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Freitag, 3. April 2020
Mittagspause auf Ungarisch
"Ich glaube an Gott. Aber ich bin nicht an der katholischen Kirche verhaftet." Ich stocke kurz und setze dann fort. "Aber was ich liebe, ist die Osternacht. Bei meinen Eltern auf dem Dorf", sie leben im Kraichgau, "da versammeln wir uns dann immer um das große Osterfeuer in der Nacht. Alles ist dunkel. Dann ziehen wir in die Kirche, die ebenfalls dunkel ist. Und dann, von Kerze zu Kerze, wird es heller." Sie nickt, lächelt und ihr Blick wandert von meinem Gesicht Richtung Fenster. Ich nehme einen Schluck Kaffee. Sie atmet tief aus, beseelt. "Ja, ja... und weißt du, am meisten liebe ich die Glocken, wie sie dann nachts zu läuten beginnen." Sie schaut mich wieder an, und ihre blauen Augen fangen in dem sonnengebräunten, strengen Gesicht zu strahlen an. Kleine Lachfalten erscheinen um ihre Augen, als sie weitererzählt. "Damals, als wir noch in Ungarn gelebt haben, das war ein großes Fest. Alle waren da. Das hat mich berührt." Ich lächele. Sie fährt fort. "Und dann, dann konnten wir es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Und weißt du, warum?" Ich warte auf sie. "Weil sich alle auf diesen Tag vorbereitet hatten. Meine Großeltern haben Fleisch geräuchert, die ganze Fastenzeit hindurch. Wie nennt man das auf Deutsch..." Sie zögert. "Vielleicht eine Art Schwartenmagen. Es war köstlich! Und die Zwiebeln dazu. Rote Zwiebeln. Die werde ich nie vergessen. Zwiebeln so süß wie kleine Äpfel. Das glaubst du nicht! Das war so köstlich. Das ganze mit frisch gebackenem Brot." Sie seufzt. "Wir waren so glücklich. Das fehlt mir. Heute geht das alles verloren." Ihr Blick verhärtet sich, Sorgenfalten legen sich über ihre Stirn. "Die Menschen verlieren den Kontakt zu ihren Traditionen, sie wissen nicht mehr, woher sie kommen. Alles ist so modern, es zählt nur noch, shoppen und Party machen. Das gefällt mir nicht." Sie hält inne. "Weißt du, was mich fasziniert hat? Wie Muslime den Ramadan feiern. Da gibt es ganze Filme darüber. Das hat mich so berührt, wie diese jungen Menschen alle zusammen kommen und feiern. Die leben ihre Tradition dort. Das brauchen wir auch."
Montag, 30. März 2020
Was ich suche, ist Struktur. Was ich suche, sind Ziele. Ich komme nicht an. Wo will ich denn hin? Tausend Ideen, keine zu Ende gedacht. Mir fehlt Energie, um angefangene Dinge fortzuführen. Energie? Vielleicht auch nur Motivation. Ich sehe nicht das große Ganze. Und das, obwohl ich das Gefühl habe, dass ich ein enormes Potential hätte. Aber wo will ich hin? Worin vertiefe ich mich? Wo liegen meine Stärken? Es sind mir zu viele Fragezeichen und zu wenig Aktion. Ich muss irgendwo anfangen. Vielleicht, indem ich irgendwo aufhöre. Ja, das könnte es sein. Ich muss verstehen, wohin ich meine Zeit verschwende. Das sind ehrlicherweise schon die Filme und Serien.
Ich muss mir Dinge aufschreiben und sie mir dann vor Augen halten. Das, und das, und das werde ich morgen angehen. Ja, vielleicht braucht es tatsächlich eine halbe Stunde am Abend, die ich mich an meinen Schreibtisch setze und nach vorne schaue. Und vielleicht braucht es das, was ich jetzt tue, indem ich nach hinten schaue. Dabei fällt mir auf, es fehlt, dass ich in mich reinschaue. Was brauche ich eigentlich gerade? Wie fühle ich mich? Mir ist warm, aber Fieber habe ich nicht. Mir ist ein bisschen Schleim im Hals und ich habe Verspannungen, die sich über den ganzen Rücken, Nacken und bis hin zum Kreuz erstrecken. Auch die Ober- und Unterarme sind davon betroffen. Muskelkater von der Gartenarbeit. Noch so ein unerledigtes Projekt. Die Samen liegen bereit. Es gestaltet sich nur mühsamer, als ich es mir vorgestellt habe, so ein kleines Beet angemessen vorzubereiten. Hat mir vorher keiner gesagt, dass es so anstrengend werden würde. Ich glaube, ich muss hier raus. Den Kopf freibekommen. Ich kann nicht abschalten, es ist zu warm hier im Zimmer.
