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Sonntag, 10. Mai 2015
Und manchmal, da packt es mich.
Und manchmal, da packt es mich. Und ich erkenne sie, die Menschen, die ähnlich denken wie ich. Und sehe, wie wir uns begegnen, frei gewordene Geister im Raum, noch am Suchen, noch am Fragen. Ist das wirklich alles, was das Leben mir zu bieten hat? Oder ist da noch mehr? Und sie brechen aus, stürzen sich ins Ungewisse, sind nicht ganz eins mit der Welt dort drüben und wissen doch: hier bin ich, hier will ich sein - für den Moment. Und wieder zurück. In die Sicherheit. In den Schoß der Mutter. Auftanken von Vertrauen und Sicherheit, bevor es sie erneut wegzieht ins Ungewisse. Rastlos, ungestillt, auf der Suche nach etwas, was sie ein bisschen mehr erahnen lässt von dem, was sie wirklich sind und sein wollen. Und ich fühle mich eins mit ihnen. Für den Moment. Denn ich weiß: ich bin nicht allein.
Montag, 4. Mai 2015
Schlaflos
Schlaflos treibt es mich durch die Nacht. Ein Lied hat meinen Kopf durchdrungen, ich lasse ihn auf Repeat laufen. Chan Chan, klingt es in meinen Ohren. Ich bewege mich sanft, die Augen geschlossen, verliere für einen Moment den Bezug zum Boden. Bin ganz weit weg.
Alles ist leicht. Der Schlaf zieht noch nicht. Ich versuche vernünftig zu sein, aber heute zieht das nicht. Liegen. Atmen. Träumen. Die schönsten Momente sind die ersten Takte. Die Spannung kommt und geht. Kennst du das? Die Ahnung dessen, was kommen will? Der Moment, der verzaubert? Kennst du das auch?
Samstag, 2. Mai 2015
Vom Sich Aufbäumen.
Den Ballast abwerfen, die Zweifel, die Ängste, die mir das Herz schwer machen angesichts der Fragen, die sich mir stellen. Ob es anderen auch so geht, dass sie sich manchmal fragen, wie sie gegen den Druck, die Erwartungen, die von außen an sie herangetragen werden, ankommen, ihnen gerecht werden sollen? Ich versuche die Angst abzulegen, aber immer wieder holt sie mich ein, genau dann, wenn ich es nicht mache wie Beppo der Straßenkehrer und nur einen Schritt, einen Atemzug, einen Besenstrich denke. Wie machen das andere, mit dem Straßenstaub zurechtzukommen? Wie habe ich es bisher geschafft?
Immer wieder verliere ich aus den Augen, wie viel ich bisher eigentlich erreicht habe. Es ist einfach, sich zu kritisieren und sich zu sagen, dass man nicht genug getan hat. Dass man erst einen Bruchteil dessen getan hat, was eigentlich möglich wäre. Es ist viel schwerer, sich selbst zu loben und zu sagen: Das habe ich gut gemacht. Es schockiert schon ein bisschen und ich frage mich, woher diese Art der Selbstbetrachtung eigentlich herrührt. Nehme ich mir zu wenig Zeit, um wertzuschätzen, was ich eigentlich Gutes getan habe? Was mir Gutes widerfahren ist? Ich kann sagen: Ich habe ein gutes Abi geschafft, mir einen festen Freundeskreis aufgebaut, in dem ich mich geborgen fühlen kann, ein Jahr in Uganda verbracht und dabei solch schöne Momente erlebt, einen Studienplatz bekommen - ein Geschenk! Ein komplettes Studium durchgezogen, gekämpft und gewonnen, den Ort gefunden, an dem ich immer schon arbeiten wollte, dann - das Geschenk einer zweiten Chance: der Master an der Uni, nicht erwartet, nicht erhofft, und doch erhalten. Ich habe: Ein gutes Verhältnis zur Familie aufrecht erhalten können, schöne Beziehungen erlebt, die zwar zerbrochen sind, aber mir dennoch viel gegeben haben in ihren guten Zeiten. Ich will mein Herz öffnen für die Dinge, an denen ich beteiligt war und die ich so gut gemeistert habe, will den Mut jetzt nicht verlieren, denn es gibt einen Sinn hinter dem, was ich tue, auch wenn ich manchmal hadere. Ich weiß, dass das hier ein Geschenk ist, und ich weiß, dass ich es wert bin, und dass ich mich darüber freuen darf und gespannt sein darf, was noch kommt.
