Translate
Samstag, 18. Oktober 2014
Von abgewandten Gesichtern und ausgestreckten Händen
Gestern habe ich ihn kennen gelernt. Er kam ins Büro, um sich eine Entschuldigung für seinen Sprachkurs abzuholen. Dann erzählte er mir, dass er an einem Fotoprojekt teilgenommen hatte. Flüchtlinge sollten Fotos von ihrem Alltag machen. Das Resultat sollte dann in einer Ausstellung zu sehen sein. Er lud mich höflich dazu ein, am selben Abend zur Ausstellungseröffnung zu kommen. "Sie sind mein Gast. Ich möchte Sie einladen." Ich sagte zu. Klang doch interessant. Am Abend hatte ich Schwierigkeiten, den kleinen Laden zu finden. Er war in einer Seitenstraße versteckt. Das Schaufenster leuchtete hell, ein paar Hipster standen vor der Tür und verabschiedeten sich mit Handschlag. Ich war nur 20 Minuten zu spät. Die Ausstellung füllte aber "nur" einen Raum. Da ich ihn auf Anhieb nicht fand, schaute ich mir die Fotos erst einmal alleine an. Viele Aufnahmen zeigten bekannte Gesichter aus der Gemeinschaftsunterkunft, in der ich bis dato gearbeitet hatte. Ich freute mich, sie hier auf Papier wiederzufinden, auch wenn sie leider nicht persönlich anwesend waren. Zwei großformatige Fotografien fielen mir auf. Das eine zeigte eine Frau auf der Theodor-Heuss-Brücke, die das Gesicht von der Linse abgewandt hatte und die Hand des Fotografen hielt. Da hat sich einer eine Freundin angelacht, dachte ich und ging weiter. Ein ähnliches Bild, jetzt in völliger schwarzer Dunkelheit. Eine andere Frau, aber dieselbe Haltung. Ich fragte mich, ob es sich um denselben Fotografen handelte. Zwei Frauen? Nicht schlecht. Ich ging weiter, an einem großen bunten Blumenstrauß vorbei. Farben verschwommen vor meinen Augen. Dann tippte mich jemand an. Das war er. Er freute sich augenscheinlich sehr, dass ich doch noch gekommen war. Ein bisschen vorwurfsvoll wanderten Blicke auf seine Armbanduhr. Ich entschuldigte mich für die Verspätung. Welche Bilder gefallen dir am besten? Ich sah mich um, alle hatten was. Ich deutete auf eins, das viele mir bekannte Gesichter hinter einem Lagerfeuer zeigte. Er schaute mich irritiert an, wirklich? Augenbrauen zogen sich zusammen. Ich war verlegen, deutete auf zwei andere. Offensichtlich nicht seine. Welche hast du gemacht? Er deutete auf die beiden großformatigen Fotografien der zwei Frauen. Ich war überrascht. Was zeigen sie? Sind das Freundinnen von dir?
Er schüttelte den Kopf. Es soll heißen, ich fühle mich immer abhängig. Mir verschlägt es den Atem. Eine solche Antwort habe ich nicht erwartet. Ich sehe die Fotos erneut an. Jetzt ist es offensichtlich. Keine schaut dich an, beide ziehen dich hinter sich her. Du folgst wie ein Hund. Bist angekettet, um nicht abzustürzen. Die Brücke, eine Brücke wohin? In ein neues Leben? Die Dunkelheit, Ungewissheit. Keine Orientierung. Sie helfen dir, aber sehen dich nicht an. Unwürdig. Du hast deine Würde verloren.
"Tolle Idee", murmele ich. Dann fasse ich mir innerlich an den Kopf. "Also, natürlich ist es schlecht, aber - eine tolle Idee, es umzusetzen." Ich könnte mich hauen. Mal wieder zu viel geredet. Er sieht mich ernst an. Wirst du wieder zu uns kommen? Ich habe diese Frage so viele Male gehört die letzten Wochen. Bedauernd schüttele ich den Kopf. Ich muss mich auf die Uni konzentrieren. Nächstes Semester vielleicht wieder. Dann aber in AB. Bei uns ist es besser, lenkt er ein. Komm zu uns zurück. Mal sehen, sage ich. Wir verabschieden uns. Er wirkt enttäuscht. Gerade kennen gelernt und wieder verloren. Wie betäubt verlasse ich den Raum. Zurück ins Menschengetümmel.