Ich muss mir Dinge aufschreiben und sie mir dann vor Augen halten. Das, und das, und das werde ich morgen angehen. Ja, vielleicht braucht es tatsächlich eine halbe Stunde am Abend, die ich mich an meinen Schreibtisch setze und nach vorne schaue. Und vielleicht braucht es das, was ich jetzt tue, indem ich nach hinten schaue. Dabei fällt mir auf, es fehlt, dass ich in mich reinschaue. Was brauche ich eigentlich gerade? Wie fühle ich mich? Mir ist warm, aber Fieber habe ich nicht. Mir ist ein bisschen Schleim im Hals und ich habe Verspannungen, die sich über den ganzen Rücken, Nacken und bis hin zum Kreuz erstrecken. Auch die Ober- und Unterarme sind davon betroffen. Muskelkater von der Gartenarbeit. Noch so ein unerledigtes Projekt. Die Samen liegen bereit. Es gestaltet sich nur mühsamer, als ich es mir vorgestellt habe, so ein kleines Beet angemessen vorzubereiten. Hat mir vorher keiner gesagt, dass es so anstrengend werden würde. Ich glaube, ich muss hier raus. Den Kopf freibekommen. Ich kann nicht abschalten, es ist zu warm hier im Zimmer.
Dienstag, 18. Februar 2020
Eier in der Pfanne
Du stehst am Fenster und erzählst mir von deiner Jugend. Ich liege ausgestreckt auf unserem nächtlichen Lager. Es ist einer unserer besseren Momente. Ich lasse vor Lachen mein Weinglas kleckern, rote Flecken landen auf meinem T-shirt.
Ich erzähl dir eine Geschichte, sagst du. Damals, als ich das erste Mal Wodka probiert habe. Die Party einer Klassenkameradin. Deine Freunde wollten nicht mittrinken, du trankst alles alleine. Du kamst heim, kurz bevor der Muezzin singen würde. Leise öffnetest du die Tür... im falschen Stock. Dein Nachbar völlig verwundert: was willst du, Junge. Enschlllgung, enschlgng, flüsterst du lachend. Trittst verschämt den Rückzug in die höhere Etage an. Leise, die Tür, leise, der erste Schritt... und du stolperst über den Perser-Teppich. Wie Jesus hat es dich hingelegt, Arme und Beine von dir gestreckt, sieht dich deine Mutter dort liegen, die sogleich aus dem Bett kommt. In dieser Nacht, habe sie dich nicht schlafen gelassen. Fünf mal, sechs mal sei sie an dein Bett gekommen, um dir die Decke vom Kopf zu ziehen und dich zu schelten. Wir lachen und lachen.
Noch eine, noch eine, bitte ich.
Du zögerst. Die Glut fällt in den Wind. Ja, da war das mit den Eiern. Betrunken seist du nach Hause gekommen und mit einer Menge Hunger. Du schlichst dich in die Küche und begannst, eine Pfanne zu... nun ja. Die zwei Eier fanden ihren Weg in die Pfanne. Nicht so die Hitze. Das Gas war an, das Feuer vergasest du. Minutenlang hättest du wütend die Pfanne geschwenkt und schließlich resigniert aufgegeben. Die Eier landeten im Müll. Dein Bruder - die Ruhe in Person, saß in einer dunklen Ecke und sah dir dabei zu. Die ganze Zeit. Und kein Ton. Das, sagst du, ist mein Bruder. Und schmeißt dich vor Lachen weg.
Ich erzähl dir eine Geschichte, sagst du. Damals, als ich das erste Mal Wodka probiert habe. Die Party einer Klassenkameradin. Deine Freunde wollten nicht mittrinken, du trankst alles alleine. Du kamst heim, kurz bevor der Muezzin singen würde. Leise öffnetest du die Tür... im falschen Stock. Dein Nachbar völlig verwundert: was willst du, Junge. Enschlllgung, enschlgng, flüsterst du lachend. Trittst verschämt den Rückzug in die höhere Etage an. Leise, die Tür, leise, der erste Schritt... und du stolperst über den Perser-Teppich. Wie Jesus hat es dich hingelegt, Arme und Beine von dir gestreckt, sieht dich deine Mutter dort liegen, die sogleich aus dem Bett kommt. In dieser Nacht, habe sie dich nicht schlafen gelassen. Fünf mal, sechs mal sei sie an dein Bett gekommen, um dir die Decke vom Kopf zu ziehen und dich zu schelten. Wir lachen und lachen.
