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Freitag, 20. Mai 2016

Geh endlich nach Hause! Allah passt ja auf.


"Geh endlich nach Hause! Allah wird am Wochenende auf deine Leute aufpassen." Buchstaben flimmern mir auf meinem Display entgegen, während einzelne vertraute Busstationen an meiner Seite vorbeiziehen. Erste Melodien tönen in meinen Ohren, ich erhöhe das Volume, lehne mich zurück. Die Augen geschlossen spüre ich Tränen erneut aufsteigen, unterdrücke sie aber. Ich sehe auf, ein fremdes Augenpaar hat mich beobachtet. Ich schaue weg, es muss keiner meine Emotionen erkennen und deuten müssen. 10 Stunden auf der Arbeit, 15 Minuten Pause, die ich mir gegönnt habe. Kein Wunder, dass sich die Chefin aufregt. Gesund ist das nicht. Nein sagen kann ich nicht. Nicht, bis die Bürozeit beendet ist. Nachfragen von Behörden, Bitten um Gefallen, Widerstand. Der Tag ist Routine in dem Sinn, dass man nicht ahnt, was alles passieren könnte. Hätte ich ahnen können, das zwei Männer beinahe aufeinander losgegangen wären, hätte ich ahnen können, dass ich mich dagegen sträubte, die Polizei zu rufen, und ihnen stattdessen beigewohnt hätte, bis sie sich auf wundersame Weise wieder vertragen und einander zum Frieden die Hand geben würden? Ist Versöhnung also die Zeit nicht wert? Ist nicht heute etwas geschehen, was beide Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion wieder zusammengeführt hat? Mich packt die Faszination. Aber es ist der persönlichere, beschwerlichere, längere Weg, den ich gehe und er zehrt mir an den Kräften. Ein Mann ist vor mir im Zwiegespräch in Tränen ausgebrochen, er lässt alles los, alles kommt raus, ich bin überwältigt von so viel Überdruss, Verzweiflung, Nähe, Worten, die so gut verstanden werden. Sie liegen wie Scherben zwischen uns auf dem kalten Boden, wir sind beide fassungslos. Er entschuldigt sich immer wieder, schämt sich, wie könne es denn angehen, dass er in einem fremden Land unter Fremden vor einer jungen Frau in Tränen ausbrechen und sich so verletzlich machen könne. Ich bin platt. Gehe ins Badezimmer, spritze mir Wasser ins Gesicht, einmal, zweimal, dreimal, trinke Wasser aus dem Leitungshahn, wische die verschmierte Wimperntusche ab, mag mir kaum in die geröteten Augen sehen, das kann ich jetzt nicht bringen, auch noch die Fassung zu verlieren. Da fehlt ja dann komplett die Fähigkeit das noch aufzufangen. Ich setze mich. Wir sehen uns in die Augen. Er merkt sofort, dass es auch was mit mir macht. Es ist unangenehm, ich reiße mich zusammen. Später wird er, werden sich beide bei mir entschuldigen, für was denn, verdammt? Es war wichtig. Es ist gut. Ihr habt euch versöhnt. Lasst uns zur Ruhe kommen und hoffen, dass der Sturm nicht mehr losbricht. Wir schließen einen Pakt. Kein Problem mehr bis Montag. Wir geben einander die Hand wie Kinder. Waffenstillstand. Ich hole tief Luft. Schließe die Tür hinter ihnen. 5 Minuten später werde ich wieder öffnen. Eine Flut neuer Anfragen. Aber auch viel Geduld. Respektvolles Miteinandersein. Vertrauen ist wie eine Pflanze, die wächst, nur wenn man sie pflegt.
"Du kannst ja fast jeden Namen hier", sagt einer mir später. Du bist ja auch kaum hier, gebe ich freundlich zurück, bist ja ständig unterwegs. "Du hast ein gutes Gedächtnis. Ich habe deinen Namen schon wieder vergessen. Siehst du. Bitte schreib ihn auf." Ich lächele. Später wird einer mich fragen, ob er mir Arbeit abnehmen kann. Ich gebe diesem Chaoten dankbar ein paar Botendienste ab und bin ein wenig stolz, dass er sich so positiv entwickelt hat. Später wird einer fragen, ob ich noch einen Kaffee möchte. Ich werde dankend annehmen. Später wird mich eine fragen, ob ich mit ihr Pizza essen möchte. Sie hat gerade gebacken, für mich und ihren Mann. Später wird mich ein Mädchen in ihr Zimmer bitten und mir ein Glas Wasser anbieten. Ich muss viel zu schnell weiter. Später werden mir Menschen über den Rücken streichen und die Schulter klopfen, während ich einen letzten Gang durch die Flure unternehme. Lächeln. Dankbarkeit. Später werden sie mir "Ein schönes Wochenende", wünschen und ein kleines Mädchen wird mir schreiend und lachend hinterherlaufen, ich werde meine Arme ausbreiten und sie wird hineinfallen, wie ein wildes Flugzeug. Ich werde sie in die Luft heben und sie dann absetzen, und sie fort von der gefährlichen Schnellstraße wieder zu ihrer Mutter zurücklaufen lassen. Verstehst du, das ist Leben dort. Freude und Leid nebeneinander. Welch ein Glück es ist, wenn der Boden von dem nassen Wischmop glänzt, Menschen nebeneinander draußen in der Sonne sitzen und gemeinsam Tischtennis und Fußball spielen. Welch ein Glück, wenn Friede ist und du Teil davon sein kannst. Die Kunst ist der Abstand. Das Sparen der eigenen Kräfte. Ich schließe erneut die Augen. Der Geruch von Shisha immer noch in meiner Nase, wie man sie vor dem Haus geraucht hat. Ich atme ein. Loslassen jetzt. Gott passt ja auf. Ich atme aus. Wochenende.