Donnerstag, 16. Oktober 2014
Sich nicht ablenken lassen...
...von dem, was WESENTLICH ist! Das ist gar nicht so einfach. Überall verfolgt mich die Werbung, im Fernsehen, an Litfaßsäulen, auf großen Leinwänden. Alle wollen mir zeigen, wie frau sich am schönsten anzieht. Wie ich mich benehmen soll, damit die Männer auf mich stehen oder mir hinterher sehen. Und sie lenkt mich ab davon, was wirklich wichtig ist.
In der U-Bahnstation gibt es riesige Leinwände, auf denen ununterbrochen Werbung läuft oder Nachrichten komprimiert wiedergegeben werden. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich in leere Augen, fixiert von diesem ständigen Wechsel der Bildung.
Ihr giert doch nach Unterhaltung. Nach Ablenkung. Warten haltet ihr nicht aus. Ihr seid so schnell gelangweilt. Atmet doch mal durch. Besinnt euch. Schaut euch mal um, wer da noch so steht. Von diesen leeren Blicken wird mir ganz schlecht.
Wenn ich in der Bahn sitze, lächele ich manchmal mein Gegenüber an. Es ist schön, wenn dann ein Lächeln zurückkommt, oder wenn der andere zumindest den Blick hält. Dann ist noch nicht alles verloren. Andere senken den Kopf, und ich bin traurig. Tut dir dieser Blick weh? Ein Kontakt mit einer Fremden, ohne Forderungen?
Deutschland ist ein so soziales Land, so offen für alle! Da klingt doch pure Ironie raus. Wir haben das Zusammensein verlernt. "Wir können auch Freunde sein", eine Überschrift über einen gemeinsamen Kochabend zwischen "den Deutschen" und "Flüchtlingen". Ätzend! Natürlich können wir das. Müssen wir das extra noch betonen? Lebt es einfach!
Ich reiße mich immer wieder zusammen und versuche, die Hoffnung nicht zu verlieren. Ich will nicht jemand sein, der die ganze Zeit nur am Meckern ist. Wir müssen auch was ändern. Das kann jeder auf eigene Art. Den Kopf heben, Augenkontakt suchen, lächeln, oder einfach den Blick halten.
Wenn im nächsten Augenblick ein Unglück passieren sollte, bin ich wenigstens nicht mehr allein in der fremden Masse.
Donnerstag, 9. Oktober 2014
Unerwartet gesegnet
"Ich bete für dich", sagst du in gebrochenem Deutsch und mit vertrauter Stimme am Telefon zu mir, und die Welt steht für einen Moment still, was hast du da gerade gesagt, einfach, so. Ich fühle mich gehalten und bin zugleich erstaunt über diesen Satz, den ich hier noch nie so gehört habe, und da sieht man es, dein Glaube lebt, was tut meiner? Er lebt so im Untergrund, er ist da, aber nicht bewusst, er taucht nur in Bruchteilen von Sekunden auf, wenn ich an einem Bettler vorbeigehe und mir denke, Jesus in jedem ärmsten deiner Nächsten, und dennoch gibst du nichts, warum eigentlich. Ja solche Momente sind es, in denen eine Ahnung meines Glaubens zurückkehrt zu mir, weil mich die Geschichte dann nicht loslässt, von wegen, so viel wie du gibst, wird dir im Himmelreich auch gegeben sein. Aber dieser einfache Satz aus deinem Mund, und so ernst gemeint, ist für mich befremdlich und schön, ich freue mich und frage mich zugleich, womit ich das verdient habe, beten ist so was großes, für Leute, denen es wirklich nicht gut geht, nicht für mich. Oder?
Dein Glaube in Gott ist tief. Immer wieder, wenn es mir schlecht geht, sagst du mir, mach dir keine Sorgen, alles wird gut, du musst nur zu Gott beten, er wird uns alles geben, und ziehst jeden Morgen dein kleines Kreuz an, golden leuchtet es auf deiner Haut, und ich betrachte das kleine Holzkreuz über deinem Bett, den Rosenkranz daran, den du manchmal auch mit nimmst - um ihn zu beten, als Glücksbringer, ich habe dich nie gefragt - und ich bewundere diesen Glauben, fühle mich aber auch befremdet davon, ist es wirklich die Lösung aller Probleme, einfach zu beten und zu warten? Kann ich mich so sehr auf diesen Gott verlassen? Mir fehlt dann die Konversation darüber, wie ist es zu dieser Situation gekommen, wie fühlst du dich, was denkst du, wie es weitergehen kann? Das kommt gar nicht zur Sprache, nein, ich soll nur zu Gott beten, du willst mich trösten, es tut gut, aber irgendwie bricht es auch alles ab, dein Vertrauen ist so groß in diese Macht, meines ist glaube ich nicht groß genug. Vielleicht wehre ich mich auch nur gegen das Abwarten und Tee Trinken. So wirkt es auf mich, auch wenn ich weiß, dass es dem Sinn von Beten nicht gerecht wird...