Noch eine, noch eine, bitte ich.
Du zögerst. Die Glut fällt in den Wind. Ja, da war das mit den Eiern. Betrunken seist du nach Hause gekommen und mit einer Menge Hunger. Du schlichst dich in die Küche und begannst, eine Pfanne zu... nun ja. Die zwei Eier fanden ihren Weg in die Pfanne. Nicht so die Hitze. Das Gas war an, das Feuer vergasest du. Minutenlang hättest du wütend die Pfanne geschwenkt und schließlich resigniert aufgegeben. Die Eier landeten im Müll. Dein Bruder - die Ruhe in Person, saß in einer dunklen Ecke und sah dir dabei zu. Die ganze Zeit. Und kein Ton. Das, sagst du, ist mein Bruder. Und schmeißt dich vor Lachen weg.
Refugee camp: Thoughts about greeting
I answer hate with love,
I never lose my mind.
No matter what you look like,
Which color you have,
I will greet you with a smile.
I will say Hello to you.
And I never get tired.
Even after three years in the camp,
I will never grow tired,
of saying hello to a person,
that is crossing my path.
How could I pass you without saying:
Hello!
How are you?
Even if I'm shy,
and I surely am an introvert,
I will never grow tired of saying
Hello, and how are you?
They can't break my smile.
And guess what?
I always get a smile and a hello as an answer.
People won't hate me.
Because I make a difference.
I'm seeing you as a person,
that is crossing my path.
You may be an old woman with Hijab
and worries all over your face.
You may be an old man with no language,
just saying Salaam and answering with laughter and "Hello, hello".
You may be a young woman with a little child,
far away from your husband, maybe got raped.
You may be a young man, who had to leave his family back home,
insecure and without good friends here.
You may be a child,
laughing all over your worried face.
I don't mind, who you are.
The sun shines through you,
when I greet you,
and it reflects in my eyes,
when you smile back to me.
We connect.
With no effort.
Just caught up in humanity.
I love your smile.
I never lose my mind.
No matter what you look like,
Which color you have,
I will greet you with a smile.
I will say Hello to you.
And I never get tired.
Even after three years in the camp,
I will never grow tired,
of saying hello to a person,
that is crossing my path.
How could I pass you without saying:
Hello!
How are you?
Even if I'm shy,
and I surely am an introvert,
I will never grow tired of saying
Hello, and how are you?
They can't break my smile.
And guess what?
I always get a smile and a hello as an answer.
People won't hate me.
Because I make a difference.
I'm seeing you as a person,
that is crossing my path.
You may be an old woman with Hijab
and worries all over your face.
You may be an old man with no language,
just saying Salaam and answering with laughter and "Hello, hello".
You may be a young woman with a little child,
far away from your husband, maybe got raped.
You may be a young man, who had to leave his family back home,
insecure and without good friends here.
You may be a child,
laughing all over your worried face.
I don't mind, who you are.
The sun shines through you,
when I greet you,
and it reflects in my eyes,
when you smile back to me.
We connect.
With no effort.
Just caught up in humanity.
I love your smile.
Dienstag, 11. Februar 2020
Sure looks good to me
Ich fühle mich kraftvoll und gepusht. Ich lese wieder einmal: Bestätigung meiner Arbeit und meines Menschseins darin. Ich tue meinen Job gut, denn: dieses mal seien es die Iraker. Sie haben untereinander über mich gesprochen. Du erzählst: viele Leute mögen dich. Du bist freundlich, du bist eine Schönheit. Ich fühle mich gut, wenn ich ehrlich bin. Ich möchte nicht abhängig sein von solchen Komplimenten, wirklich nicht. Aber ich bin ehrlich, es ist schön, das zu hören. Ich bin am richtigen Ort.
