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Freitag, 16. Juli 2021

Über Wutausbrüche und Kolonialismus

Ich habe nie gesagt, dass es einfach wird. An manchen Tagen möchte ich explodieren und alles hinschmeißen und gehen. Dann erinnere ich mich: ich habe dich geheiratet, ich habe Ja zu dir gesagt. In guten und in schlechten Tagen. Da gibt es kein: ich hab keine Lust mehr auf das alles. Da ist ein "Ich stelle mich dem, ich halte das jetzt aus, ich kläre das mit dir" nötig. Niemand hat mir gesagt, dass das leicht wird. Es ist manchmal verdammt schwer. Es ist Arbeit. Es ist Verständigung. Es ist Wut und Tränen, es ist Freude und Lachen, es ist Liebe und Nähe. Es ist Vergebung und Verständigung. Verständigung, verdammt schwierig manchmal: wir kämpfen um die richtigen Worte. Dir fehlen sie manchmal, meine Sprache begrenzt dich in deiner Ausdrucksweise. 

Ich weiß immer noch nicht viel über deine Heimat, war nie dort, höre nur von dir darüber. Vieles bleibt im Moment noch im Dunkeln. Für mich und mein Bild, meine Erwartungen von einem Lebensstandard, eine Herausforderung: zu akzeptieren, dass es woanders andere Lebensentwürfe gibt. Zu respektieren, dass du nicht alles aufgeben kannst. Immer wieder, wenn ich deinen Zorn spüre, den du auf die Kolonialmächte hast wegen dem, was sie deinem Land angetan haben, muss ich mich daran erinnern, wie sehr sich die Geschichte deines Landes von der meines Landes unterscheidet: du kommst aus einem Land, das bis heute unter den Folgen des (Neo-) Kolonialismus leidet. Es ist seiner Bodenschätze beraubt, seine Einwohner*innen leben nicht selten in Armut, Arbeitslosigkeit, ohne staatliches Hilfssystem und so mancher verschwindet zwischen Drogen und Kriminalität. Du sagst, man findet dort höchstens als Mann einen Job - als Frau muss man schon eine Ausbildung gemacht haben, um überhaupt eine Arbeit zu finden. Ansonsten wird man ausgebeutet - 12 Stunden Arbeit für 10€ am Tag. Ich kann es mir nicht vorstellen, mir ist das alles fremd. Manchmal wandelt sich der Zorn, den ich bei dir spüre, bei mir in Frust, Ärger, und Vorurteile: ich sehe nur einen wütenden Mann, der sich von seinen Gefühlen mitreißen lässt, der den Kapitalismus verflucht, und die Zusammenarbeit diverser Weltmächte, die Ressourcen plündern und sich erlauben, zu bestimmen, wem denn nun welcher Teil der Sahara gehört. Als ob Australien zu uns käme und sagen würde: der Rhein gehört bis zum Kilometer XY zu euch Deutschen, der Rest bleibt aber bitte Frankreich. Was geht denn da ab? Wer nimmt sich denn hier dieses Recht heraus, über eure Grenzen zu bestimmen? Sollte es nicht Sache der betroffenen Länder sein, dies miteinander auszuhandeln? 

Deine Familie, dein Land, sie klammern sich an die Religion, die ihnen Kraft gibt, dort, wo Armut, Ausbeutung und Perspektivlosigkeit herrschen. Du verteidigst sie und klagst zugleich diejenigen an, die euch das angetan haben. Manchmal lässt du dich davon mitreißen, und ich mache dicht, ich halte so viel Vorwurf nicht aus, fühle mich erinnert an Verschwörungstheoretiker. Ich verstehe aber auch: ich durchblicke nicht alles, es mag sein, dass du mit vielem Recht hast, und ich gerne die Augen vor diesem abstrusen Neokolonialismus verschließe. Auch mich machen diverse politische Akteure wütend, vielleicht nur aus anderen Gründen: weil sie die Klimapolitik nur halbherzig verfolgen, sich immer wieder von Wirtschaft und Automobilindustrie und Kohlebau einlullen lassen und unsere Erde an die Wand fahren. Das macht mich wütend, es sind also einfach unterschiedliche Themen, die wir haben. 

Wichtig ist es für uns, nicht die Nerven zu verlieren und auch immer wieder zu uns zurückzukehren. Verständnis aufzubringen für die Wut des anderen, auch wenn mir das manchmal schwer fällt. Aus dem Strudel des Frusts auch wieder herauszukommen, zu überlegen, was können wir im Kleinen tun, was können wir tun, um uns und einer kleinen Gruppe anderer etwas Gutes zu tun. Die Wut in produktive Energie umwandeln, um uns nicht davon zerfressen zu lassen. Aufpassen auf uns. 