Mittwoch, 8. Oktober 2014
Angefüllt bis oben...
...mit Begegnungen aus den letzten zwei Tagen. Ich liebe dieses Leben, wo ich in den Tag hinein lebe, Menschen anrufe, um zu sehen, ob sie Zeit haben, und auf einen Sprung vorbeikommen darf. Freude auf beiden Seiten, wir trinken Tee, umarmen uns, tauschen Neuigkeiten aus, laufen im strömenden Regen zum nächsten Tabakladen, ihr stellt mir eure neuen Mitbewohner vor, ich darf euer Essen probieren, ich soll, um ehrlich zu sein, eigentlich nur essen, essen, essen, weigere mich müde lachend dagegen, da ich das Gefühl habe zu platzen. Merke in solchen Momenten der Zwei-, der Mehrsamkeit, dass ich nie nie nie darauf verzichten mag, auf diese Momente des Glücks. Auch wenn es nicht von Dauer ist, so genieße ich eure Anwesenheit für diesen Moment, und wir sitzen und wir reden und dann müsst ihr euch verabschieden, ich darf noch bleiben, lese, eine kommt herein, bügelt, ich rede mit dir, dann verabschiedest du dich, machs gut, komm bitte bald wieder, melde dich. Ciao. Und danke.
Und dann diese Begegnung, die weitere Begegnungen beenden soll, festhalten, trauern, dass es nicht gereicht hat, für mehr, zweifeln, ob das wirklich die richtige Entscheidung ist, aber es ist besser als es weiter mit sich herum zu schleppen und den Kontakt zu meiden. Auch hier der Regen um uns, alles grau, wie im Film, sehr ironisch, aber manchmal stimmts auch in echt; die Kapuzen verbergen dennoch die Blicke kaum. Gemeinsames Frühstück, alles wie immer, das Lächeln kehrt vorsichtig zurück, der Kuss bleibt aus. Etwas ist anders. Ist es besser? Ich glaube. Ich weiß nicht. Die Zeit wird es zeigen. Ob sie alles heilen kann oder ob es doch anders ist. Keine halben Sachen mehr, nehme ich mir vor. Und nicht mehr zu suchen. Darüber reden ist ja auch einfach.
Sonntag, 5. Oktober 2014
Funkstille brechen
Ein Lachen erfüllt das Herz. Ich habe seit langem was. Von dir gelesen und freu. Mich einfach über dein Lebenszeichen. Es tut so gut, fast. Als ob ich deine Stimme. Höre, lieber Freund, und so. Vertraut, als ob es gestern. Gewesen wäre, dass wir uns. Das letzte Mal gesehen haben.
Schön von dir zu hören.
Freitag, 3. Oktober 2014
Stille
Ist schon seltsam, wie schwer
ich vollkommene Stille
aushalten kann.
Ich suche Betäubung für die
Ohren in Musik
und Filmen,
Im Lärm der vorbeirasenden Autos
und dem Ticken
der Uhr,
Will mich ablenken von dem
Gefühl allein zuhause
zu sein.
Stattdessen das Verlangen nach Aussprache
mit den Menschen
neben mir.
Um mich vielleicht abzulenken von
dem Nachdenken über
den Tag.
Zu langwierig, ich möchte leben
und nicht immer
nur denken.
Laut denken, ja das schon.
Dann kommste auch
zum Ziel.
Stattdessen denke ich hier auf
dem Papier, das
geduldig ist.
Hermann Hesse: Stufen. Ausschnitt.
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend /
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,/
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend/
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.//
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe/
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,/
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern/
in andre, neue Bindungen zu geben.//
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,/
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.//
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,/
An keinem wie an einer Heimat hängen,/
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,/
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.//
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise/
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,/
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,/
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.//
(...)
Abonnieren
Kommentare (Atom)