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Samstag, 13. Juni 2015

Was ist wesentlich?

Was ist wesentlich? Wenn du wüsstest, dass du bald sterben müsstest. Und hey, das kannst du jeden Tag. Lohnt es sich dann, sich in Hass gegenüber Fremden zu verlieren? Lohnt es sich, Spekulationen über Sicherheit und Terrorismus hinzugeben und in ein endloses Meer des Misstrauens einzutauchen? Vertrete nicht den Leichtsinn. Keiner muss naiv durchs Leben gehen. Setze den Verstand ein und überlege dir mal besser, was wirklich wesentlich ist. Fang bei dir selbst an und - lebe. Liebe die Menschen um dich herum. Vergib denen, die dir Böses getan haben, nicht ohne ihnen jedoch vor Augen zu führen, worin ihre Schuld bestanden hat. Das Leben kann so schön sein und doch so kurz. Wer weiß das schon? Wichtig ist das, was dich zufrieden stimmt. Spare dir deine Energie auf und verbrauche sie nicht im Grübeln und Hadern über Dinge, die geschehen sind. Sie können nicht mehr rückgängig gemacht werden. Verstehe, was richtig und falsch ist. Aber lebe. Dein Leben ist ein Geschenk an dich. Was willst du damit anfangen? Willst du wirklich den Rest deines Lebens damit verbringen, dich über andere aufzuregen? Ihr Verhalten einem ständigen Urteil zu unterziehen? Wie wäre es, wenn du bei dir selbst anfingest? Und das lebtest, was du von anderen auch sehen willst? Dieses Glücksprinzip, mach drei Menschen glücklich, indem du ihnen hilfst. Vielleicht werden sie das beim nächsten Mal bei anderen dreien wiederholen. Ein Geschenk erhalten, ist schön. Selbst zu schenken noch viel schöner. Dieser Augenblick der Freude. Spürst du das Menschliche, das uns verbindet? In den Augen des anderen, voller Dankbarkeit, in diesem Moment? Willst du dein Leben damit verbracht haben, dich um deine Zukunft zu sorgen, und immer alles im Griff haben zu wollen? Du bist nicht Gott. Du weißt nicht, was geschehen wird. Es liegt einfach oft nicht in deiner Hand. Was du lebst, wie du lebst, im Jetzt und Hier, das liegt in deiner Hand. Entscheide dich dafür, wie du leben willst. Umgib dich mit Menschen, die dir gut tun. Schweige, wenn dir danach ist. Liebe, wenn dir danach ist. Rede, wenn dir danach ist. Sag, was du fühlst, teile dich mit. Was ist zu verlieren? Alles ist vergänglich, irgendwann ist alles vorbei. Und dann willst du doch auch sagen, dass du gelebt hast. Oder? Gelebt.

Samstag, 6. Juni 2015

Wenn du siehst.

Wenn du siehst. Wie eine Mutter um ihr Kind bangt, das bereits zweimal wiederbelebt werden musste. Und nun Epilepsie haben soll. Dann verstehst du, wie wertvoll Gesundheit ist. Wenn du hörst. Wie ein Mann seinen Freund vehement daran erinnert, sich nicht hängen zu lassen und an Gott festzuhalten, in dem Moment, in dem dessen Bruder in Syrien einem Krieg zu Opfer gefallen ist. Und eine Familie zerstört wird. Dann verstehst du, wie wertvoll Sicherheit ist. Wenn du beobachtest, wie eine Frau beim Anblick ihrer sich im letzten Krebsstadium befindlichen Freundin in der U-Bahn in Tränen ausbricht, während die andere sie tröstet und immer wieder sagt: Siehst du, ich bin so dankbar, das Leben ist so wertvoll, vergiss das nicht. Und sich dann für immer verabschiedet. Dann verstehst du, wie wertvoll das Leben ist. Wenn du es schaffst. Mit offenen Augen durch deine Welt zu gehen, und diese Zeichen zu deuten. Und sie zu leben. Dann verstehst du, was Sehen und Erkennen ist.

Freitag, 5. Juni 2015

Ich lass dich nicht allein.

Sie sitzen in der aufgehenden Sonne auf der Terrasse. Und plötzlich sind da noch drei kleine Menschen, ich bin überrascht. Reibe mir verlegen die Nacht aus den Augen. Sie erklären mir, die drei würden jetzt den Tag über bei uns bleiben. Ihr kleiner Bruder habe einen Anfall gehabt und habe in die Klinik gebracht werden müssen. Später erfahre ich, dass er bereits zwei mal aus dem Tod zurückgeholt werden musste. An einem Tag. Die Mutter hat seine Geschwister zu uns gebracht. In der Not hat sie um acht Uhr morgens geklingelt. Mutter hat kaum Fragen gestellt. Es ist keine Frage, dass man sich in solch einer Situation hilft. Jetzt sitzen sie da und wagen kaum, die Hand nach einem Stück Brot auszustrecken. Die Familie lebt an der unteren Armutsgrenze. Die Kleider sprechen Bände. Aber die Mädchen sind stark. Sie beginnen zu erzählen, von ihrem Garten, ihrem Baumhaus, dem Bach, an dem sie täglich spielen. So oft wir es versuchen, der Junge schweigt. Er starrt vor sich hin und scheint unter Schock. Später dasselbe noch einmal mit der kleinen Schwester, die ich mittags vom Kindergarten abhole. Sie umklammert ihr kleines Stofftier und will erst mal gar nichts essen. Sie versteht nicht, wie soll sie auch. Vielleicht ist ihr großer Bruder am Ende dieses Tages gar nicht mehr da. Und wir sitzen hier, die Sonne scheint durch die grünen Blätter der Magnolie, der Duft von Kaffee verfängt sich in der Nase. Welch eine Ironie. Wie ist man für Kinder da, die nicht wissen, ob ihr kleiner Bruder diesen Tag überlebt, die nicht wissen, wann Mama und Papa aus dem Krankenhaus zurückkommen. Und doch, sie wirken so stark. Aus kleinen Legosteinen entstehen bald ein Schwimmbad, ein Haus, ein Turm. Ein buntes Pferd grast auf einer papiernen Oberfläche. Aus Origamipapier entpuppen sich Blüten und Himmel-Hölle-Frösche. Unter dem Glas einer Lupe beginnt ein Blatt Papier wie von Zauberhand zu brennen. Man gibt alles, um die Angst auszublenden. Das Handy lauert an der Ecke des Tisches und erinnert an die abwartende Spannung. Dann, die Erlösung. Er schlafe jetzt, das Gespräch mit den Eltern stehe noch an. Mehr könne man noch nicht sagen, nur, dass es sich um eine Art der Epilepsie handeln könnte. Ich spüre, wie der Geist der Dorfgemeinschaft durch diese Mauern strömt. In der Not bin ich für dich da. Ich lasse dich nicht im Stich. Menschlichkeit.