Du sagst: Warum weinst du? Warum bist du nun wütend? Wir haben nur geredet. Du sagst auch: Es tut mir leid, manchmal werde ich so wütend, ich weiß nicht mehr, was ich sage. Ich sage: Ja, es ist zu viel, was ich da an Wut bei dir spüre. Ich ertrage das nicht. Es schafft mich und raubt mir die Kraft. Finde einen Punkt. Verliere dich nicht darin. Obwohl es ja gar nicht gegen mich gerichtet war. Du würdest kein Wort gegen mich richten. 

Und so raufen wir uns zusammen. Fangen einander auf. Federn vom Boden ab. Gehen weiter unseren Weg zusammen. Und hinter jeder Biegung wartet Neues, das es zu entdecken gilt.

Freitag, 3. April 2020

Mittagspause auf Ungarisch

"Ich glaube an Gott. Aber ich bin nicht an der katholischen Kirche verhaftet." Ich stocke kurz und setze dann fort. "Aber was ich liebe, ist die Osternacht. Bei meinen Eltern auf dem Dorf", sie leben im Kraichgau, "da versammeln wir uns dann immer um das große Osterfeuer in der Nacht. Alles ist dunkel. Dann ziehen wir in die Kirche, die ebenfalls dunkel ist. Und dann, von Kerze zu Kerze, wird es heller." Sie nickt, lächelt und ihr Blick wandert von meinem Gesicht Richtung Fenster. Ich nehme einen Schluck Kaffee. Sie atmet tief aus, beseelt. "Ja, ja... und weißt du, am meisten liebe ich die Glocken, wie sie dann nachts zu läuten beginnen." Sie schaut mich wieder an, und ihre blauen Augen fangen in dem sonnengebräunten, strengen Gesicht zu strahlen an. Kleine Lachfalten erscheinen um ihre Augen, als sie weitererzählt. "Damals, als wir noch in Ungarn gelebt haben, das war ein großes Fest. Alle waren da. Das hat mich berührt." Ich lächele. Sie fährt fort. "Und dann, dann konnten wir es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Und weißt du, warum?" Ich warte auf sie. "Weil sich alle auf diesen Tag vorbereitet hatten. Meine Großeltern haben Fleisch geräuchert, die ganze Fastenzeit hindurch. Wie nennt man das auf Deutsch..." Sie zögert. "Vielleicht eine Art Schwartenmagen. Es war köstlich! Und die Zwiebeln dazu. Rote Zwiebeln. Die werde ich nie vergessen. Zwiebeln so süß wie kleine Äpfel. Das glaubst du nicht! Das war so köstlich. Das ganze mit frisch gebackenem Brot." Sie seufzt. "Wir waren so glücklich. Das fehlt mir. Heute geht das alles verloren." Ihr Blick verhärtet sich, Sorgenfalten legen sich über ihre Stirn. "Die Menschen verlieren den Kontakt zu ihren Traditionen, sie wissen nicht mehr, woher sie kommen. Alles ist so modern, es zählt nur noch, shoppen und Party machen. Das gefällt mir nicht." Sie hält inne. "Weißt du, was mich fasziniert hat? Wie Muslime den Ramadan feiern. Da gibt es ganze Filme darüber. Das hat mich so berührt, wie diese jungen Menschen alle zusammen kommen und feiern. Die leben ihre Tradition dort. Das brauchen wir auch."

Montag, 30. März 2020

Was ich suche, ist Struktur. Was ich suche, sind Ziele. Ich komme nicht an. Wo will ich denn hin? Tausend Ideen, keine zu Ende gedacht. Mir fehlt Energie, um angefangene Dinge fortzuführen. Energie? Vielleicht auch nur Motivation. Ich sehe nicht das große Ganze. Und das, obwohl ich das Gefühl habe, dass ich ein enormes Potential hätte. Aber wo will ich hin? Worin vertiefe ich mich? Wo liegen meine Stärken? Es sind mir zu viele Fragezeichen und zu wenig Aktion. Ich muss irgendwo anfangen. Vielleicht, indem ich irgendwo aufhöre. Ja, das könnte es sein. Ich muss verstehen, wohin ich meine Zeit verschwende. Das sind ehrlicherweise schon die Filme und Serien.
Ich muss mir Dinge aufschreiben und sie mir dann vor Augen halten. Das, und das, und das werde ich morgen angehen. Ja, vielleicht braucht es tatsächlich eine halbe Stunde am Abend, die ich mich an meinen Schreibtisch setze und nach vorne schaue. Und vielleicht braucht es das, was ich jetzt tue, indem ich nach hinten schaue. Dabei fällt mir auf, es fehlt, dass ich in mich reinschaue. Was brauche ich eigentlich gerade? Wie fühle ich mich? Mir ist warm, aber Fieber habe ich nicht. Mir ist ein bisschen Schleim im Hals und ich habe Verspannungen, die sich über den ganzen Rücken, Nacken und bis hin zum Kreuz erstrecken. Auch die Ober- und Unterarme sind davon betroffen. Muskelkater von der Gartenarbeit. Noch so ein unerledigtes Projekt. Die Samen liegen bereit. Es gestaltet sich nur mühsamer, als ich es mir vorgestellt habe, so ein kleines Beet angemessen vorzubereiten. Hat mir vorher keiner gesagt, dass es so anstrengend werden würde. Ich glaube, ich muss hier raus. Den Kopf freibekommen. Ich kann nicht abschalten, es ist zu warm hier im Zimmer.

