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Mittwoch, 19. März 2025

Am U-Bahn-Gleis

Heute gab es Momente, die mich erfüllt haben. Sonne, die mich in einer Pause zwischen zwei Fortbildungsblöcken wärmt. Ein buntes Treiben auf dem Wochenmarkt auf der Berger Straße in Frankfurt. Selbstgemalte und eingeschweißte Bilder diverser Flaggen dieser Welt am Zaun eines Kindergartens. Besonders bewegt hat mich aber eine Schulklasse, die unvorhergesehen einen großen Teil des U-Bahn-Gleises an der Konstablerwache in Beschlag nahm und hierzu an mir vorbeizog. Da waren Jugendliche im Alter von vielleicht 14, 15 Jahren - blonde, etwas schüchtern wirkende Jungs in gepflegter Kleidung, neben wenigen Mädchen in Hijabi, Jungs und Mädels in entspannter Jogginghose und den Trends entsprechend gestylt, unterschiedlichster Herkunft, und zuletzt eine kleine Gruppe Punker, mit und ohne Camouflage, Hoodies und bunten Haaren. Und alle - in einer Klasse. Ich stelle mir vor, was hier los wäre, würde eines der Hijabis rassistisch angegangen werden. Mit wie viel mehr Selbstverständlichkeit würden ihre Mitschüler*innen, die sich längst an ihre Kleidung und Namen gewöhnt haben, aufstehen und sich schützend vor sie stellen oder sie weiterziehen. Oder würde einer der Punks komisch von der Seite angemacht werden - wer würde da schützend aufstehen, weil er hinter die Fassade geschaut hat? 

Ich glaube, hier ist die Lösung für eine Gemeinschaft, die schützt und zusammenhält. Lass uns in Kontakt kommen. Das ist Aufgabe der Schulen, der Vereine - der Orte, an denen Jugendliche zusammenkommen (müssen). Deshalb finde ich es auch so wichtig, dass mir da mein Bruder beisprang und das Konzept einer religiös getragenen Privatschule hinterfragte, das als Aufnahme-Kriterium die durch Taufe bedingte Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche voraussetzte, damit Schüler*innen überhaupt einen Schulplatz dort erhalten. Ergebnis ist ein fast ausschließlich weißes Publikum und Schüler*innen auf einer Veranstaltung, die "Missionsfest" genannt wird und für Entwicklung- / soziale Projekte Spenden sammelt. In einer Schule, die einmal jährlich je einen Ausflug in eine Synagoge und eine Moschee organisiert und damit ihre Arbeit in Sachen Interreligiöser Dialog erledigt sieht. Wer sollte denn Ethik anbieten können, und sei Ethik überhaupt gleichrangig mit dem klassischen Religionsunterricht Katholisch/Evangelisch? Und umgekehrt, ob Jugendliche überhaupt Interesse hätten, über ihre und andere Religionen zu sprechen, wage man auch zu bezweifeln. Aber es gäbe ja die Projekte. Zum Beispiel Klimabewegungen, Holzarbeiten über den Begriff der Menschenwürde. Was mich irritiert, und meinen Bruder ebenso: das hier ist eine Bubble, in der man sich bewegt. Kinder und Jugendliche lernen ein bisschen was "über" andere Gemeinschaften, und beziehen den Rest vermutlich aus den Medien. Interkulturelle Begegnung endet im China-Restaurant oder beim Dönermann, die ja alle echt nett seien und eine gute Arbeit machten. Und ja, die Ärzte gebe es natürlich auch und alle seien systemrelevant, keine Frage. Ich sehe die Bemühungen, sehe die Absicht, aber der offensichtlichste Schritt fehlt, oder es fehlt der Mut hierzu. Wo es in Großstädten wie Hamburg und Frankfurt am Main selbstverständlich erscheint, dass Schulklassen sich aus jungen Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammensetzen (und Religion ist kein jederzeit präsentes Thema), da tun sich manche Institutionen in kleineren Städten und Gemeinden noch schwer mit. Ich hoffe, dass es irgendwann auch der letzten Person einleuchtet, dass ein Zusammenleben in Selbstverständlichkeit im Kindes- und Jugendalter beginnen muss, um Vorurteile auszuräumen und Gemeinschaft zu erzeugen. Damit man hinter den Hijab, hinter die Hautfarbe, hinter die Behinderung, hinter das Geschlecht blicken und sehen kann, wie viel man doch gemeinsam hat und wie viel mehr einen jeden ausmacht und dass wir keine Gefahr füreinander sind, wenn wir zusammenhalten und einander achten als Mitschüler*in, Freund*in, Mensch. Nur so, sind wir stärker gegen Hass und Radikalisierung. Daran glaube ich, und darauf hoffe ich. 

