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Donnerstag, 9. Oktober 2014
Unerwartet gesegnet
"Ich bete für dich", sagst du in gebrochenem Deutsch und mit vertrauter Stimme am Telefon zu mir, und die Welt steht für einen Moment still, was hast du da gerade gesagt, einfach, so. Ich fühle mich gehalten und bin zugleich erstaunt über diesen Satz, den ich hier noch nie so gehört habe, und da sieht man es, dein Glaube lebt, was tut meiner? Er lebt so im Untergrund, er ist da, aber nicht bewusst, er taucht nur in Bruchteilen von Sekunden auf, wenn ich an einem Bettler vorbeigehe und mir denke, Jesus in jedem ärmsten deiner Nächsten, und dennoch gibst du nichts, warum eigentlich. Ja solche Momente sind es, in denen eine Ahnung meines Glaubens zurückkehrt zu mir, weil mich die Geschichte dann nicht loslässt, von wegen, so viel wie du gibst, wird dir im Himmelreich auch gegeben sein. Aber dieser einfache Satz aus deinem Mund, und so ernst gemeint, ist für mich befremdlich und schön, ich freue mich und frage mich zugleich, womit ich das verdient habe, beten ist so was großes, für Leute, denen es wirklich nicht gut geht, nicht für mich. Oder?
Dein Glaube in Gott ist tief. Immer wieder, wenn es mir schlecht geht, sagst du mir, mach dir keine Sorgen, alles wird gut, du musst nur zu Gott beten, er wird uns alles geben, und ziehst jeden Morgen dein kleines Kreuz an, golden leuchtet es auf deiner Haut, und ich betrachte das kleine Holzkreuz über deinem Bett, den Rosenkranz daran, den du manchmal auch mit nimmst - um ihn zu beten, als Glücksbringer, ich habe dich nie gefragt - und ich bewundere diesen Glauben, fühle mich aber auch befremdet davon, ist es wirklich die Lösung aller Probleme, einfach zu beten und zu warten? Kann ich mich so sehr auf diesen Gott verlassen? Mir fehlt dann die Konversation darüber, wie ist es zu dieser Situation gekommen, wie fühlst du dich, was denkst du, wie es weitergehen kann? Das kommt gar nicht zur Sprache, nein, ich soll nur zu Gott beten, du willst mich trösten, es tut gut, aber irgendwie bricht es auch alles ab, dein Vertrauen ist so groß in diese Macht, meines ist glaube ich nicht groß genug. Vielleicht wehre ich mich auch nur gegen das Abwarten und Tee Trinken. So wirkt es auf mich, auch wenn ich weiß, dass es dem Sinn von Beten nicht gerecht wird...
Mittwoch, 8. Oktober 2014
Angefüllt bis oben...
...mit Begegnungen aus den letzten zwei Tagen. Ich liebe dieses Leben, wo ich in den Tag hinein lebe, Menschen anrufe, um zu sehen, ob sie Zeit haben, und auf einen Sprung vorbeikommen darf. Freude auf beiden Seiten, wir trinken Tee, umarmen uns, tauschen Neuigkeiten aus, laufen im strömenden Regen zum nächsten Tabakladen, ihr stellt mir eure neuen Mitbewohner vor, ich darf euer Essen probieren, ich soll, um ehrlich zu sein, eigentlich nur essen, essen, essen, weigere mich müde lachend dagegen, da ich das Gefühl habe zu platzen. Merke in solchen Momenten der Zwei-, der Mehrsamkeit, dass ich nie nie nie darauf verzichten mag, auf diese Momente des Glücks. Auch wenn es nicht von Dauer ist, so genieße ich eure Anwesenheit für diesen Moment, und wir sitzen und wir reden und dann müsst ihr euch verabschieden, ich darf noch bleiben, lese, eine kommt herein, bügelt, ich rede mit dir, dann verabschiedest du dich, machs gut, komm bitte bald wieder, melde dich. Ciao. Und danke.
Und dann diese Begegnung, die weitere Begegnungen beenden soll, festhalten, trauern, dass es nicht gereicht hat, für mehr, zweifeln, ob das wirklich die richtige Entscheidung ist, aber es ist besser als es weiter mit sich herum zu schleppen und den Kontakt zu meiden. Auch hier der Regen um uns, alles grau, wie im Film, sehr ironisch, aber manchmal stimmts auch in echt; die Kapuzen verbergen dennoch die Blicke kaum. Gemeinsames Frühstück, alles wie immer, das Lächeln kehrt vorsichtig zurück, der Kuss bleibt aus. Etwas ist anders. Ist es besser? Ich glaube. Ich weiß nicht. Die Zeit wird es zeigen. Ob sie alles heilen kann oder ob es doch anders ist. Keine halben Sachen mehr, nehme ich mir vor. Und nicht mehr zu suchen. Darüber reden ist ja auch einfach.