Dienstag, 18. Februar 2020

Eier in der Pfanne

Du stehst am Fenster und erzählst mir von deiner Jugend. Ich liege ausgestreckt auf unserem nächtlichen Lager. Es ist einer unserer besseren Momente. Ich lasse vor Lachen mein Weinglas kleckern, rote Flecken landen auf meinem T-shirt.
Ich erzähl dir eine Geschichte, sagst du. Damals, als ich das erste Mal Wodka probiert habe. Die Party einer Klassenkameradin. Deine Freunde wollten nicht mittrinken, du trankst alles alleine. Du kamst heim, kurz bevor der Muezzin singen würde. Leise öffnetest du die Tür... im falschen Stock. Dein Nachbar völlig verwundert: was willst du, Junge. Enschlllgung, enschlgng, flüsterst du lachend. Trittst verschämt den Rückzug in die höhere Etage an. Leise, die Tür, leise, der erste Schritt... und du stolperst über den Perser-Teppich. Wie Jesus hat es dich hingelegt, Arme und Beine von dir gestreckt, sieht dich deine Mutter dort liegen, die sogleich aus dem Bett kommt. In dieser Nacht, habe sie dich nicht schlafen gelassen. Fünf mal, sechs mal sei sie an dein Bett gekommen, um dir die Decke vom Kopf zu ziehen und dich zu schelten. Wir lachen und lachen.
Noch eine, noch eine, bitte ich.
Du zögerst. Die Glut fällt in den Wind. Ja, da war das mit den Eiern. Betrunken seist du nach Hause gekommen und mit einer Menge Hunger. Du schlichst dich in die Küche und begannst, eine Pfanne zu... nun ja. Die zwei Eier fanden ihren Weg in die Pfanne. Nicht so die Hitze. Das Gas war an, das Feuer vergasest du. Minutenlang hättest du wütend die Pfanne geschwenkt und schließlich resigniert aufgegeben. Die Eier landeten im Müll. Dein Bruder - die Ruhe in Person, saß in einer dunklen Ecke und sah dir dabei zu. Die ganze Zeit. Und kein Ton. Das, sagst du, ist mein Bruder. Und schmeißt dich vor Lachen weg.

Refugee camp: Thoughts about greeting

I answer hate with love,
I never lose my mind.
No matter what you look like,
Which color you have,
I will greet you with a smile.
I will say Hello to you.
And I never get tired.
Even after three years in the camp,
I will never grow tired,
of saying hello to a person,
that is crossing my path.
How could I pass you without saying:
Hello!
How are you?
Even if I'm shy,
and I surely am an introvert,
I will never grow tired of saying
Hello, and how are you?
They can't break my smile.
And guess what?
I always get a smile and a hello as an answer.
People won't hate me.
Because I make a difference.
I'm seeing you as a person,
that is crossing my path.
You may be an old woman with Hijab
and worries all over your face.
You may be an old man with no language,
just saying Salaam and answering with laughter and "Hello, hello".
You may be a young woman with a little child,
far away from your husband, maybe got raped.
You may be a young man, who had to leave his family back home,
insecure and without good friends here.
You may be a child,
laughing all over your worried face.
I don't mind, who you are.
The sun shines through you,
when I greet you,
and it reflects in my eyes,
when you smile back to me.
We connect.
With no effort.
Just caught up in humanity.
I love your smile.

