Ein Gesicht, die Lippen geschlossen beim Lächeln. Ein junger Mann, stämmig, er trägt seine Haare kurz, die Augen braun und weich. Sie beobachten mich stumm. Nicht der Vater, nein. Der älteste Bruder. Ich sehe es, in den Formularen. Die unausgefüllten Felder neben "Vater" und "Mutter" leer, als ob man sie beim Stellen des Antrags einfach übergangen hätte. You are not the father? - Er schüttelt den Kopf. Brother. Ich ergänze es in den Unterlagen. Der Kugelschreiber bleibt über dem Blatt in der Luft hängen. Man wehrt sich gegen die Wahrheit, einen kurzen Moment, aber man will doch wissen, was. The parents are dead? Die Stimme ist leise, eher ein Flüstern. Seine Antwort kommt wenig überraschend und erstaunlich gefasst. Ich sehe sie auf dem Schlauchboot, die Überfahrt kostet dich 15 Minuten, wenn alles gut geht, und ein Leben, wenn es schlecht läuft. Oder, ist es der Tod der Eltern, der diese Geschwister, von denen das jüngste im Grundschulalter ist und das älteste der Vater hätte sein können, dazu bewegt hat, zu gehen. Ich sehe auf und Blicke treffen sich. Ein Waise. Er hat die Stimme eines Vaters und ist doch selbst Kind. The doctors want to know, did she have any accidents? Ich arbeite mich mühsam durch die Fragebögen durch. Er verneint. Ich mache Kreuze. Er verneint. Ich mache Kreuze. Deutsche Bürokratie. Wer liest das eigentlich durch? Ich schweife ab. - She fell in water. Ich bin nicht darauf gefasst und hebe den Kopf. Er lächelt. Der Mund bleibt geschlossen. Verständnislos warte ich auf Erklärungen. Dann fügen sich Puzzleteile zusammen. Was in den Nachrichten zu sehen war, hier ist es real. Der kleine Junge, tot an den Strand gespült. Ertrunken. Ein kleines Mädchen, aus dem Boot gespült, sie mussten es wiederbeleben, Wasser in der Lunge, Angst, Angst, Angst, - sie lebt und sie ist hier. Nächste Woche soll sie eingeschult werden. Ein kleiner Körper, der lebt.