Sie sagen, du bist hier nicht richtig. Es gibt zu viele schlechte Menschen um dich. Ich sage, nein. Ich glaube, ich bin hier genau richtig. Weil ich die Gabe habe, aus Menschen ihre beste Seite nach außen zu kehren. Ich denke das zumindest. Weil ich in Menschen gerne erst mal nur das Gute sehen oder entdecken will. Und ich daran glaube, dass dieser Plan aufgeht, wenn ich jeden Menschen mit der Würde betrachte, die er in sich trägt. Schenke Respekt und ernte Respekt. Es ist Teil meiner Arbeit. Es heißt nicht, dass es mir immer gelingt, jedem mit der gleichen Aufmerksamkeit und Fürsorge zu begegnen. Dafür sind es leider zu viele. Und das ist vielleicht am schwersten zu ertragen. Aber es ist mein Ziel. Nicht mich lustig machen, wenn jemand neben der Spur ist. Dieser Mensch ist immer noch da. Manchmal hält er sich nur gut versteckt. Oder er ist verletzt. Aber er ist immer noch da. Menschen haben eine weitere Chance verdient. Manches Mal habe ich Menschen getroffen, die fast oder die tatsächlich kriminell geworden sind, und die ihre Fehltritte bereut haben. Einige haben es im zweiten Anlauf geschafft, mit allen Kämpfen, die sie damit gegen sich selbst austragen mussten. Manche sind noch auf dem Weg. Ich glaube an Reue und Neubeginn. Ich glaube an Verstand und Herz und Bauchgefühl und Gewissen. Ich glaube aber auch, man muss lernen, Hilfe anzunehmen, wenn man die Wendung nicht alleine schafft.
Im nächsten Schritt habe ich selbst Hilfe angenommen. Es ging mir nicht gut, und ich habe mir Hilfe gesucht. Größte Baustellen? Nein sagen, Verantwortlich-Sein, Schuldgefühle, Abgrenzung, Selbstfürsorge. Selbstanerkennung. Umgang mit Komplimenten. Da sind wir wieder. Ich nehme mich an. Ich bin gut. Ich bin richtig. Ich bin am richtigen Ort. Mit allen Baustellen, die da noch auf mich warten mögen. Ich lasse sie kommen, mutigen Herzens.
Sie sagen, du bist hier nicht richtig. Es gibt zu viele schlechte Menschen um dich. Ich sage, nein. Ich glaube, ich bin hier genau richtig. Weil ich die Gabe habe, aus Menschen ihre beste Seite nach außen zu kehren. Ich denke das zumindest. Weil ich in Menschen gerne erst mal nur das Gute sehen oder entdecken will. Und ich daran glaube, dass dieser Plan aufgeht, wenn ich jeden Menschen mit der Würde betrachte, die er in sich trägt. Schenke Respekt und ernte Respekt. Es ist Teil meiner Arbeit. Es heißt nicht, dass es mir immer gelingt, jedem mit der gleichen Aufmerksamkeit und Fürsorge zu begegnen. Dafür sind es leider zu viele. Und das ist vielleicht am schwersten zu ertragen. Aber es ist mein Ziel. Nicht mich lustig machen, wenn jemand neben der Spur ist. Dieser Mensch ist immer noch da. Manchmal hält er sich nur gut versteckt. Oder er ist verletzt. Aber er ist immer noch da. Menschen haben eine weitere Chance verdient. Manches Mal habe ich Menschen getroffen, die fast oder die tatsächlich kriminell geworden sind, und die ihre Fehltritte bereut haben. Einige haben es im zweiten Anlauf geschafft, mit allen Kämpfen, die sie damit gegen sich selbst austragen mussten. Manche sind noch auf dem Weg. Ich glaube an Reue und Neubeginn. Ich glaube an Verstand und Herz und Bauchgefühl und Gewissen. Ich glaube aber auch, man muss lernen, Hilfe anzunehmen, wenn man die Wendung nicht alleine schafft.
Im nächsten Schritt habe ich selbst Hilfe angenommen. Es ging mir nicht gut, und ich habe mir Hilfe gesucht. Größte Baustellen? Nein sagen, Verantwortlich-Sein, Schuldgefühle, Abgrenzung, Selbstfürsorge. Selbstanerkennung. Umgang mit Komplimenten. Da sind wir wieder. Ich nehme mich an. Ich bin gut. Ich bin richtig. Ich bin am richtigen Ort. Mit allen Baustellen, die da noch auf mich warten mögen. Ich lasse sie kommen, mutigen Herzens.
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