlichkeits-)Kulturen aufeinandertreffen, die nicht mal unbedingt abhängig von der nationalen Herkunft Teil der Bewohner sind. Da gibt es a) den Sauberkeitsfanatiker. Er erwartet, dass die Küche zu allen Zeiten picobello sauber ist, Töpfe und dazugehörende Deckel ordentlich sortiert und gestapelt sind, Herdplatten frei von jeglichen Rückständen sind, das Innenleben des Backofen nicht einen Brotkrumen offenbart, der Müll keinerlei Geruch aussondern darf. Abgespültes, aber nicht weggeräumtes Geschirr betrachtet er als Schmutz, der das Küchenbild stört. Auch Wasserflecken sind schließlich Flecken. B) gibt es den weitaus toleranteren Normalspüler. Auch er legt einen gewissen Wert darauf, dass die Küche nicht im Siff versinkt, ist jedoch tolerant gegenüber Fettspritzern, stehengelassenem Geschirr - sofern es sauber ist -, stehengelassenem Geschirr - sofern Aussicht darauf besteht, dass es in Kürze bzw. bis zum nächsten Morgen beseitigt wird und nicht jegliche Möglichkeit verstellt, Arbeitsflächen zu benutzen -, leeren Flaschen vom Vorabend, Pizzakrumen neben dem Backofen, wild zusammengepresstem Papier in der Abfalltonne. Denn dies zeigt ihm, hier findet Leben statt, wir sind Studenten und keine Perfektionisten, es gibt wichtigeres im Leben, als sich über verschmutzte Küchen aufzuregen. Grenzwertig wird es für ihn erst dann, wenn c) der Chaot auf den Plan tritt. Dieser zeigt nach außen das Bild von jemandem, der sich seine eigenen Regeln aufstellt und dabei höchst wenig Rücksicht auf seine Mitbewohner nimmt. Er lässt alles stehen und liegen, versucht maximal oberflächlich Ordnung zu schaffen, indem er seine Gebrauchsgegenstände nicht wahllos in der Küche verteilt, sondern in einer dunklen Ecke stapelt. Er bedient sich der Lebensmittel seiner Mitbewohner, hinterlässt einen starken Essensgeruch in der Küche, sucht wenig Anschluss, macht einfach sein Ding. Für ein Gemeinschaftsleben, wie es ein Flurzusammenleben erfordert, ist er eigentlich nicht geeignet.
Wozu aber führt die Kollision dieser drei Typen? Dazu, dass es Konflikte gibt: der Sauberkeitsfanatiker zieht in Abwesenheit des Chaoten über denselben her, Verdächtigungen werden sofort kommuniziert und weiterverbreitet an alle, bis auf den betreffenden. Der Chaot wird vom Mensch zum Tier deklariert, Unverständnis, Ekel, Meiden folgen. Der Chaot bekommt von alledem nichts mit, weil was fehlt? Der Mut, Ehrlichkeit zu riskieren. Der Mut, ihn direkt auf seine Säumnisse anzusprechen. Nun frage ich: ist der Normalspüler ein Optimist, nur weil er die Sauberkeitsfanatiker (und deren Mitläufer, Gruppe d), die Gruppe der Ja-Sager)dazu ermuntert und auffordert, den Chaoten auf seine Fehler hinzuweisen? Wo liegt die Gemeinschaft und Integration, wenn er nur ein "Das haben wir ihm schon so oft gesagt" und "Ich glaube, das macht der eh nicht" entgegengeblafft wird? Wieviel kostet mich der Versuch, ihn trotzdem zu bitten? Käme ich mir nicht auch verarscht vor, wenn Leute mich lieber gar nicht erst fragen, weil sie sich meine Reaktion bereits fest vorstellen zu können glauben? Warum sind wir so unehrlich zueinander, wenn es um einen Konflikt geht, der eine Mauer zwischen uns aufbaut? Warum sind wir angstvoll, wenn es darum geht, etwas Schwieriges anzusprechen? Warum sind wir so gnadenlos, wenn wir uns einmal auf einen Stereotypen verfestigt haben?
Lasst uns frei werden und den Mut haben, unsere Mitmenschen anzusprechen und mit ihnen zu sprechen. Wirklich jeder geht daraus positiv hervor. Der Sauberkeitsfanatiker hat ein reines Gewissen und hoffentlich auch eine reine Küche, der Chaot hat für das Zusammenleben etwas dazugelernt und der Normalspüler hängt nicht länger zwischen zwei Stühlen.
HABE MUT, ANZUMERKEN!

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