Ein Professor hat einst den Spruch geprägt, aus der Krise entstehe Neues. Ich bin sicher, dass ich in der Erfahrung von Überforderung und erhöhtem Druck nicht nur lerne, mit meinen Kräften hauszuhalten, auch wenn es bestimmt noch ein weiter Weg ist, bis ich mich vom Perfektionismus verabschieden und selbstzufrieden werden kann. Und ich weiß, es werden Zeiten kommen, da wird all die Mühe entlohnt und ich werde erkennen, wie ich gewachsen bin.
Sonntag, 19. April 2015
Von Krügen und Scherben.
Du entgleitest mir. Ich erkenne dich nicht mehr wieder. Deine Fragen verletzen mich, weil sie andeuten, wie sehr dein Vertrauen auf mich längst zerbrochen ist. Ich suche den Fehler bei mir und finde doch keinen. Was ist da passiert zwischen uns? Wo hat es angefangen? Oder habe ich ihn nur die ganze Zeit nicht gesehen, obwohl er längst da war, der Bruch? Du greifst in die Leere und ich ziehe mich zurück von dir. Du sagst, du kannst nicht schlafen. Dass du mich vermisst. Ich will dir nicht entgegenkommen, ich habe so viel gegeben und nun bin ich müde. Ich weiß, aus mir spricht eine fremde Stimme, die jetzt nicht trösten will. Ich merke, wie ich mich hart stellen muss, um nicht wieder nachzugeben. Das bin nicht ich, will ich rufen. Aber du hast es ja herausgefordert! Ich will dir glauben, dass ja alles wieder okay und geklärt sei, fürchte mich vor dem drohenden Aus. Kann es das denn wirklich gewesen sein? M. tröstet mich, spricht von dir, als ob ich von einem gerade gestorbenen geliebten Menschen Abschied nehmen und in Dankbarkeit für die vielen Dinge, die du mir gezeigt und geschenkt hast, zurückschauen müsste. Ja, es klingt wie der Abschied von jemandem, den ich gerade verloren habe und nie wieder sehen werde. Alles in mir zieht sich zusammen und wehrt sich bei diesen Worten, nichts ist so schwer wie Gehenlassen. Plötzlich will ich um dich kämpfen. Herz gegen Kopf. Hat es Sinn? Oder ist es die Flucht davor, dir weh tun zu müssen und mich selbst ebenfalls zu verletzen? Die Angst vor der falschen Entscheidung, dem Entschluss zu einer Rückkehr in die Einsamkeit? Wenn die Beziehung zu dir als Scherbe aus dem Krug meines Lebens gebrochen wird und eine hässliche Narbe hinterlässt. Hat es Sinn?
Donnerstag, 9. April 2015
Der andere Raum. Oder: Abschied nehmen.
Die letzten Früchte sind gekauft. Ich sitze die Zeit ab. Electricity is gone, daher kann ich mich weder mit Internet noch mit Nachrichten auf Al Jazeera ablenken. Die Bücher sind ausgelesen. Stattdessen lasse ich Revue passieren. Mein Herz hängt hier, egal wie langweilig es manchmal ist... Welche Momente bleiben? Wie der alte Mann, der kaum noch Zähne hatte, im Altenheim auf Sansibar für uns gesungen und uns dabei angestrahlt hat. Vielleicht ist er inzwischen gestorben. Wie die abgemagerte alte Frau sich aufgrund meines Körpergewichts solche Sorgen um mich gemacht hat - ob ich vielleicht krank sei? Wie mir diverse Busfahrer immer wieder dabei geholfen haben, mich zu orientieren, ohne irgendetwas zu erwarten. Wie ich mit der jungen Iranerin im Bus Bekanntschaft machte und merkte, dass wir trotz unterschiedlicher Herkunft und Religion denselben Willen zur Freiheit und Unabhängigkeit teilten. Wie ein zweijähriges Mädchen seine kleine Hand nach einer Messe in meine legte und mich grüßte. Wie die Kinder in der Osternacht tobten, tanzten und die Halle mit ihrem lauten Alleluia füllten. Das Meckern der Ziegen und das Zirpen der Grillen, während wir still um das Osterfeuer standen. Die Nachtluft, durch die wir mit Motorrädern rasten, und der schwarze Himmel über uns voller greller Sterne. Auf den Kibaale (Felsen) sitzend, den Busch unter uns. M. und ich im schüttenden Regen auf der lehmigen roten