Dienstag, 7. Februar 2023

Über das Schule - Meiden und Partys zum Abschiebeverbot

In der Stille dieser Nacht versuche ich, mich auf mein neues Buch zu konzentrieren. "Flucht. Eine Menschheitsgeschichte" heißt es. Ich lese die ersten Zeilen. Es geht um einen Bauern, der im Jahre 1945 dazu gezwungen wird, sein Haus und seinen Hof zu verlassen. Eine Existenz, die er sich mühsam aufgebaut hat. Auf dem Weg aus seinem Dorf hinaus begleitet ihn sein Hund, der immer zögerlicher wird, je weiter er sich von seinem Landgut entfernt. Den er schließlich dorthin zurückschickt und mit gebrochenem Herzen seinen Weg fortsetzt. Es lässt eine Schwere in mich einkehren. 
Ich schweife mit den Gedanken zu meinem heutigen Arbeitstag ab, den ich eng mit dieser Geschichte verknüpfe. Ehe ich's mir versehe, bin ich wieder bei einem Jungen, der selbst einen weiten Weg hinter sich gebracht hat, um hierherzukommen. Er nennt unsere Stadt seine neue Heimat und lernt nun die Sprache. Er besucht die Schule, und doch gibt es Kritik, die ich mit ihm in Form eines Briefes in Händen halte. Warum er so oft unentschuldigt fehle in folgenden Fächern: Deutsch, Mathematik... Ich lese ihm leise vor, damit er folgen kann. Er murmelt mit und ahmt meine Worte nach, ohne wirklich viel zu verstehen. Im Folgegespräch ergibt sich eine Kausalitätskette, deren Ende ich nicht hätte vorhersehen können. Wir springen von Stein zu Stein. Zu spät kommen - Kopfschmerzen im Unterricht - Abbruch und Rückkehr nach Hause - Kopfschmerzen wegen unzureichendem Schlaf - wenig Schlaf durch viel Nachdenken - viel Nachdenken aus Sorge um die Eltern - Sorge, weil Schlepper oder Förderer der Flucht sie mit offenen Geldforderungen in der Heimat unter Druck setzen. Forderungen, die die Eltern nicht begleichen können, und mit denen sie ihren Sohn in der Fremde betrauen möchten. Dieser Junge hält die Sicherheit seiner Eltern in seinen Händen. Große Hände, mit denen er sich übers Gesicht reibt und mit denen er sich die dicke Markenjacke fester um den Körper zusammenzieht, der in einem traditionellen Shalwar Kameez steckt. Eine Überraschung der schlechten Sorte. Und doch bin ich ihm dankbar dafür, dass er das - nach Monaten zum ersten Mal - erzählt und damit seine Sorgen auf den Tisch legt. Wir stecken unsere Köpfe über dem kleinen Sofatisch zusammen und rätseln, wie nun weiter vorzugehen wäre. Es ist klar: es wird hier keinen ruhigen, klaren und konzentrierten Kopf geben, solange dieser Erwartungsdruck und diese Angst weiter auf ihm lasten. Die Lösung hierzu steht in keinem Lehrbuch für Soziale Arbeit und will nun im Dialog gefunden werden. Wir haben eine Aufgabe zu lösen, für die wir unseren Verstand benötigen. Und Mathematik. Und gutes Abwägen. Und dabei nicht vergessen dürfen, dass hier ein "Schulkind" sitzt, dessen Aufgabe es nicht sein sollte, arbeiten zu gehen und zu schnell erwachsen zu werden. 
Er zieht sich seine neue gefälschte Gucci-Mütze tiefer über die Stirn und schaut mich von der Seite an. Er lächelt verlegen und doch auch erleichtert. Erzählt bedauernd, wie seine Freunde sich bei ihm zum Essen im Restaurant eingeladen haben, um sein Abschiebeverbot zu feiern. "Du hast einen deutschen Pass. Nun musst du uns zum Essen einladen.", zitiert er und zuckt lachend mit den Schultern, als er gesteht, dabei viel zu viel Geld verloren zu haben. Und dabei sei es diesen Monat gar nicht die erste Party dieser Art gewesen. Abschiebeverbots-Partys, die neue Art zu feiern in dieser Stadt, sage ich lachend. Und sich zu verschulden, fügen wir an und hegen Ideen, wie man einmal monatlich gemeinsam gesammelt die Verbote des letzten Monats gemeinsam feiern könnte und damit verhindern könnte, dass die jungen Menschen vom Siegestaumel geradewegs in die Verschuldung getrieben werden. Ein Grund zum Feiern ist es allemal. Restaurants sind sowieso überteuert dieser Tage. Wie wäre es da wohl mit dem Kochen zuhause, weitaus preisgünstiger! Die Stimmung hat sich aufgelockert, die Sonne bricht durch die Wolken und bahnt sich ihren Weg. Gehen wir diesen Weg zusammen. Schreiben wir dieses Leben zusammen fort.