Sonntag, 5. Oktober 2014
Funkstille brechen
Ein Lachen erfüllt das Herz. Ich habe seit langem was. Von dir gelesen und freu. Mich einfach über dein Lebenszeichen. Es tut so gut, fast. Als ob ich deine Stimme. Höre, lieber Freund, und so. Vertraut, als ob es gestern. Gewesen wäre, dass wir uns. Das letzte Mal gesehen haben.
Schön von dir zu hören.
Freitag, 3. Oktober 2014
Stille
Ist schon seltsam, wie schwer
ich vollkommene Stille
aushalten kann.
Ich suche Betäubung für die
Ohren in Musik
und Filmen,
Im Lärm der vorbeirasenden Autos
und dem Ticken
der Uhr,
Will mich ablenken von dem
Gefühl allein zuhause
zu sein.
Stattdessen das Verlangen nach Aussprache
mit den Menschen
neben mir.
Um mich vielleicht abzulenken von
dem Nachdenken über
den Tag.
Zu langwierig, ich möchte leben
und nicht immer
nur denken.
Laut denken, ja das schon.
Dann kommste auch
zum Ziel.
Stattdessen denke ich hier auf
dem Papier, das
geduldig ist.
Hermann Hesse: Stufen. Ausschnitt.
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend /
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,/
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend/
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.//
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe/
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,/
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern/
in andre, neue Bindungen zu geben.//
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,/
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.//
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,/
An keinem wie an einer Heimat hängen,/
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,/
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.//
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise/
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,/
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,/
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.//
(...)
Sonntag, 28. September 2014
Über das Ausreißen.
Es braucht Mut, alte Gefilde zu verlassen und irgendwo neu anzufangen. Das erste Mal ist mir das nach der Schule gelungen, da war aber auch eine ordentliche Portion Naivität und die Lust, alles einzureißen und neu aufzubauen, mit dabei. Ohne viel nachzudenken habe ich den Sprung ins kalte Wasser gewagt und bin für ein Jahr in ein völlig fremdes Umfeld auf einem fremden Kontinent gegangen. Bereut habe ich es bisher nie, auch wenn es immer Dinge gibt, die man im Nachhinein wahrscheinlich anders gemacht oder einfach gelassen hätte. Aber was kann ich daran noch ändern? Ich habe gelebt.
Auch jetzt lebe ich neu auf, in einer neuen Umgebung. Verrückt, dieses Gefühl, das ich fast vergessen hatte: sich nicht auszukennen, gestrandet in einer Stadt mit beinahe nur fremden Menschen. Das Gefühl ist ein anderes, als es die vergangenen vier Jahre in Mainz war. Ich finde es aufregend und spannend, aber es beängstigt auch zuweilen ein bisschen. Dennoch bereue ich den Schritt bisher nicht. Neu anzufangen irgendwo, birgt unheimliche Chancen, sich selbst ein Stück näher zu kommen. Welche Stadt liegt mir mehr? Mit wem verstehe ich mich gut? Welchen neuen Eindruck hinterlasse ich bei anderen, die mich bislang nicht kannten? Es fühlt sich an wie eine Feuerprobe, es ist aber auf eine gute Art und Weise wichtig. Ein neues Leben beginnt, ohne dass ich mein altes abschütteln könnte oder möchte. Aber ich bin doch gespannt, was da noch kommt.
Dienstag, 16. September 2014
Ein kurzer Satz und Gänsehaut.
Wir laufen die Straße entlang. Es nieselt ein bisschen, Leute rennen blind an uns vorbei. Wir reden, ich weiß nicht mehr worüber. Da dreht er seinen Kopf zu mir und sagt: "You know, we have a..." Er sucht nach Worten. "A saying?", frage ich. "Yes... that, ..." Er stockt, sucht nach Worten, um vom Arabischen ins Englische zu übertragen, was gar nicht so einfach ist.
"... that somebody who washes his bloody hands with blood will never be able to clean them." Er sieht mich an, will wissen, ob ich ihn verstanden habe. Ich nicke nur.
Er setzt noch einmal an. "Somebody who has blood on his hands, can use water to wash, and they will be clean. But if he uses blood, he will never be able to..." Ich nicke, verstehe. Und frage mich einmal mehr, welche Bilder aus seiner Heimat, die ihm zum Exil geworden ist, damit verbindet.
"... that somebody who washes his bloody hands with blood will never be able to clean them." Er sieht mich an, will wissen, ob ich ihn verstanden habe. Ich nicke nur.
Er setzt noch einmal an. "Somebody who has blood on his hands, can use water to wash, and they will be clean. But if he uses blood, he will never be able to..." Ich nicke, verstehe. Und frage mich einmal mehr, welche Bilder aus seiner Heimat, die ihm zum Exil geworden ist, damit verbindet.
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