Hauptstraße laufend. Das Eintauchen ins blaue Meer unter einem sich zusammenbrauenden Gewitter. Der Duft von frisch vom Baum geschnittenem Zimt. Das Salz des Meeres auf den Lippen. Der Schreck in den Knochen, als ich beinahe auf eine schwarze Giftschlange getreten bin. Ein Tropfen Kokosmilch, der an meiner Hand herunterläuft. Zahlreiche Umarmungen links und rechts. Der Geruch des Priesters, als er mich zum Abschied lange umarmt. Der Moment, in dem mein bester Freund plötzlich am Tisch steht und ich mich erhebe, um ihn nach mehr als einem Jahr zu begrüßen. Kinder, die ihre gesalzenen und gerösteten Maiskörner mit mir teilen. Blut auf den Steinplatten vor der Schlachtwanne am Karsamstag. Tote Ameisen in meinem Zimmer und ein Betonboden, schillernd aufgrund der ausgefallenen Flügel derselben, die im Licht der Lampe starben. Das Quaken der Kröten bei heftigem Regen im Morgengrauen. Der rostige Geruch des Wassers aus der Dusche. Die Freude im Moment, wenn der Strom zurückkommt und die Lichter flackernd angehen. Schwarze, leise grunzende Ferkel am Wegesrand. Juckende Moskitostiche auf der verbrannten Haut. Reggae aus den Boxen der kleinen Shops. Mukka wange. Omuvireho. (Mein zweites Zuhause, ich vermisse dich.)
Donnerstag, 5. Februar 2015
Du nach links. Du nach rechts.
Meine Arbeit, dazu gehört. Menschen Bescheide vorlesen, in denen ihnen ein Aufenthaltsstatus zuerkannt wird. Und Menschen Bescheide vorlesen, in denen steht, dass sie nicht hier bleiben dürfen. Ein Flüchtling bist du nicht. Ein Asylant auch nicht. "Offenkundig" steht im Fachdeutsch. Offenkundig gehört das junge Paar mit den drei Kindern, die vor meinem Tisch sitzen und mich fragend anschauen, nicht hierher. Ich lese weiter vor, langsam, damit sie es verstehen können, denn ein bisschen Deutsch können sie schon, sie sind ja lange genug hier. Sie haben innerhalb einer Woche das Land zu verlassen. Tun Sie dies nicht, werden Sie abgeschoben. Ich blicke auf. "Es tut mir Leid", ist alles, was ich fertig bringe. Keiner weint, aber man sieht Sekunde für Sekunde, wie sich die Erkenntnis auf den Gesichtern ausbreitet. Wenn du diese Arbeit machst, gewöhnst du dich erstaunlich schnell an das Unrecht, was hier geschieht. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, wenn für den anderen in einem Moment alles in Scherben zerfällt. Du siehst das, was außen ist. Gefasstheit. Der Stolz, der auch nicht schwindet bei der schlimmsten Nachricht. Oder ist es Schock, der den Gesichtsausdruck einfrieren lässt? Ich bin mir bewusst, dass nicht ich verantwortlich für diese Entscheidung bin. Ich bin der Übermittler der Nachricht, die andere geschrieben haben, über die andere entschieden haben, die die Menschen hinter der Tischplatte nicht kennen. Dennoch, für sie bin ich die Person, die die Entscheidung mitteilt, der erste Mensch, der damit in Verbindung gebracht wird. Zu Wutausbrüchen mir gegenüber ist es noch nie gekommen. Sie verstehen schon, wer wirklich am Hebel sitzt. Aber die Stille. Die Fragen. Und was können wir jetzt tun? Ich muss sie auffangen.
Eine Absage. Eine Zusage. Ein Schritt ins Leben. Zwei Schritte zurück in die Hölle. Ein Mensch muss sehr gute Gründe haben, warum er die Heimat für immer hinter sich lässt. Das ist kein Plan, der an einem Tag gemacht und am nächsten umgesetzt wird. Jeder Mensch hat sehr gute Gründe, warum er hierher gekommen ist. Das Warten auf die "Selektion", um einen drastischen Vergleich zu ziehen zu - du weißt was ich meine. Auch damals gab es Selektionen. Ins Leben die einen, in den (sozialen) Tod die anderen. Wer sind wir, darüber zu entscheiden, wer auf welche Seite muss?
Sonntag, 4. Januar 2015
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