Dienstag, 11. Februar 2020

Sure looks good to me

Ich fühle mich kraftvoll und gepusht. Ich lese wieder einmal: Bestätigung meiner Arbeit und meines Menschseins darin. Ich tue meinen Job gut, denn: dieses mal seien es die Iraker. Sie haben untereinander über mich gesprochen. Du erzählst: viele Leute mögen dich. Du bist freundlich, du bist eine Schönheit. Ich fühle mich gut, wenn ich ehrlich bin. Ich möchte nicht abhängig sein von solchen Komplimenten, wirklich nicht. Aber ich bin ehrlich, es ist schön, das zu hören. Ich bin am richtigen Ort.
Sie sagen, du bist hier nicht richtig. Es gibt zu viele schlechte Menschen um dich. Ich sage, nein. Ich glaube, ich bin hier genau richtig. Weil ich die Gabe habe, aus Menschen ihre beste Seite nach außen zu kehren. Ich denke das zumindest. Weil ich in Menschen gerne erst mal nur das Gute sehen oder entdecken will. Und ich daran glaube, dass dieser Plan aufgeht, wenn ich jeden Menschen mit der Würde betrachte, die er in sich trägt. Schenke Respekt und ernte Respekt. Es ist Teil meiner Arbeit. Es heißt nicht, dass es mir immer gelingt, jedem mit der gleichen Aufmerksamkeit und Fürsorge zu begegnen. Dafür sind es leider zu viele. Und das ist vielleicht am schwersten zu ertragen. Aber es ist mein Ziel. Nicht mich lustig machen, wenn jemand neben der Spur ist. Dieser Mensch ist immer noch da. Manchmal hält er sich nur gut versteckt. Oder er ist verletzt. Aber er ist immer noch da. Menschen haben eine weitere Chance verdient. Manches Mal habe ich Menschen getroffen, die fast oder die tatsächlich kriminell geworden sind, und die ihre Fehltritte bereut haben. Einige haben es im zweiten Anlauf geschafft, mit allen Kämpfen, die sie damit gegen sich selbst austragen mussten. Manche sind noch auf dem Weg. Ich glaube an Reue und Neubeginn. Ich glaube an Verstand und Herz und Bauchgefühl und Gewissen. Ich glaube aber auch, man muss lernen, Hilfe anzunehmen, wenn man die Wendung nicht alleine schafft.
Im nächsten Schritt habe ich selbst Hilfe angenommen. Es ging mir nicht gut, und ich habe mir Hilfe gesucht. Größte Baustellen? Nein sagen, Verantwortlich-Sein, Schuldgefühle, Abgrenzung, Selbstfürsorge. Selbstanerkennung. Umgang mit Komplimenten. Da sind wir wieder. Ich nehme mich an. Ich bin gut. Ich bin richtig. Ich bin am richtigen Ort. Mit allen Baustellen, die da noch auf mich warten mögen. Ich lasse sie kommen, mutigen Herzens.

Dienstag, 1. Oktober 2019

Grüne Blätter

Heute Nacht habe ich geträumt. Ich habe geträumt, dass ich in einem Friseursalon sitze und darauf warte, mir eine Frisur schneiden zu lassen. Eine besondere Frisur soll es sein, denn plötzlich steht da ein kleiner Junge neben mir, ein Sikh, mit einem Kopftuch, so wie es die Sikh tragen. Ich soll ihm Mut machen, sodass er sich traut, sich ebenfalls die Haare schneiden zu lassen. Ich bin verwirrt und fürchte mich mit einem Mal vor dem, was da auf mich zukommt.
Da wandert mein Blick zu meinen Füßen. Sie sind nackt, und da... da kommen grüne Ranken voller leuchtend grüner Blätter aus meinen Fußsohlen herausgewachsen. Ich bin ein bisschen erschrocken, aber zugleich ist mir, als sähe ich das nicht zum ersten Mal. Ich zeige sie der Friseurin. Sie lässt mich auf eine Liege niedersitzen. Danach nimmt sie eine Schere und beginnt damit, die Ranken abzuschneiden. Die Schere kratzt an meiner Haut entlang. Sie ist völlig unbeeindruckt. Sobald sie fertig ist, lässt sie mich alleine dort sitzen. Ich schaue meine Füße an. Dort, wo die Ranken herausgekommen waren, sind meine Füße aufgerissen und blutig. Haut lässt sich lösen. Mich schaudert. Meine Füße sind offene Wunden. Mir schießt durch den Kopf: die Blätter hatten meine Füße geschützt, solange sie da waren. Sie haben die Haut auf eine Weise vor dem Schmutz geschützt und davor, aufzureißen. Ich staune über den Selbstschutz meines Körpers: wie konnte er so klug sein, sich auf diese Weise selbst zu schützen? Nun habe ich diesen Schutz entfernt und riskiere eine Infektion.
Ich wache mit diesem Gedanken auf.Ich beginne direkt damit, nach Traumdeutungsseiten zu suchen und finde: für  manche ist der Traum, dass Pflanzen aus einem Menschen herauswachsen, ein Zeichen für dessen bevorstehenden Tod. Ich bekomme Angst, suche weiter. Ich finde nur: Füße, und Pflanzen. Woher kommt dieses Bild?